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Lost im Kundenkonto: Orientierungslos durch digitale Services
Business professional navigating complex digital labyrinth interface.

Lost im Kundenkonto:

Orientierungslos durch digitale Services

Benjamin von Walter, Sonia Lippe, OST – Ostschweizer Fachhochschule

(Titelbild: © Adobe Stock | 2008090738 | Hayijnum )

Kurz und Bündig

Viele digitale B2B-Services versprechen Bequemlichkeit, dienen in der Praxis jedoch häufig vor allem der internen Effizienz von Unternehmen. Aufgaben, Verantwortung und Problemlösung werden zunehmend in den Self-Service verlagert. Dadurch entstehen auf Kund:innenseite neue Belastungen wie kognitiver Aufwand, Kontrollverlust, Misstrauen gegenüber algorithmischen Systemen und Unsicherheit im Umgang mit Daten. Erfolgreiche digitale Services reduzieren deshalb nicht nur Prozesskosten, sondern schaffen echte Entlastung. Entscheidend dafür sind verständliche Nutzungskonzepte, transparente Kommunikation, gezielte Customer Education und hybride Serviceansätze mit menschlichen Rückfall-ebenen. Der Erfolg digitaler B2B-Services entscheidet sich letztlich nicht an der technischen Funktionalität, sondern daran, ob Kund:innen tatsächlich entlastet werden.

Der digitale Service ist schnell eingerichtet: Tickets laufen automatisiert, Supportanfragen landen im Self-Service-Portal und Wartungsinformationen werden direkt in der Plattform bereitgestellt. Für Unternehmen wirken solche Lösungen effizient, skalierbar und modern. Für Kund:innen beginnt damit jedoch oft eine neue Form der Arbeit. Prozesse müssen verstanden, Systeme bedient und Fehler eigenständig gelöst werden. Die versprochene Bequemlichkeit verlagert sich damit häufig von der Anbietenden- auf die Kund:innenseite. Aber ab wann wird digitale Entlastung eigentlich zur digitalen Belastung?

Das Paradoxon: Effizienz des Anbieters versus Preis der Kund:innen

Viele Industrie- und Dienstleistungsunternehmen investieren derzeit in digitale B2B-Services, beispielsweise in Remote-Monitoring für Maschinen, Self-Service-Plattformen oder digitale Supportlösungen für Wartung und Betrieb. Auf Anbieter:innenseite wird digitale Bequemlichkeit häufig als zentrales Nutzenversprechen hervorgehoben, tatsächlich verfolgt die Entwicklung jedoch meist interne Zielsetzungen: Fachkräftemangel abfedern, Prozesse verschlanken und Kosten durch Self-Services reduzieren.


Was damit vor allem für die Unternehmen effizienter wird, ist für Kund:innen häufig mit einem konkreten Preis verbunden. Aufgaben, die zuvor von Expert:innen übernommen wurden, werden in den Self-Service verlagert, inklusive der damit verbundenen Verantwortung. Es entsteht ein erhöhter kognitiver Aufwand, da sie sich in neue Systeme einarbeiten und komplexe Bedienoberflächen verstehen sowie Fehler eigenständig vermeiden oder korrigieren müssen. Auch erfordert die Nutzung digitaler Services häufig die Weitergabe sensibler Informationen. Fehlende Nachvollziehbarkeit erhöht den wahrgenommenen Wert der «Daten-Währung» und untergräbt Vertrauen. Das Misstrauen betrifft aber nicht nur die Daten, sondern insgesamt den Umgang mit algorithmischen Systemen, bei dem viele Nutzer:innen mit Skepsis reagieren. Dies ist ein Phänomen, welches als Algorithmusaversion bezeichnet wird [1]. Wenn digitale Lösungen menschliche Expertise ersetzen, entsteht somit zuletzt auch ein psychologischer Preis durch Kontrollverlust.


Genau hier liegt das zentrale Paradoxon: Während Unternehmen Effizienzgewinne realisieren, steigt gleichzeitig der Preis auf Kund:innenseite. Übersteigt dieser wahrgenommene Preis den Nutzen, scheitert die Adoption. Echter digitaler Mehrwert entsteht somit nicht durch die bloße Automatisierung von Abläufen, sondern erst dann, wirklich eine spürbare Entlastung für Kund:innen entsteht.

Zielgruppenverständnis als Hebel: Systematischer Abbau von Adoptionsbarrieren

Um das Spannungsfeld zwischen Anbietenden-Effizienz und Preis der Nutzung aufzulösen und die gewünschte Entlastung auf beiden Seien herbeizuführen, müssen Unternehmen zugrunde liegende Adoptionsbarrieren verstehen und gezielt antizipieren. Drei Hebel sind dabei zentral:

  • Befähigung stärken: Viele Services erfordern zunächst ein gewisses Maß an Lernen, Verständnis und Routine, und genau hier brechen viele Kund:innen ab. Gezielte Customer Education – insbesondere direkt im Nutzungskontext (beispielsweise Tooltips, kurze Videos) – reduziert diesen kognitiven Preis und erleichtert die Nutzung.
  • Vertrauen aufbauen: Nutzer:innen führen oft einen unbewussten Privacy Calculus durch, bei dem sie den Nutzen gegen das Risiko der Datenpreisgabe abwägen [2]. Ein kundschaftorientierter Prozess antizipiert diese Sensibilität frühzeitig und schafft Transparenz über Datennutzung und Schutzmaßnahmen. So wird der wahrgenommene Datenpreis reduziert.
  • Kontrolle zurückgeben: Digitale Services dürfen nicht als Black Box wahrgenommen werden. Durch die gezielte Identifikation kritischer Nutzungsmomente (Failpoints) und den Einsatz hybrider Lösungen mit menschlicher Rückfallebene wird das Gefühl von Kontrolle gestärkt und der psychologische Preis in Bezug auf die Algorithmusaversion gesenkt.

Der operative Fahrplan: Ein kundschaftorientierter Managementprozess

Digitale B2B-Services sind kein einmaliges IT-Projekt, sondern das Ergebnis eines strukturierten Managementprozesses, der sich die skizzierten Hebel zunutze macht und so den Preis für Kund:innen systematisch reduziert. Entscheidend ist dabei ein Perspektivwechsel weg von der Funktionalität hin zum Nutzungserlebnis. Abbildung 1 stellt diesen Prozess in seinen vier Phasen dar.

Abbildung1_Managementprozesss
Abbildung 1: Kundenorientierter Managementprozess zur Erstellung und Vermarktung digitaler B2B-Services (OST – Ostschweizer Fachhochschule)

Phase 1: Konzeption – Das strategische Fundament

Der Grundstein für den späteren Nutzen wird gelegt, indem die Bedürfnisse der Anwendenden präzise definiert und Vertrauen aufgebaut wird. Dabei werden bereits vor der Entwicklung Barrieren wie Privacy Calculus oder die Algorithmusaversion identifiziert, um proaktiv Gegenmassnahmen zu planen.

  • Erstellung von User Persona(s): Statt vager Zielgruppen werden spezifische Anwender:innenprofile erstellt. Ein zentrales Merkmal ist hierbei die Technology Readiness – die individuelle Neigung der Nutzer:innen, neue Technologien einzusetzen [3]. Ein Service für einen hochaffinen IT-Spezialisten muss anders gestaltet sein als für eine Gelegenheitsnutzerin im Handwerk.
  • Definition der Value Proposition [4]: Mittels Tools wie dem Value Proposition Canvas wird ein „Fit“ zwischen den Aufgaben der Kund:innen (Customer Jobs), den Frustrationen (Pains) und den angestrebten Gewinnen (Gains) sichergestellt . Der Service ist nur dann nutzenstiftend, wenn er als „Pain Reliever“ ein relevantes Problem besser löst als bestehende (analoge) Angebote.

Phase 2: Design – Von der Prozesslogik zur Bedienoberfläche

Das entwickelte Konzept wird in ein erlebbares Produkt überführt, wobei potenzielle Frustrationsmomente eliminiert und Rückgabe der Kontrolle gezielt eingeplant werden.

  • Mapping des Serviceprozesses [5]: Der gesamte Serviceprozess wird visuell gemappt. Dabei wird strikt zwischen der Frontstage (für den Kunden sichtbar) und der Backstage (interne Systeme) unterschieden. Entscheidend ist die Markierung potenzieller Failpoints – Momente, in denen die digitale Bequemlichkeit durch Systemfehler oder unklare Nutzerführung in Frustration umschlagen könnte.
  • Iteratives UI/UX-Design [6]: Die Bedienoberfläche (UI) entwickelt sich stufenweise: von schnellen Scribbles (grobe Skizzen) über Wireframes (schematische Blaupausen der Struktur) bis hin zu detaillierten, interaktiven Mock-ups (visuelles Look-and-Feel). Ziel ist ein Nutzungserlebnis, welches die kognitive Belastung durch klare Nutzendenführung minimiert und die Präferenzen der Kund:innen adressiert.

Phase 3: Programmierung – Die technische Realisierung

Die IT-Disziplinen setzen das spezifizierte Design in stabilen Code um, wobei die Nutzbarkeit im Vordergrund bleibt.

  • Prototyping: Ein funktionsfähiger, interaktiver Prototyp dient als Bindeglied zwischen Design und IT. Er ermöglicht es, Benutzerflüsse realitätsnah zu simulieren, bevor die finale Implementierung erfolgt.
  • Technische Integration: Die IT stellt sicher, dass der Technologie-Stack (Datenbanken, APIs, KI-Modelle) stabil läuft und Recovery-Mechanismen (Backups oder Support-Schnittstellen) technisch verankert sind.

Phase 4: Einführung & Etablierung – Markteintritt und Befähigung

Ein B2B-Service benötigt aktive Unterstützung bei der Markteinführung, um die Einarbeitung in einen neuen Service zu erleichtern und so die Nutzungsintensität zu sichern.

  • Einführungskampagne: Einführungskampagnen dienen dem Aufbau von Bekanntheit und Interesse. Dabei können sowohl eigene Medien (beispielsweise Webseite, E Mailings) als auch Paid Media zum Einsatz kommen. Nachgelagert kann dies häufig durch Performance Marketing Maßnahmen ergänzt werden.
  • Customer Education [7]: Dies ist ein weiterer entscheidender Schritt, um Kundschaft zur effektiven Teilnahme am Serviceprozess zu befähigen und kann In-Service und Off-Service Eduaction-Maßnahmen beinhalten. Während letzteres eher klassische Maßnahmen wie Schulungen umfasst, zielt In-Service Education darauf ab, Lerninhalte während der Nutzung auszuspielen, um Komplexität zu reduzieren.

Der rote Faden: Kontinuierliches Testen

Entlastung, Befähigung und Kundenorientierung lassen sich nicht am Reissbrett definieren. Der entscheidende rote Faden im Prozess ist daher ein konsequentes, kontinuierliches Testen. Qualitative Interviews, Usability-Tests und gezielte Experimente machen sichtbar, ob ein Service tatsächlich entlastet oder unbeabsichtigt neue Hürden schafft. Nur so werden Annahmen überprüfbar und können frühzeitig korrigiert werden.

Fazit: Echte Kundschaft-Bequemlichkeit ist eine Managementaufgabe

Unternehmen, die digitale Services rein aus der Effizienzperspektive entwickeln, riskieren eine geringe Akzeptanz des neuen Service. Der entscheidende Unterschied liegt im Management-ansatz: Erfolgreiche Anbieter:innen verstehen digitale Services nicht als IT-Projekt, sondern als ganzheitlichen, kundenorientierten Managementprozess. Das Management muss dabei anerkennen, dass digitale Services oft operatives Risiko und kognitive Last auf die Kundschaft übertragen. Dies wird reduziert, indem Werkzeuge wie Service Mapping, Technology-Readiness-Analysen und die Identifikation von Failpoints integraler Bestandteil der Entwicklung sind. Und am Ende entscheidet nicht die Effizienz des Systems über den Erfolg, sondern die spürbare Entlastung der Kund:innen. Eine Investition in die Customer Education ist hierbei der Schlüssel, um anfängliche Einstiegshürden konsequent in langfristige Nutzungsvorteile zu verwandeln. Nur so werden digitale B2B-Services zur echten Entlastung und bieten den versprochenen Mehrwert für beide Seiten.

Quellen und Nachweise

  • [1] Dietvorst, B. J., Simmons, J. P., & Massey, C.: Algorithm aversion: People erroneously avoid algorithms after seeing them err. In: J Exp Psychol Gen, 144(1)/2015. 114–126
  • [2] Kehr, F., Kowatsch, T., Wentzel, D., and Fleisch, E.: Blissfully ignorant: the effects of general privacy concerns, general institutional trust, and affect in the privacy calculus. In: Info Systems J, 25 / 2015. 607–635
  • [3] von Walter, B., Jäger, B., & Kremmel, D.: Kundengerechte Gestaltung digitaler Services durch Analyse und Berücksichtigung der Technology Readiness bestehender Kunden. In: M. Bruhn & K. Hadwich (Hg.), Gestaltung des Wandels im Dienstleistungsmanagement, Wiesbaden, 2023. 39-61
  • [4] Osterwalder, A., Pigneur, Y., Bernarda, G., Smith, A. & Papadakos, T.: Value proposition design: How to create products and services customers want. 1. Auflage, Hoboken. 2014
  • [5] Teixeira, J. G., Patrício, L., Huang, K.-H., Fisk, R. P., Nóbrega, L., & Constantine, L. The MINDS Method: Integrating Management and Interaction Design Perspectives for Service Design. In: Journal of Service Research, 20(3)/2017, 240-258
  • [6] Jacobsen, J. & Meyer, L.: Usability und UX – Was alle wissen sollten, die Websites und Apps entwickeln. 4. Auflage, Bonn. 2024
  • [7] von Bell: von Walter, B., Jäger, B., Heumann, C., & Kremmel, D. Customer Education in the Digital Age: Intended and Unintended Effects. In: Proceedings of the European Marketing Academy Conference, 52nd/2023

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