Plattformen im Mittelstand – Stolpersteine und Wegweiser
Two-Sided-Markets als Geburtsstunde des Plattformtrends
Max Görner, Maren Rixen, Allfoye Managementberatung
Kurz und Bündig
Für den Mittelstand ist das Einführen einer Plattform oft mit vielen Fragezeichen verbunden. Klar ist, es gibt Vorteile, die vor allem in der Langfristigkeit dieser Lösung und dem deutlichen Nutzen für den Endkunden liegen. Unsicher macht viele Unternehmen die Änderung ihres Geschäftsmodells. Gelingen kann eine Plattformlösung und damit eine Geschäftsmodelländerung, wenn sich das Unternehmen an einige Grundregeln hält.
Vor allem der Mittelstand tut sich oft schwer, die Vorteile von Plattformen als neue Erlösoption einzuschätzen und zu adaptieren. Die Kooperation oft gleichberechtigter Marktteilnehmer gehört nicht zum traditionellen Erfahrungshorizont. Dennoch bietet eine Veränderung traditioneller Geschäftsmodelle auch langfristig Vorteile für KMU. Auf dem Weg dorthin aber existieren Stolpersteine, die es zu vermeiden gilt.
Seit 2005 ist der Begriff des „Two-Sided-Markets“ der zentrale Ankerpunkt, wenn es um die Veränderung der Märkte geht. Spätestens nach dem Nobelpreis für den Autoren Jean Tirole sind Plattforminitiativen auf der strategischen Landkarte der meisten Unternehmen aufgetaucht. Der Begriff „Plattform“ wird teils mehrdeutig benutzt, bezeichnet aber eigentlich Geschäftsmodelle, die sich nicht auf das Management einer Wertschöpfungskette, sondern die Verknüpfung von Marktakteuren, insbesondere Lieferanten und Kunden, aber auch Wettbewerbern spezialisieren. Besonders vor dem Hintergrund der Digitalisierung und damit verbundenen digitalen Plattformen beobachten viele Unternehmen die Möglichkeit über Plattformen neue Erlösoptionen und Kooperationen einzugehen. Gerade der Mittelstand tut sich eher schwer, sich mental auf ein neues Geschäftsmodell einzulassen, bei dem mehrere – oft gleichberechtigte – Marktteilnehmer kooperieren.
Es kann hier schon festgehalten werden, dass die Nähe zum Endkunden und dessen Wertzuwachs durch die Plattform einer der zentralen Erfolgsfaktoren ist. Auch gilt, dass Plattformen dem Wirtschaftlichkeitsgesetz unterliegen: sie gewinnen an Attraktivität, je größer Angebot und Nachfrage sind. Wichtig ist hierbei, dass die handelnden Akteure (Personen und Organisationen) sowohl Anbieter als auch Nachfrager sein können. Plattformen reißen somit Grenzen auf und bieten neue Chancen für sämtliche Kooperationspartner. Im Prinzip können all diejenigen Partner sein, die Stakeholder in der Supply Chain sind, also Lieferanten, Servicepartner, Kunden oder Wettbewerber. Die große Vielfalt mit meist hohem Skalierungseffekt ist ein weiterer Grund, warum Plattformen heute schon so erfolgreich sind.
Besonderheiten aus Sicht des deutschen Mittelstands
Die Hoffnung, die eigene Digitale Transformation durch ein greifbares Thema zu bewältigen und durch eine eigene Plattform die langfristige Wettbewerbsfähigkeit des Unternehmens zu sichern, ist hier der Haupttreiber sich mit dem Thema „Plattformen“ intensiv zu beschäftigen. Auch wenn Plattformen bei der richtigen Umsetzung hohe Renditen versprechen, spielt die kurzfristige Gewinnmaximierung nur eine untergeordnete Rolle.
Künstliche Intelligenz (KI), 3D Drucker, Blockchain, Kryptowährungen und Smart Contracts sind gut klingende Schlagworte. Die Voraussagen verschiedenster Studien und Experten sehen in allen Bereichen großen Wachstumschancen mit größtenteils disruptiver Wirkung in fast allen Lebens- und Arbeitsbereichen. Und doch fällt es oftmals schwer geeignete Anwendungsbereiche im eigenen Unternehmen zu entdecken und diese konsequent auszubauen. Oftmals ist auch die Frage des richtigen Zeitpunkts eine der wesentlichen Entscheidungsfaktoren, ob und wie investiert wird: Ist KI schon so weit, um in meiner Industrie einen wirklichen Mehrwert zu stiften? Für welche meiner Produkte machen 3D-Drucker Sinn oder sollten wir Bezahlsysteme mit Kryptowährungen anbieten? Oftmals scheitert die Investition nicht an der fehlenden Sicherheit in Bezug auf einen resultierenden Profit, sondern an der Vorstellungskraft aller Beteiligten und der Angst vor dem „Neuen“ und der daraus schließenden Konsequenz.
Plattformen bieten hier einen entscheidenden Vorteil: Sie sind schon lange ein spürbarer Teil unseres Lebens. Jeder kennt aus dem privaten Umfeld verschiedenste Plattformen auf denen gekauft (Amazon), verkauft (Ebay) und interagiert (Facebook) werden kann. Darauf basierend fällt es Mitarbeitern wie Führungskräften leicht hier schnell potentiell wirksame Plattformmodelle zu entwickeln. Auch können Plattformen mit bestehenden Partnern wie zum Beispiel Logistik- oder Einkaufsplattformen eine Idee sein. Die meisten basieren allerdings auf dem Austausch von Daten und dort tut sich gerade der deutsche Mittelstand noch sehr schwer. Auch wird die Plattform oft noch zu sehr nach innen gerichtet betrachtet und lediglich als Mittler verstanden, die eigenen Wirksamkeiten zu steigern. Die Frage sollte hier aber nicht sein, was das Unternehmen mit der Plattform für sich erreichen will, sondern welchen zusätzlichen Nutzen sie den Endkunden bietet. Dies ist kein kleiner semantischer Unterschied, sondern eine ganz wesentliche Veränderung in der Gedankenwelt und Perspektive – noch weiterweg vom Effizienzgedanken und hin zu einer konsequenten Kundenzentrierung.
Der organisatorische Befreiungsschlag
Digitale Plattformen werden als Wegbereiter in die digitale Zukunft und als Mittel zur Steigerung der eigenen Wettbewerbsfähigkeit gesehen. Dabei geht es nicht nur um die technologische oder prozedurale Weiterentwicklung des Unternehmens, sondern auch um eine gezielte Kulturentwicklung und Anreicherung der bestehenden Werte und Haltung. Daher stellt sich frühzeitig die Frage, welche Personen mit der Plattformentwicklung betraut werden sollen. Es gibt hier aus Organisationsentwicklungsperspektive vornehmlich zwei Alternativen: Innerhalb der bestehenden Struktur oder außerhalb der bestehenden Struktur. Da beide Alternativen ihre Vor- und Nachteile haben, stellen wir einen Mix beider Ansätze zur Auswahl: Schaffen Sie eine neue Umgebung außerhalb der bestehenden Struktur, um hier schnell effektiv zu werden und die gewünschte Kultur mit Leben zu füllen. Reichern Sie diese bewusst mit Mitarbeitern aus der bestehenden Struktur an, die nicht nur eine ausreichende Erfahrung in ihren Kernkompetenzen mitbringen, sondern vor allem über ein hervorragendes Standing und Netzwerk verfügen. Diese Kollegen stellen nicht nur die fachliche Qualität im Projekt sicher, sondern können auch im Sinne der Transferkapazität Impulse im bestehenden Unternehmen setzen.
Wie es klappen kann – die wesentlichen Stolpersteine vermeiden
Verschaffen Sie sich zuerst einen Überblick über Ihre Industrie und angrenzende Industrien, um zu verstehen welche Plattformangebote es heute schon gibt und welche Möglichkeiten sich gegebenenfalls auf Basis von Kooperationen mit bestehenden Anbietern und möglichen Kooperationspartnern bieten könnten. Schaffen Sie intern Klarheit, was der Kundennutzen durch die Plattform ist und stellen Sie sicher, dass dieser im gedanklichen Zentrum der Entwicklung steht. Stellen Sie ein diverses Team zusammen und entwickeln Sie einen ersten Prototyp. Die Art und Weise, wie Sie hier am Anfang vorgehen, gibt den Ton für die weitere Entwicklung an – und wirkt idealerweise direkt auch als Kulturintervention. Sollten Sie an dieser Stelle keinen internen Experten haben, beziehen Sie hier externe Unterstützung. In unserer Erfahrung kann die konzentrierte gemeinsame Arbeit eines heterogenen, das heißt abteilungsübergreifenden Teams mit der Unterstützung von Experten innerhalb einer Woche konkrete Ideen und fundierte Konzepte inklusive Business Case erarbeiten. Das schafft schnelle Ergebnisse und hält den Aufwand überschaubar. Beziehen Sie die bisherigen Kunden, Lieferanten und Wettbewerber in die Entwicklung mit ein. Bedenken Sie: in der Plattformwelt sind die Anbieter und die Nachfrager ihre Kunden und zum Teil ein und dieselbe Person.
Nachdem Sie sich die Unterstützung einiger Marktteilnehmer gesichert haben, reichern Sie das bestehende Team weiter an. Beziehen Sie hier auch noch einmal die Möglichkeit von Kooperationen und strategischen Allianzen mit anderen Plattformen mit ein, um eine schnelle technologische Umsetzung zu gewährleisten. Entwickeln Sie die Plattform agil und bleiben Sie auch gedanklich beweglich. Bringen Sie ihr Angebot schnellstmöglich an den Markt und entwickeln sie es kontinuierlich weiter. Hören Sie dabei ganz genau auf Ihre Endkunden und behalten Sie deren Nutzen im Kopf. Digitale Plattformen sind in erster Linie nicht mehr als Marktplätze, auf denen Angebot und Nachfrage multidirektional zusammengebracht werden. Das macht sie hochgradig austauschbar und nur schwer differenzierbar. Daher ist es umso wichtiger, die Kundenzufriedenheit und potentielle Kundennutzen im Blick zu haben.