Vom Markt für den Markt
Open Source Frameworks als Fundament für die Plattformentwicklung in der Softwarebranche
Robin Brinkmann, Cloud Ecosystem e.V.
Kurz und Bündig
Viele Unternehmen beanspruchen den Trend „Plattform“ für sich. Nur die wenigsten sind jedoch „echte Plattformanbieter“. Oft fehlt das Kernelement – die Community. Open Source Frameworks wie der Open Integration Hub beschleunigen die Plattformentwicklung in der Softwarebranche und liefern die wichtigsten Erfolgsfaktoren mit: neue Technologien,maximale Unabhängigkeit und ein umfassendes Ökosystem.
Auf den ersten Blick scheint heute nahezu jedes Cloud-Angebotf ür Unternehmenssoftware eine „Plattform“ zu sein. Schaut man genauer hin, wird jedoch deutlich, dass nur die wenigsten Anbieter echte digitale Plattformen betreiben. Dabei sind die notwendigen Technologien und Ökosysteme bereits verfügbar – sogar als Open Source. Verschlafen die Digitalisierer die Digitalisierung?
Plattformen rücken durch ihren starken Einfluss auf unseren Alltag, sowie die oft marktbeherrschende Stellung, immer mehr in den Fokus. Dabei sind sie keine neue Erscheinung. Auch Giganten wie Google, Amazon oder eBay, nahmen ihren Anfang in den 1990er Jahren. Die gefühlte Allgegenwärtigkeit von Plattformen hängt vor allem damit zusammen, dass der Begriff sehr weit gefasst wird. Branchen und Unternehmen jeder Größe stehen vor der Herausforderung, neue Technologien anzunehmen, Geschäftsmodelle anzupassen und bieten die unterschiedlichsten Modelle an: sie reichen von sozialen Netzwerken, über Marktplätze, bis hin zu Portalen zur Verbreitung von neuen Technologien. Betrachtet man den Hintergrund der derzeit marktführenden Plattformanbieter, wird deutlich, dass sich gerade europäische Unternehmen mit dieser Transformation schwertun. Dies gilt auch für IT-Unternehmen und insbesondere Softwareanbieter – also die „Digitalisierer“ selbst.
Digitale Plattformen in der Softwarebranche
Für eine differenzierte Betrachtung digitaler Plattformen in der Softwarebranche muss zunächst der Begriff eingegrenzt werden. Eine erste Abgrenzung, sollte über die Zielgruppe erfolgen. Im zweiten Schritt sollte geklärt werden, ob es sich vom Geschäftsmodell her, um eine Plattform oder eine grundlegende Technologie handelt. Denn oftmals wird versucht, Modelle aus dem Privatkundenbereich auf Geschäftskunden zu übertragen. Dabei liegt es auf der Hand, dass ein Vergleich von sozialen Netzwerken oder e-Commerce-Marktplätzen mit auf Unternehmensprozesse spezialisierte Software wenig zielführend ist. Die meisten Softwareanbieter fokussieren sich auf Geschäftskunden und die effiziente Abbildung von Geschäftsprozessen. Sie orientieren sich mehr an der technischen Umsetzung als an der Innovation von Geschäftsmodellen oder Transaktionen zwischen Nutzern, wie es Ebay, Facebook, Uber oder Airbnb tun. Erfolgreichsind Plattformen in der IT-Industrie allerdings nur dann, wenn sie Infrastruktur und Software als Basis für Innovationen im Platform-as-a-Service-(PaaS)-Modell bereitstellen, wie Azure, Aws oder Google Cloud Platform. Auch auf Vernetzung ausgelegte Ökosysteme in Form von App Stores bieten große Chancen. Sie erweitern die Kernfunktionalität der Software und binden den Kunden stärker ein. Außerdem erschließen sie mögliche sekundäre Umsatzquellen durch Reselling, Apps, Gebühren für den App Store oder getätigte Transaktionen. Solche Ökosysteme entstehen oft um eine zentrale Lösung herum – zum Beispiel um ein Enterprise Ressource Planning (ERP) oder Customer Relationship Management (CRM). Es gibt aber auch neuere Plattformen, die sich rein auf die Bereitstellung von Schnittstellen zwischen beliebigen Anwendungen spezialisiert haben.
Verschlafen die Digitalisierer die Digitalisierung?
Digitalisierung ist keine Frage effizienter digitaler Prozesse, sondern neuer Geschäftsmodelle auf Basis von Technologie. Mit der Umsetzung dieser Tatsache tun sich viele IT-Unternehmen noch schwer. Um auf den Trend „aufzuspringen“ bewerben sie ihre Lösungen werbewirksam als Plattform – obwohl es sich nicht um echte Plattformen handelt. In den meisten Fällen fehlt das Netzwerk, dass sich selbst verstärkt und den Nutzen des Einzelnen mit der zunehmenden Community- Größe steigert. Eine Plattform muss den Netzwerkeffekt technologisch und organisatorisch ermöglichen sowie auf Basis möglichst vieler Daten aller Nutzer, das Angebot verbessern. Viele erfolgreiche Plattformen verfügen außerdem über ein Ökosystem mit zusätzlichen Mehrwerten für die Plattformnutzer. Besonders mittelständischen Softwareanbietern fehlen oft die Ressourcen, um eine erfolgreiche digitale Plattform zu etablieren. Das Risiko des Scheiterns ist groß, denn eine Plattform zielt auf eine Monopolstellung ab und funktioniert oftmals nur, wenn sie eine gewisse Größe erreicht. Wie können Anbieter dennoch einen Schritt in die richtige Richtung machen? s gibt mittlerweile ausreichend Literatur, die das Phänomen beschreibt und praktische Ansätze zur Umsetzung liefern. Zahlreiche PaaS-Angebote reduzieren zudem den Aufwand für die Entwicklung und das Aufsetzen neuer Plattformen. Open Source Software und offene Frameworks bieten Zugang zu Innovationen und können die Entwicklungszeit stark verkürzen.
Der Open Integration Hub
Mit dem Open Integration Hub fördert das Bundeswirtschaftsministerium in einem Sonderprojekt ein Open Source Framework, welches als Fundament vieler neuer digitaler Plattformen genutzt werden kann. Es besteht aus gekapselten Services, Standarddatenmodellen, Regelwerken und einer Community aus Konnektoren, die den Austausch von Daten zwischen beliebigen Geschäftsanwendungen vereinfacht. Sowohl die Konnektoren, als auch alle anderen Bestandteile werden ab dem ersten Tag, modular, zur freien Nutzung bereitgestellt. Dadurch entfällt der Aufwand für das Aufbauen eines eigenen Ökosystems. Die Einsatzmöglichkeiten sind vielfältig. Exemplarisch werden Integrationsplattformen, App Stores und Software-Marktplätze beschrieben. Integrationsplattformen wie Zapier oder Boomi erleichtern die Integration von Lösungen für Berater oder interne IT-Abteilungen. Sie reduzieren den Entwicklungsaufwand und können, je nach Ausgestaltung, sogar Anwendern ohne technische Kenntnisse ermöglichen, Daten über Systemgrenzen hinweg zu synchronisieren. Integrationsplattformen greifen häufig auf vorgefertigte Konnektoren zurück, welche dann individuell verwendet oder angepasst werden können. Damit können Integrationen bis zu einer gewissen Komplexität viel schneller und günstiger zur Verfügung gestellt werden. Ermöglicht es die Plattform beispielsweise, Vorlagen für gewisse Szenarien zu erstellen und anderen Nutzern anzubieten, kann ein Geschäftsmodell für die Vermittlung von Leistungen entstehen. Je höher die Anzahl der Nutzer ist, desto attraktiver wird es für Softwareanbieter, Entwickler oder Systemintegratoren, Standardkonnektoren zu entwickeln. Je mehr Konnektoren es gibt, desto wahrscheinlicher findet der Nutzer eine für seine Systemlandschaft passende Vorlage. App Stores ermöglichen dem Nutzer, seine Integrationen über einen zentralen Katalogzu verwalten – als Beispiel kann hier der AppExchange von Salesforce angeführt werden. Denn unabhängig von der Funktionstiefe der Lösung, werden in der Regel immer Schnittstellen zu anderen Systemen benötigt. So muss ein ERP heute oftmals mit Webshops oder speziellen Kundemanagement-Systemen verbunden sein, um einen Bestellprozess ganzheitlich abbilden zu können. Über einen eigenen App Store kann der Softwareanbieter funktionale Lücken schließen. Er wird zur Schaltzentrale aller digitalen Prozesse seines Kunden. Je nach Geschäftsmodell, können weitere Umsätze generiert werden. Beispielsweise über eine Gebühr für die Listung von Konnektoren, ein Reselling der angebundenen Lösungen oder eine nutzungsbasierte Abrechnung pro synchronisiertem Datensatz. Es bietet sich viel Gestaltungsspielraum. Software-Marktplätze bieten eine qualifizierte Übersicht an Lösungen und unterstützen die Nutzer bei der Auswahl geeigneter Software. Administrative Funktionen wie zentrale Abrechnung, Benutzerverwaltung oder Single-Sign-On vereinfachen die Nutzung vielfältiger Lösungen. Ergänzt um die Möglichkeit, standardisiert Daten zwischen den eingesetzten Anwendungen zu synchronisieren. kann ein Marktplatz deutliche Mehrwerte für Nutzer liefern. So können beispielsweise Suchfunktionen oder aggregierte Darstellungen über Systemgrenzen hinweg angeboten werden. Dies gilt insbesondere für kleine und mittlere Unternehmen beim Einsatz von Cloud-Lösungen.
Fazit
Open Source Frameworks, wie der Open Integration Hub, bieten viele wichtige Erfolgsfaktoren für die Entwicklung einer digitalen Plattform: neue Technologien, maximale Unabhängigkeit und ein umfassendes Ökosystem. Durch die Veröffentlichung des Codes und dessen freie Nutzung, werden innovative Geschäftsmodelle möglich. Auch wenn diese Tatsache auf den ersten Blick das Erreichen einer Monopolstellung schwieriger erscheinen lässt, sind die Chancen, ein Netzwerk aufzubauen und sich erfolgreich am Markt zu positionieren, in einer Open Source Community deutlich höher, als wenn man es aus eigener Kraft versucht. Hinzu kommt die Tatsache, dass eine Monopolstellung für den Erfolg der Plattform bei Verwendung von Open Source Frameworks sowieso nicht notwendig wäre. Schließlich greift man auf das Netzwerk aller Teilnehmer in der Community und sogar von Konkurrenten zurück. Konzepte, erfolgreiche Beispiele und Technologien für digitale Plattformen sind heutzutage ausreichend verfügbar. Funktionierende Open Source Communities liefern außerdem automatisch ein Ökosystem und kontinuierliche Innovation. Die Voraussetzungen, auch in Deutschland digitale Plattformen erfolgreich zu machen sind damit gegeben und viel besser, als noch zur Jahrtausendwende, wo viele der heutigen Vorbilder ihren Anfang nahmen. Was es braucht ist unternehmerischen Ehrgeiz, eine klare Strategie und vor allem eine Kultur der Offenheit und Innovation.