Zwischen Speedbooten und Tankern:
Innovation trifft Industrie
Srinath Rengarajan, Branchenexperte im Gespräch mit Milena Milivojevic, IM+io
Kurz und Bündig
Die Automobilbranche setzt verstärkt auf Elektromobilität, wobei Pkw zunehmend batterieelektrisch werden und Brennstoffzellen bei Nutzfahrzeugen eine Rolle spielen. Startups treiben Innovationen voran, kämpfen jedoch mit Finanzierung und Lieferketten. Große Herstellende setzen auf Partnerschaften mit Batterieproduzierenden und Softwareunternehmen. Herausforderungen bleiben die Ladeinfrastruktur und die Abhängigkeit von asiatischen Märkten.
Die Automobilindustrie steht am Wendepunkt: Während sich Elektroautos zunehmend auf den Straßen etablieren, steht die Branche vor weit größeren Herausforderungen als nur dem Wechsel des Antriebs. Die gesamte Wertschöpfungskette muss neu gedacht werden – von der Rohstoffbeschaffung über die Batterieproduktion bis hin zur Ladeinfrastruktur und digitalen Plattformen. Wie können Start-ups, Großunternehmen und Wissenschaft gemeinsam die Herausforderungen meistern? Und welche Rolle spielen Politik und Infrastruktur bei dieser Transformation?
IM+io: Was ist Ihr beruflicher Hintergrund, und worauf liegt Ihr aktueller Fokus?
SR: Ich habe vor 14 Jahren in der Automobilbranche in Deutschland angefangen und meine berufliche Reise mit einer Doktorandentätigkeit bei einem Herstellenden begonnen. Damals habe ich an strategischen Projekten gearbeitet, insbesondere in China, wo ich gemeinsam mit meinem Team die Entwicklung eines Joint Ventures unterstützte. Diese Phase hat mir wertvolle Einblicke in internationale Märkte und die Bedeutung strategischer Partnerschaften gegeben. Später wechselte ich in die Strategieberatung und war bei Oliver Wyman tätig, wo ich die globale Automobilforschung leitete. Dort arbeitete ich mit führenden Herstellenden, Lieferunternehmen und Investor:innen zusammen. Vor rund drei Jahren habe ich mich bewusst für den Wechsel in die Welt der Start-ups entschieden, da ich dort ein enormes Potenzial sehe, schnell und effektiv innovative Lösungen zu entwickeln. Aktuell liegt mein Fokus auf erneuerbaren Energien und emissionsfreier Mobilität. Ich arbeite an Plattformlösungen und an der Optimierung der Wertschöpfungskette, um die Transformation hin zu einer sauberen Mobilität zu beschleunigen.
IM+io: Wie sehen Sie die technologische Entwicklung emissionsfreier Fahrzeuge? Was erwarten Sie für die nächsten Jahre?
SR: Die Entwicklung emissionsfreier Fahrzeuge wird maßgeblich von der Art des Antriebs geprägt. Während sich bei Pkw der batterieelektrische Antrieb als Standard etabliert hat, sieht die Situation bei Nutzfahrzeugen differenzierter aus. Hier bestimmen Nutzungsprofile und Anforderungen wie Reichweite oder Ladezeiten, welche Technologie sinnvoll ist.
Für schwere Lkw und Langstreckenfahrten spielen Brennstoffzellen und Wasserstoffantriebe eine zentrale Rolle. Das liegt daran, dass Batterietechnologien hier aufgrund von Gewicht und Ladezeit an ihre Grenzen stoßen. Wir sollten auch erkennen, dass Wasserstoff dazu beitragen kann, Herausforderungen bei der Auslastung des Stromnetzes zu umgehen. Dies ist nur möglich, wenn wir den richtigen Mix aller verfügbaren Technologien und Energiearten aus einer Systemperspektive nutzen. Auch Technologien wie Wasserstoff-Verbrennungsmotoren könnten in speziellen Anwendungen relevant werden.
Ein weiterer Aspekt ist die kontinuierliche Weiterentwicklung der Batterieproduktion. Nachhaltigkeit in der Rohstoffgewinnung und Recyclingfähigkeit sind hier entscheidende Faktoren. Es bleibt spannend, wie Innovationen wie Festkörperbatterien oder die Optimierung der Zellchemie die Reichweite und Lebensdauer von Batterien weiter verbessern können.
IM+io: Was sind die größten Herausforderungen bei der Gestaltung von Wertschöpfungsketten in der Automobilindustrie?
SR: Die Wertschöpfungsketten in der Automobilbranche befinden sich in einem tiefgreifenden Wandel. Start-ups kämpfen oft mit dem Zugang zu Kapital, was die Entwicklung und Marktreife innovativer Technologien verzögern kann. Viele gute Ideen scheitern nicht an der Technik, sondern an der Finanzierung.
Großkonzerne hingegen stehen vor der Herausforderung, neue Partnerschaften mit Lieferanten einzugehen, da sie nicht mehr alle Technologien selbst entwickeln können. Insbesondere in der Softwareentwicklung und bei Batteriesystemen müssen sie auf externe Beteiligte setzen, oft aus anderen Industrien oder Regionen wie Asien. Hier entsteht eine neue Dynamik, die die bisherigen Machtverhältnisse innerhalb der Branche verändert. Darüber hinaus erschwert die steigende Komplexität globaler Lieferketten die Kostenkontrolle.
Nachhaltigkeitsanforderungen, geopolitische Spannungen und die Abhängigkeit von wenigen Rohstoffquellen sind zusätzliche Herausforderungen. Unternehmen müssen ihre Strategien überdenken, um flexibler und resilienter zu werden.
IM+io: Welche Unterschiede sehen Sie zwischen Start-ups und Großkonzernen bei der Umsetzung von Innovationen?
SR: Start-ups sind schnell, agil und innovativ – sie agieren wie Speedboote, während Großkonzerne wie Tanker sind. Start-ups können Technologien in kleineren Teams entwickeln und haben den Vorteil, flexibel auf Marktbedürfnisse zu reagieren. Großkonzerne bringen hingegen die finanziellen Ressourcen und die Skalierungsfähigkeit mit, um Innovationen global umzusetzen.
Die ideale Lösung liegt in der Zusammenarbeit: Start-ups profitieren von der Infrastruktur und Erfahrung großer Unternehmen, während diese von der Innovationskraft und Agilität der Start-ups lernen können. Venture-Fonds und Innovationsplattformen sind hier zentrale Brücken, um die Synergien zwischen beiden Welten zu nutzen.
IM+io: Wie wichtig ist die Zusammenarbeit zwischen Industrie und Wissenschaft?
SR: Die Zusammenarbeit zwischen Industrie und Wissenschaft ist essenziell, um Innovationen voranzutreiben. Universitäten verfügen über interdisziplinäre Kompetenzen, die Unternehmen oft fehlen. Diese Expertise kann in gemeinsamen Forschungsprojekten genutzt werden, um neue Technologien schneller und praxisnah zu entwickeln. Gleichzeitig profitieren Studierende von diesen Kooperationen, da sie früh Einblicke in reale Anwendungen erhalten und besser auf ihre zukünftigen Aufgaben vorbereitet werden.
Ein Beispiel ist die Entwicklung neuer Batterietechnologien. Hier arbeiten Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftler an innovativen Materialien, während Unternehmen diese Erkenntnisse in die Produktion überführen. Solche Partnerschaften schaffen systemische Innovationen, die weit über Einzelprojekte hinausgehen.
IM+io: Welche Maßnahmen sollte die Politik ergreifen, um emissionsfreie Mobilität und Nachhaltigkeit voranzubringen?
SR: Die Politik spielt eine entscheidende Rolle, indem sie klare Rahmenbedingungen schafft. Subventionen, Investitionen in Ladeinfrastrukturen und Forschungsprogramme sind zentrale Hebel, um die Transformation zu beschleunigen. Gleichzeitig sollte die Politik internationale Kooperationen fördern, um Wissen und Ressourcen effizienter zu nutzen.
Ein besonders wichtiger Punkt ist die Planungs- und Investitionssicherheit. Unternehmen brauchen langfristige Stabilität, um große Projekte umzusetzen. Kurzfristige Änderungen bei Förderprogrammen oder Standards können die Entwicklung ausbremsen. Nur durch eine enge Zusammenarbeit von Politik, Industrie und Wissenschaft können wir die gesteckten Klimaziele erreichen.
IM+io: Welche Rolle spielt die Lieferkette bei der Transformation zur emissionsfreien Mobilität?
SR: Die Transformation zur emissionsfreien Mobilität verändert die Anforderungen an die Lieferkette grundlegend. Automobilherstellende müssen neue Partner gewinnen, insbesondere in den Bereichen Batterietechnologie und Software. Viele Schlüsselkomponenten stammen aus Asien, was die Abhängigkeit von einzelnen Märkten verstärkt. Europäische Herstellende müssen Strategien entwickeln, um diese Abhängigkeiten zu reduzieren – etwa durch eigene Produktionsstätten oder strategische Partnerschaften. Zudem gewinnen Nachhaltigkeitsaspekte an Bedeutung: Die Herkunft von Rohstoffen, Recyclingprozesse und CO₂-neutrale Lieferketten beeinflussen zunehmend die Wettbewerbsfähigkeit der Industrie.
IM+io: Welche Herausforderungen sehen Sie bei der Lade- und Wasserstoffinfrastruktur?
SR: Die größte Herausforderung liegt im sogenannten „Henne-Ei-Problem“: Ohne ausreichende Lade- und Wasserstoffinfrastruktur zögern Unternehmen und Verbrauchende den Umstieg, doch ohne ausreichende Nachfrage fehlen Investitionen in den Ausbau. Besonders Wasserstoffprojekte scheitern oft an fehlenden Abnehmenden. Politik und Industrie müssen daher gemeinsam Standards setzen, Investitionen fördern und langfristige Planungssicherheit schaffen, um den Hochlauf dieser Infrastruktur zu ermöglichen.
IM+io: Was ist Ihre persönliche Vision für die Zukunft emissionsfreier Fahrzeuge?
SR: Meine Vision ist eine vollständig integrierte Mobilitätslandschaft, in der erneuerbare Energien, emissionsfreie Fahrzeuge und intelligente Plattformen nahtlos miteinander verbunden sind. Die Transformation ist eine enorme Herausforderung, die von allen Beteiligten – Unternehmen, Politik, Wissenschaft und Gesellschaft – gemeinsames Handeln erfordert. Ich glaube, dass wir bis 2040 entscheidende Fortschritte sehen werden, wenn wir jetzt die richtigen Weichen stellen.