Retailing in Zeiten der Digitalisierung
Die Plattformen dominieren den Wettbewerb
Reinhard Schütte, Universität Duisburg-Essen
Kurz und Bündig
Auch wenn sämtliche Institutionen von der Digitalisierung betroffen sind, so wird der Handel besonders beeinflusst. Handelsunternehmen sind eigentlich Prototypen von Plattformen. Die aktuell dominierenden Plattformen kommen aber nicht aus dem Handel. Es erscheint daher in besonderem Maße verwunderlich, dass die Handelsbranchen die Rolle von Plattformen nicht intensiver würdigen, verbunden mit der Frage, warum die großen Handelsunternehmen bisher keine Plattform etabliert haben, sondern diese neue Marktmöglichkeiten vollständig anderen Akteuren überlassen haben.
Plattformen sind Mittler zwischen Angebot und Nachfrage und übernehmen die eigentlichen Aufgaben von Handelsunternehmen mit dem Unterschied, nicht Eigentümer der Handelsobjekte sein zu müssen. Digitalisierte Plattformen haben technologisch keine Skalierungsgrenzen und können dadurch in enormer Geschwindigkeit Größenvorteile gegenüber Wettbewerbern erreichen und auszunutzen. Dem Handel stellen sich existenzielle Fragen: Sind Handelsinstitutionen in Zeiten von Plattformen überhaupt noch erforderlich und wenn ja, sind wesentliche Aufgaben von Handelsunternehmen erheblichen plattformgetriebenen Veränderungen unterworfen?
1. Die Digitalisierung als Herausforderung für Handelsunternehmen
Das Ziel unternehmerischer Bestrebungen besteht darin, sich auf dem jeweils relevanten Markt dem Wettbewerb gegenüber nicht nur zu behaupten, sondern die wirtschaftlichen Unternehmenshandlungen so auszugestalten, dass dieses Wettbewerbsvorteile realisiert. Die einzelne Marktpositionierung wird durch die Digitalisierung von Unternehmen, Gesellschaft und individueller Handlung erheblich beeinflusst. Erstens werden die Unternehmen von innen heraus verändert, denn Abläufe und Strukturen sind zunehmend angesichts der technologischen Entwicklungen in Frage zu stellen. Zweitens können Wettbewerber aufgrund der Vernetzungsmöglichkeiten – mit anderen Unternehmen, mit Kunden, etc. – sehr schnell etabliert werden. Traditionell sind die bekannten Wettbewerber im besonderen Fokus des Strategischen Managements, in Zeiten der Digitalökonomie hingegen wird der unsichtbare Wettbewerber der gefährlichere.
Die Digitalisierung und insbesondere Plattformen führen zu einer anderen Struktur und auch einer anderen Abstimmung von Angebot und Nachfrage. Abbildung 1 stellt dar, wie eine eher von der Angebots- oder Nachfrageseite implizierte Veränderung erfolgen kann. Bei den drei im oberen Teil der Abbildung enthaltenen Bereichen wird durch Plattformen eine bessere Verbindung von Angebot und Nachfrage in Form neuer Märkte möglich (zum Beispiel Google Search, Wikipedia). Die Abstimmung von nachgefragten zu angebotenen Kapazitäten durch die weltweite Konnektivität von Kapazitätsangebot und -nachfrage wird einfacher (zum Beispiel Cloud-Dienste werden nach dem Follow-the-Sun-Prinzip angeboten und nachgefragt, Wohnungen werden in freien Zeiten über Airbnb vermietet) und das virtualisierte Kundenangebot kann differenzierter unterbreitet werden, um eine bisher nicht befriedigte Nachfrage zu erschließen (zum Beispiel einzelne Musiktitel).
Auf der unteren Hälfte von Abbildung 1 werden die Plattformoptionen bei der Marktbearbeitung deutlich, die eine stärkere Veränderung von Marktstruktur und -verhalten – und damit des Marktverhaltens und der Strategie des Unternehmens – hervorrufen. Es werden zusätzliche Leistungsinhalte durch die Anbieter offerierbar (zum Beispiel Informationen über die Ankunftszeit eines Pakets, eine netzorientierte Kommunikation mit Freunden). Auf der Lieferantenseite sind Veränderungen zu beobachten, die vor allem zu erheblichen Effizienzvorteilen führen (zum Beispiel Zara mit effizienten, informationsgetriebenen Supply Chains).
Vor dem Hintergrund der Digitalisierungsbestrebungen im allgemeinen und der Plattformtendenzen im speziellen stehen Handelsunternehmen als Mittler zwischen Anbietern und Nachfragen vor einer besonderen Herausforderung: Sind Handelsinstitutionen in Zeiten von Plattformen überhaupt noch erforderlich und wenn ja, sind wesentliche Aufgaben von Handelsunternehmen erheblichen plattformgetriebenen Veränderungen unterworfen?
2. Digitalisierungspotenziale in Handelsunternehmen und Plattformen
Die mit der Digitalisierung einhergehenden Veränderungen setzen auf einer Makroebene ein Verständnis der mit Handelsfunktionen intendierten Aufgaben voraus, die auf den Ebenen Ware, Geld/Kapital und Information in vier Überbrückungsdimensionen dargestellt werden können (vgl. Abbildung 2) . Die Informationen sind in besonderem Maße digitalisierbar; es ist lediglich eine ökonomische Frage, ob es auch faktisch zur Digitalisierung kommt. Die mitunter geringen Umsetzungsgrade von EDI deuten an, dass offensichtliche Digitalisierungspotenziale nicht zwingend gehoben wurden. Auf der Ebene Geld, den Entgeltobjekten, gibt es zwar auch Bereiche, in denen noch analog verfahren wird, allerdings scheint die vollständige Digitalisierung von Zahlungsprozessen kurz vor der massenhaften Verbreitung zu stehen.
Die dritte Ebene repräsentiert die originären Zwecke von Handelsunternehmen: die Distribution der Realgüterströme. Einer Digitalisierung materieller Objekte sind zwar Grenzen gesetzt, allerdings können unter anderem ehemals als Markteintrittsschranken vorgesehene Logistikstrukturen bei einer veränderten Konsumentensituation (zum Beispiel beim Online-Handel) zu einer gefährlichen Marktaustrittsschranke werden.
Neben Digitalisierung, Digitaler Transformation und Disruption ist Plattform ein vierter Begriff, der zum Nexus der Digitalisierungsdiskussion gehört. Dabei ist ein mitunter diffuses Verständnis des Begriffes zu beobachten. Für das nachfolgend zu diskutierende Plattformverständnis ist es wichtig zwischen dem Charakter einer Plattform und seiner ökonomischen Wirkung zu unterscheiden.
In der Literatur werden in der Regel drei unterschiedliche Plattformtypen unterschieden : transaktionale, Innovations- und integrierte Plattformen. Transaktionalen Plattformen ist zu eigen, dass diese Transaktionen zwischen Individuen oder Unternehmen ermöglichen. Innovations-Plattformen sind solche technischen Artefakte, mit deren Hilfe weitere Artefakte erzeugt werden können. Sie sind sehr häufig Softwareplattformen oder Plattformen mit einem hohen Anteil an Softwarekomponenten, denn diese sind erforderlich, um neue Lösungen erstellen zu können. Integrierte Plattformen umfassen beide Plattformtypen.
Plattformen sind ökonomisch betrachtet „multi sided markets“ , die aus der Verknüpfung unterschiedlicher Akteure ihre erhebliche ökonomische Wirkung entfalten. Das wesentliche Merkmal von Plattformen sind indirekte Netzeffekte. Der Plattforminhaber selbst oder eine andere Institution als Intermediär betreibt eine Plattform, die indirekte Netzeffekte internalisiert, die durch die Verknüpfung der beiden Marktseiten entstehen. Dabei ist die Attraktivität dieses Marktes erst gegeben, wenn eine hinreichende Durchdringung der jeweils anderen Marktseite gegeben ist.
Im Beispiel von Abbildung 3 (Google Android, Apple IOS) wird erst bei einer Mindestzahl auf dem Entwicklermarkt oder dem Nutzermarkt ein Effekt sichtbar, der sich dann mit der immer weiter steigenden Zahl an Nutzern oder Entwicklern zu einer dominanten Plattform entwickelt. Das enorme Wachstum an Apps bei Apple durch das Aufkommen von IOS und der hinreichend hohen Anzahl an IOS-Usern ist ein Beispiel dafür, welche Wirkmächtigkeit Plattformen ermöglichen. Es gibt Skaleneffekte für die Entwickler, für die Nutzer und indirekte Netzeffekte dadurch, dass der Anwender auch davon profitiert, wenn es mehr Entwickler gibt. Die Summe der Netzeffekte repräsentiert die ökonomische Macht einer Plattform.
Plattformen sind Mittler zwischen zwei Marktseiten, so dass sie vor allem auch aus einer Handelsperspektive Aufmerksamkeit erfahren sollten. Handelsunternehmen sind Wirtschaftssubjekte, die Produkte oder Leistungen einkaufen, um diese an eine andere Marktseite zu verkaufen. Damit sind Handelsunternehmen Prototypen von Plattformen, welche eher als Absatzhelfer fungieren, da Sie kein Eigentümer der Objekte des Handels sind. Es erscheint daher in besonderem Maße verwunderlich, dass im Kontext von diversen Handelsbranchen die Rolle von Plattformen nicht intensiver gewürdigt wird, verbunden mit der Frage, warum die großen Handelsunternehmen bisher keine Plattform etabliert haben, sondern diese neue Marktmöglichkeiten vollständig anderen Akteuren überlassen haben.
3. Multi-sided-Plattformen und Handelsunternehmen
Multi-Sided-Plattformen sind die wirkmächtigsten Plattformen. Sie ermöglichen Interaktionen bzw. Transaktionen zwischen zwei oder mehr Marktseiten und ihren Akteuren, so dass Akteure von einer Marktseite umso eher auf der Plattform aktiv sind, wenn mehr Teilnehmer von der anderen Marktseite präsent sind. Zur Erreichung dieser Situationen sollen Transaktionen einfacher, effizienter und leistungsfähiger sein als dies bei einer traditionellen Transaktionsabwicklung der Fall ist. Die Transaktion dient der Abwicklung von Ein- oder Verkaufsvorgängen zwischen einem Kunden und einem Lieferanten (unabhängig von der Handelsstufe). Eine exemplarische, keinesfalls abschließende Aufstellung kann Abbildung 4 entnommen werden.
Aus Sicht von Handelsunternehmen ist ein wesentliches Charakteristikum interessant, welches sich aus der Gegebenheit mehrseitiger Märkte ergibt. Handelsunternehmen sind immer Vermittler auf einseitigen Märkten, sie nehmen grundsätzlichen die Aufgaben zur Unterstützung der Transaktionsphasen Anbahnung, Vereinbarung, Durchführung und Anpassung auf einem Markt wahr. Der Unterschied zu den modernen Plattformen ist, dass diese auch mehrseitige Marktphänomene forcieren, was Handelsmanagern ökonomisch möglicherweise nicht hinreichend transparent ist . Diese Mehrseitigkeit der Märkte ermöglicht die Nutzung indirekter Netzeffekte durch den Intermediär.
Die wohl bekannteste Plattform im Handel, die zugleich eine der weltweit größten Plattformen überhaupt darstellt, ist amazon.com. Aufgrund seiner Nachahmung in vielen Ländern der Welt und der Übertragung auf spezifische Angebotssituationen, sollen einige thesenartige Überlegungen zu dem Geschäftsmodell von Amazon vorgestellt werden, die die Wirkungsweise von Plattformen verdeutlichen. Aus Sicht eines Buchhändlers ist der Buchhandel ein Markt, indem es eine Zusammenkunft von Angebot und Nachfrage gibt. Lange Zeit wurde Amazon vor allem als Online-Buchhändler angesehen, dem es als einem der ersten aufgrund des Kindle gelungen war, ein idealtypisches Digitales Produkt auch als solches den Kunden zu offerieren. Nun ist aber die technische Plattform von Amazon nicht nur in der Lage, Bücher im Sinne eines einseitigen Marktes anzubieten, sondern die Plattform repräsentiert eine Fähigkeit, die beliebige Märkte zusammenbringen kann. Dabei nimmt die Attraktivität der Plattform für die Nachfrager stetig zu, wenn unterschiedliche Angebote offeriert werden. Die virtuelle Plattform von Amazon ist damit weit wichtiger als das Objekt des Handels an sich, denn die Fähigkeit, eine Plattform zu konzipieren, zu betreiben und weiter zu entwickeln wird zur zentralen Voraussetzung im Wettbewerb. Dies wird auch aus den Überlegungen von Jeff Bezos deutlich, der diese Besonderheit erkannt hat. Demzufolge ist Amazon eine Plattform, die einfach in der Lage ist, für Anbieter immer mehr Konsumenten zu erreichen. In besonderem Maße drückt sich dies darin aus, dass die Internetnutzern heute bei Produktsuchen nicht mehr über Google, sondern über die Webseite von Amazon die Anbahnungsphase beginnen. Derjenige Anbieter, der die erste Phase einer Transaktion begleitet, dürfte dabei in besonderem Maße für den Kunden auch für die Folgephasen – und damit den ökonomischen Erfolg – in Betracht gezogen werden. Die Plattform stellt damit die Fähigkeitsvoraussetzung dar, die bereits in der Automobilindustrie für die ökonomisch realisierbare Produktvielfalt erforderlich gewesen ist. Die Zukunft ist nicht vorhersehbar und aus strategischer Managementperspektive bedarf es eines Weges, der verändert werden kann. Amazon hat die Veränderung beim Cloud-Computing umsetzen können, da es die damit verbundenen Produkte (Amazon Web Services für die Datenverarbeitung, die Rechenkapazitäten oder den Betrieb von Systemen) über die Plattform abbildet. Dabei ist eine Plattform nicht nur die technische Gegebenheit, sondern repräsentiert eine andere Sichtweise auf den Wettbewerb und die Organisationen. Zudem ist eine Plattform nicht mehr ohne erforderliche informationstechnologische Kompetenzen realisierbar. Diese werden zum Betriebssystem eines Unternehmens. Plattformen ermöglichen damit eine einzigartige Veränderung des Wettbewerbs, die wiederum nur durch die Digitalisierung so mannigfaltig etabliert werden konnten. Es werden aufgrund der informationstechnisch kaum vorhandenen Skalierungsgrenzen weltweit in enormer Geschwindigkeit Größendimensionen erreicht, die in vordigitalen Zeiten undenkbar waren. Die Macht der Plattformen begründet sich vor allem in der Fähigkeit, die vorhandenen Netzeffekte in einem kurzen Zeitraum effizient zu nutzen und damit die Größenvorteile gegenüber anderen Wettbewerbern frühzeitig auszunutzen. Im Vergleich zu diesen Entwicklungen von Plattformen erscheinen traditionelle Handelsunternehmen strategisch nicht flexibel genug zu sein. Einseitige Märkte, so wäre die provokante These, werden – bei vielen Effizienzvorteilen – vielleicht nicht in der Lage sein, Plattformanbieter vom Eindringen in deren Märkte zu verhindern. Die indirekten Netzeffekte werden ökonomisch die Effizienzvorteile möglicherweise überkompensieren, so dass im Ergebnis viele heute existierende Handelsunternehmen langfristig nicht wettbewerbsfähig sein werden.