Bequemer Blindflug:
Cognitive Surrender als stiller Autopilot im Alltag
Christoph M. Endres, sequire technology GmbH
(Titelbild: KI-generiert mit ChatGPT)
Kurz und Bündig
Künstliche Intelligenz verschiebt den klassischen Zielkonflikt zwischen Sicherheit und Bequemlichkeit deutlich. Durch Automatisierung, Intransparenz und hohen Datenbedarf entstehen neue Risiken, die oft schwer erkennbar sind. Studien zeigen, dass Menschen KI-Ergebnisse zunehmend ungeprüft übernehmen. Gleichzeitig fördern einfache Zugänglichkeit und sogenannte Schatten-KI unsichere Nutzung im Alltag und im Unternehmen.
Die Tür fällt ins Schloss, ein Klick, und alles wirkt sicher. Im Hintergrund jedoch laufen längst Prozesse, die Entscheidungen treffen, Daten verarbeiten und Abläufe steuern, ohne dass wir jeden Schritt nachvollziehen. Komfort fühlt sich gut an, Kontrolle dagegen oft mühsam. Wie viel Aufmerksamkeit schenken wir noch dem, was im Verborgenen passiert, während wir uns auf Ergebnisse verlassen?
In unserem Alltag haben wir gelegentlich Ziele, die konträr sind. So ist es einerseits erstrebenswert, gut zu arbeiten und Karriere zu machen – andererseits ist es schön, viel Freizeit zu haben. Beides geht nicht, oder zumindest nicht problemlos.
Ähnlich verhält es sich mit Sicherheit und Bequemlichkeit. Diese beiden Konzepte liegen auf derselben Achse, aber diametral. Alles, was uns Sicherheit bringt, bringt auch Aufwand mit sich.
In der analogen Welt kann man das gut veranschaulichen mit einer Haustür-Metapher. Die Usability der Haustür wäre deutlich besser, wenn ich sie einfach ohne Schlüssel oder sonstige Schutzmechanismen öffnen könnte. Einfach nach Hause kommen und die Tür aufdrücken, ohne nach dem Schlüssel zu greifen oder die Einkäufe kurz abstellen zu müssen. Wäre das nicht toll?
Nein, und natürlich ist es in dieser Metapher absolut offensichtlich, dass kein Mensch das ernsthaft will. In der analogen Welt haben wir ein sehr gutes Gespür für Sicherheit. In der digitalen Welt ist das leider oft anders – hier merken wir oftmals nicht mehr, wann wir eigentlich das Schloss ausbauen.
Genau das passiert heute mit KI, insbesondere im aktuellen Trend der Agentic AI, also Künstlicher Intelligenz, die eigenständig Aufgaben plant, Entscheidungen trifft und ausführt, ohne dass jeder Schritt vom Menschen vorgegeben wird. KI verspricht Bequemlichkeit – und liefert auch. Ein Versprechen, von dem wir uns nur allzu gerne einlullen lassen, und dabei das Thema Sicherheit schnell aus dem Blick verlieren. Und da Kontrolle in der digitalen Welt üblicherweise selten sichtbar ist, ist das auch nicht weiter verwunderlich.
Bei Meldungen über Zwischenfälle durch unvorsichtige Verwendung von beispielsweise OpenClaw, einem Tool, das Künstliche Intelligenz direkt mit Systemzugriffen und Automatisierungen verbindet, schrecken wir dann natürlich doch wieder auf. Im Kern geht es aber nicht nur darum, dass wir unsicherer werden, sondern auch darum, dass wir auch weniger überprüfen, ob wir unsicher sind.
Historischer Kontext
Bequemlichkeit versus Sicherheit war schon immer ein Trade-Off. In der digitalen Welt ist hier der Umgang mit Passwörtern ein prominentes Beispiel. Wer mal eine Sicherheitsüberprüfung in einem Unternehmen durchgeführt hat, weiß, dass Menschen extrem kreativ werden, wenn es darum geht, sich Passwörter nicht merken zu müssen. Und mit “kreativ” ist hier gemeint, dass irgendeine Lösung gefunden wird, nicht notwendigerweise eine sichere Lösung: Passwörter auf einem Zettel unter der Tastatur, am Bildschirm, an der Pinnwand, oder im Browser gespeichert. Alles, aber bitte nicht auswendig lernen.
Auch im Bereich Bargeld versus Online-Banking siegt die Bequemlichkeit, und wirklich niemand liest Lizenzabkommen vor dem Bestätigen durch oder kümmert sich ernsthaft darum, die Cookie-Einstellungen für die “bessere Nutzererfahrung” ordentlich und im Sinne der eigenen Datensouveränität zu pflegen.
Aber obwohl wir in all diesen Fällen tendenziell eher nachlässig mit unserer Sicherheit umgehen, waren die Probleme bisher doch noch eher verständlich und sichtbar.
Das hat sich heute gewandelt. Wobei KI nicht den Konflikt verändert, sondern lediglich unsere Wahrnehmung davon.
Was KI neu macht
KI ist nicht einfach nur ein weiteres Komfort-Tool, sondern bringt gleich drei Aspekte ins Spiel, über die wir uns ernsthaft Gedanken machen sollten. Zunächst einmal ist es ein zentraler Aspekt von KI, Entscheidungen zu automatisieren und autonomisieren. Überspitzt könnte man sagen, es ist quasi der “Job” der KI, uns die Kontrolle zu entziehen. Dafür haben wir sie gebaut.
Autocomplete, also automatische Vervollständigungen von Eingaben, Recommender Systeme, die uns Inhalte oder Produkte vorschlagen, und digitale Assistenten, die Aufgaben für uns ausführen, nehmen uns in gewisser Weise Entscheidungen ab. Natürlich in der Hoffnung, dass sie so entscheiden, wie wir das wollen. Aber Hoffnung ist leider etwas ganz anderes als Sicherheit.
Ein zweiter Aspekt ist hier die Intransparenz der Systeme, die sogenannte “Black Box”. Natürlich gibt es Bestrebungen für “explainable AI”, also Ansätze, bei denen nachvollziehbar gemacht werden soll, wie und warum eine Künstliche Intelligenz zu einer bestimmten Entscheidung kommt, aber das funktioniert bei kleineren Systemen schon nur sehr schlecht, und bei sehr komplexen Systemen wird es, sagen wir mal, ein ambitioniertes Unterfangen. Kein unmögliches Problem, aber sicherlich nichts, was wir aktuell souverän im Griff haben. Kurz: Dinge können schiefgehen, und wir merken es nicht unbedingt unmittelbar.
Und nicht zuletzt ist da der Aspekt der datenhungrigen KI. Je besser ich meinen Assistenten personalisieren möchte, desto mehr Informationen muss ich über mich freigeben. Das ist nicht einmal Erpressung, sondern einfach eine technische Notwendigkeit. Für Laien ist es oftmals schwierig, sich vorzustellen, wie wertvoll Daten sein können, insbesondere wenn man sie in großen Mengen irgendwo abgreifen kann. Und wertvolle Daten schüren natürlich auf vielen Seiten Begehrlichkeiten, bei denen wir nicht immer davon ausgehen können, dass Zusagen über Datenschutz und Nicht-Verwendung von persönlichen Daten eingehalten werden. Damit sollten jetzt natürlich nicht alle, die Daten verwalten, unter Generalverdacht gestellt werden. Aber anzunehmen, dass es unter den großen Konzernen in der Tech-Branche gar keine schwarzen Schafe gibt, die Profit über Versprechen an die Nutzenden stellen, wäre vermutlich auch eher fahrlässig.
Cognitive Surrender – Wenn Bequemlichkeit Denken ersetzt
KI offenbart uns schon heute, nur wenige Jahre nachdem sie in der breiten Masse angekommen ist, eine unangenehme Nebenwirkung: Cognitive Surrender: Maschinen wirken seriös, deswegen übernehmen Menschen KI-Ergebnisse oftmals ungeprüft und mit hoher Zuversicht. Eine aktuelle Studie belegt das: “adapting AI outputs with minimal scrutiny” (Shaw & Nave, 2026, Thinking—Fast, Slow, and Artificial).
Zentral ist hier die Unterscheidung zwischen cognitive offboarding (ich benutze Tools, aber denke weiterhin selbst) und cognitive surrender (ich höre auf zu prüfen und übernehme Ergebnisse). Ein besonders interessanter Aspekt: bereits die reine Verfügbarkeit von KI kann dazu führen, dass Menschen “gedanklich aufgeben”.
Konkrete Spannungsfelder im Alltag
Um bei der eingangs erwähnten Metapher zu bleiben: Die rasante Entwicklung der Technik führt nicht nur dazu, dass wir nicht mitbekommen, wenn das Türschloss weg ist, wir bauen auch noch einen automatischen Türöffner mit Bewegungsmelder ein und irgendwie ist es uns egal. Das darf natürlich nicht passieren. Aber wie lässt es sich vermeiden?
Schauen wir uns mal die konkreten Beispiele im Alltag an. Privat benutzen wir Smart Home Technologie, bei der der Komfort mit der Option einer potenziellen Überwachung einhergeht. Und wir nutzen KI-Assistenten teilweise mit „cognitive surrender“, was uns sicherlich auch nicht gut bekommt.
Im beruflichen Kontext sehe ich immer wieder in der Beratung, wie sorglos und ungesichert KI schalten und walten kann. Die gesetzlichen Rahmenbedingungen, die der EU AI Act eigentlich ab August 2026 einfordern sollte, sind nach aktuellem Stand zwei Jahre nach hinten verschoben. Hinter dieser Verlängerung steht vermutlich die, durchaus sinnvolle, Idee, mehr Zeit zu haben, um die Absicherung von KI-Systemen mit mehr Vorlauf ordentlicher zu gestalten. Man braucht aber gar nicht mal allzu pessimistisch zu sein, um zu vermuten, dass die Realität anders aussehen wird: Das Thema wird zwei Jahre ignoriert, trifft dann alle Beteiligten trotzdem unvorbereitet, und konkrete Maßnahmen werden erst dann hoch priorisiert, wenn die ersten Abmahnungen kommen.
Manche Unternehmen machen es sich auch ganz einfach und folgen der Prämisse: „Wir setzen keine KI ein!“. An dieser Stelle im Gespräch kann ich mir üblicherweise die Frage nicht verkneifen: „Wissen Ihre Mitarbeitenden das auch?“. Hier kommt nämlich wieder der Komfort ins Spiel: In fast jedem Bürojob ist es verlockend, einen Browsertab mit beispielsweise ChatGPT oder Gemini offen zu haben und sich ab und an Arbeit abnehmen zu lassen. Das Konzept nennt sich „Schatten-KI“ und ist durchaus sehr real. Dabei kommt es dann üblicherweise zum Prompting mit sensiblen Daten ohne jegliche Absicherung und weiteren Problemen.
Als Regel lässt sich hier formulieren: Je einfacher die KI nutzbar ist, desto wahrscheinlicher wird eine unsichere Nutzung.
Die psychologische Dimension
Menschen bevorzugen Bequemlichkeit (Cognitive Ease), und letztendlich ist das gar nicht mal unbedingt eine schlechte Sache. „Work smart, not hard“ hat durchaus eine Berechtigung, da wir unsere Arbeit auf ein Ziel ausrichten und nicht darauf, möglichst viel bei der Erreichung des Zieles zu leiden. Und auch wenn Arbeitgebende es nicht gerne hören wollen: Angestellte werden nicht danach bezahlt, wie hart sie arbeiten, sondern wie schwierig es wäre, sie zu ersetzen. Mit der Bequemlichkeit einher geht nun aber die Verstärkung durch die KI, und so wird aus der bereits vorhandenen Security Fatigue schnell Security Ignorance. Was früher eine bewusste und sichtbare Risikoabwägung war, wird zur Gewohnheit ohne Reflexion.
Verschiebung der Verantwortung
Durch KI verschiebt sich die Verantwortung für Sicherheitsthemen oftmals auf eine sehr diffuse Art und Weise. Die Zuordnung war vorher einfacher. Nutzende sind verantwortlich, die Tür abzuschließen oder ein sicheres Passwort zu wählen. Bei KI haben wir eine Verteilung irgendwo zwischen Nutzenden, Anbietenden und scheinbar auch dem System selbst, das natürlich keine juristische Person ist und keine Verantwortung übernehmen kann.
Durch diese Diffusion der Verantwortung fühlt sich niemand mehr wirklich zuständig, ähnlich wie bei E-Mails mit zu vielen Personen im Verteiler, bei denen wir allzu gerne hoffen, dass jemand anderes schon antworten wird.
Was tun?
Haben wir hier Lösungsansätze? Können wir „sichere Bequemlichkeit“ bieten? Ja und nein. Die Konzepte „Security by Design“ und „Privacy by Design“ sind prinzipiell hinlänglich bekannt, was aber nicht notwendigerweise heißt, dass wir sie schon zufriedenstellend umgesetzt haben. „Transparente Systeme“ und „Lokale KI statt Cloud“ sind schnell mal als Buzzwords auf die Folie von Beratenden geschrieben; für die Umsetzung braucht man dann aber noch einmal sehr konkreten Aufwand und Konzepte der Technik.
Zwischenzeitlich hilft es, Nutzenden digitale Mündigkeit zu geben. Es muss durchgängig bewusst sein, welche Informationen preisgegeben werden und welche Aufgaben delegiert werden und welche Konsequenzen das hat. Nicht als technikfeindliche Abschreckung, sondern als Abwägung im Einzelfall.
Auch die Regulierung wird hier noch weitere interessante Denkanstöße liefern. Letztendlich ist ja auch sie kein Selbstzweck oder Gängelung durch die Gesetzgebung, sondern ein durchaus valider Ansatz, das Thema KI-Sicherheit greifbar zu machen.
Fazit
„Früher war alles einfacher“ wäre an dieser Stelle zu plakativ. Aber in der Tat ist die bisherige Frage „Hat die Tür ein Schloss? Ist sie abgeschlossen?“ recht einfach zu beantworten. Heute wissen wir vielleicht noch, ob die Tür offen oder geschlossen ist, aber was das heißt, wenn wir Bewegungsmelder, Gesichtserkennung und Cloud-Anbindung haben, ist schon nicht mehr ganz so einfach. Vielleicht ist die Frage gar nicht mehr, ob die Tür zu ist, sondern ob wir es überhaupt merken würden, wenn sie offen ist. Bleiben Sie sicher.