Perspektiven von Robotik und KI
Roboter sind Treiber für den nächsten Schritt in der Künstlichen Intelligenz
Frank Kirchner, Deutsches Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz
Kurz und Bündig
Auch wenn heute sehr komplexe Roboter hergestellt werden können und KI-Lernverfahren durch die Entwicklung der tiefen neuronalen Netze einen Schub erhalten haben, ist der Weg zu autonomen robotischen Systemen noch herausfordernd. Eine der künftigen zentralen Aufgaben der KI-Forschung wird sein, Methoden zur Integration der unterschiedlichen KI-Teiltechnologien zu entwickeln, die notwendig sind, um ein physisch existierendes, mit einer realen Umwelt interagierendes und schrittweise lernendes System zu bauen und effektiv betreiben zu können.
Autonome robotische Systeme müssen nicht nur zuverlässig und resilient sein, sondern ihre Handlungen auch nachvollziehbar vermitteln, Fehler tolerieren, an wenigen Beispielen lernen, mit Menschen im Team kollaborieren und selber proaktiv Probleme lösen. Diese Fähigkeiten sind entscheidend, damit die interessantesten Anwendungsszenarien für robotische Systeme Realität werden: der gemeinsame Einsatz von Mensch und Roboter in der Produktion von Gütern in sogenannten hybriden Teams oder der autonome Einsatz in Umgebungen, die für Menschen gefährlich oder gar nicht zugänglich sind.
So vielversprechend diese Anwendungen sind, so schwierig ist es, die notwendigen Fähigkeiten tatsächlich zu erreichen. Es ergibt sich damit das, was sich als ein KI-vollständiges Problem bezeichnen lässt. Um diese Anwendungen umzusetzen, müssen Systeme entwickelt werden, die über eine enorme strukturelle Komplexität zur nachhaltigen Interaktion mit und in natürlichen Umgebungen (einschließlich des Menschen) verfügen und dazu die ganze Palette von kognitiven Fähigkeiten abdecken: von der senso-motorischen Kontrolle des komplexen Bewegungsapparates, über die Wahrnehmung bis hin zum Planen, Schlussfolgern und einer intuitiven und proaktiven Interaktion mit Menschen. Damit legt die Robotik die Latte sehr hoch und definiert gleichzeitig den nächsten großen Schritt in der KI-Forschung. Bisher wurden Lösungen für einzelne Phänomene von Intelligenz – kognitive Leistungen wie Sprachverstehen, Bildverstehen, Schlussfolgern und Lernen – entwickelt. Die Robotik mit den oben beschriebenen Anforderungen für ihre nutzbringende Anwendung zwingt uns dazu, diese Teillösungen in einem autarken System zu integrieren. Um sich zu vergewissern, dass dies mehr ist als ein reines ‚engineering problem‘, sondern in der Tat den nächsten großen Schritt in der KI definiert, lohnt es sich, in der Geschichte der KI ein paar Seiten zurückzublättern.
Geschichte der KI
Als sich Alan Turing in der ersten Hälfte des letzten Jahrhunderts dem Thema Künstliche Intelligenz (KI) näherte, tat er dies auf dem Fundament seiner Arbeiten zur universellen Turing-Maschine , mit der er der Menschheit ein Werkzeug zur Verfügung gestellt hat, alles, was berechenbar ist, auch effektiv berechnen zu können. Der Schritt zur Beschäftigung mit KI liegt demnach sehr nahe, denn wenn es einerseits die berechenbaren Phänomene gibt, muss es andererseits auch die ‚nicht‘ berechenbaren Phänomene geben und die Frage nach der Struktur und Mächtigkeit dieser Klasse von Phänomenen ist konsequent und führt direkt zur Beschäftigung mit dem einzigen existierenden Beweis dafür, dass es zumindest möglich ist, mit diesem Phänomen umzugehen , nämlich der natürlichen Intelligenz. Alan Turing nähert sich in seiner Analyse dem Phänomen KI methodisch. So diskutiert er zunächst eine Reihe von Maschinentypen unterschiedlicher Mächtigkeit, um dann eine spezielle Klasse vorzustellen, die er ‚Unorganised Machines‘ nennt und die bereits viele Merkmale der späteren künstlichen neuronalen Netzwerke vorwegnehmen. Turing erkennt sehr klar, dass zur Erlangung von Künstlicher Intelligenz nicht nur ein effizientes Berechnungswerkzeug‚ die oben genannten ‚Unorganised machines‘, sondern eben auch die Einbettung dieser Algorithmen in einen möglichst komplexen Körper zwingend notwendig ist und beschreibt damit den Ansatz, der sich heute als Robotik etabliert hat. Wenn er im Folgenden über ‚Education of Machinery‘ anstelle von ‚Programming of Machinery‘ referiert, weist er darauf hin, dass diese Maschinen ihre Fähigkeiten zum Umgang mit Phänomenen aus der Klasse ‚nicht berechenbar‘ schrittweise erlernen müssen und zwar durch komplexe Interaktion mit der realen, komplexen Umwelt, wozu ein Körper unerlässlich ist. Es wird die zentrale Aufgabe der kommenden KI-Forschung sein, Ansätze zur effektiven Organisation – Turing nennt es ‚Organising Unorganised Machines – dieses Langzeitprozesses zu finden und Methoden zur Integration der unterschiedlichen KI-Teiltechnologien zu entwickeln, die notwendig sind, um ein solches physisch existierendes, mit einer realen Umwelt interagierendes und schrittweise lernendes System bauen, aber vor allem auch effektiv betreiben zu können.
Kernelemente von KI-Systemen
- Es existiert ein (komplexer) physischer Körper.
- Es existiert ein an- bzw. fortdauernder (datengetriebener) Lernprozess.
- Es existiert ein (effektives) Organisationsprinzip der erlernten Fähigkeiten.