KI, die Kreative Intelligenz jetzt in der neuesten Folge SMART&nerdy! Podcastfolge #23.

„Ich vermesse mich, also bin ich“

IM+io Artikel zum Thema digitale Waage

[vc_row][vc_column][vc_custom_heading text=“„Ich vermesse mich, also bin ich““ font_container=“tag:h1|font_size:48|text_align:left“ use_theme_fonts=“yes“ css=“.vc_custom_1598442973005{margin-top: -25px !important;}“][vc_custom_heading text=“Die Karriere der Personenwaage und ihr Anteil am allgegenwärtigen Phänomen der Selbstvermessung“ font_container=“tag:h2|font_size:28|text_align:left|color:%23676b6d“ use_theme_fonts=“yes“ css=“.vc_custom_1598442988383{padding-bottom: 10px !important;}“][vc_column_text]

Debora Frommeld, OTH Regensburg

[/vc_column_text][ultimate_spacer height=“15″ height_on_tabs=“15″ height_on_tabs_portrait=“15″ height_on_mob_landscape=“15″ height_on_mob=“15″][/vc_column][/vc_row][vc_row][vc_column][vc_custom_heading text=“Kurz & Bündig“ font_container=“tag:h2|font_size:34|text_align:left“ use_theme_fonts=“yes“ css=“.vc_custom_1598268967432{margin-top: -25px !important;}“ el_class=“box-headline“][vc_row_inner el_class=“box-content-wrapper“][vc_column_inner][vc_column_text]

Seit längerem sind smarte und digitale Waagen mit Abstand der Deutschen liebstes Gerät, wenn es um die Selbstvermessung geht [8,9]. So zeigte der Gesundheitsreport 2018, dass die Personenwaage unter den E- Health-Geräten unangefochtener Spitzenreiter ist. Derzeit ist es noch nicht möglich, mit einem anderen Gerät als der Waage das Körpergewicht zu ermitteln, auch wenn Start-ups diese Entwicklung vorantreiben. Im Zuge der Digitalisierung wurde die Erhebung und Verarbeitung von Körperdaten auf ein neues Level gehoben; das Wiegen hat sich indes als elementare Form dieser Quantifizierung etabliert. Es drängen sich daher folgende Fragen auf: Welchen Anteil hat die Erfindung der Personenwaage am aktuellen Trend der Selbstvermessung? Wie hat es das Messinstrument und das Wiegen überhaupt ins Badezimmer und in unsere Köpfe geschafft?

[/vc_column_text][/vc_column_inner][/vc_row_inner][/vc_column][/vc_row][vc_row css=“.vc_custom_1519752670572{margin-top: -10px !important;}“][vc_column][ultimate_spacer height=“30″ height_on_tabs=“15″ height_on_tabs_portrait=“15″ height_on_mob_landscape=“15″ height_on_mob=“15″][vc_column_text]

Die Messung und Bewertung des Körpergewichts ist in verschiedenen Alltagswelten präsent – in der Arztpraxis, im Fitnessstudio, im Beruf oder zuhause vor dem Spiegel – also immer dann, wenn man sich mit dem eigenen Körpergewicht auseinandersetzt und/oder Dritte miteinbezieht. Es sind primär zwei Beobachtungen, die zu dem Forschungsprojekt „Die Personenwaage. Ein Beitrag zur Geschichte und Soziologie der Selbstvermessung“ [1] führten. Das Projekt intendiert erstens, den frühzeitigen Innovationen Rechnung zu tragen. Dazu werden die visionären Ideen beleuchtet, die Anteil am heutigen Trend der Selbstvermessung haben. Zweitens steht die Karriere des Artefakts mit Praktiken des Wiegens und modernen Werkzeugen der Selbstvermessung in einer engen Verbindung. Dazu zählen die in Deutschland bekannte „Brigitte-Diät“ aus der auflagenstärksten Frauenzeitschrift Deutschlands und die App „Freeletics“. Die „Brigitte“ begleitet und kommentiert gesellschaftliche Trends und Neuheiten; durch die App „Freeletics“ wurde Fitness mit dem eigenen Körpergewicht weltweit populär.

[/vc_column_text][/vc_column][/vc_row][vc_row][vc_column][vc_custom_heading text=“Eine Geschichte eines erfolgreichen Produkts: Erfinderischer Instinkt und gesellschaftlicher Megatrend“ font_container=“tag:h3|font_size:28|text_align:left“][vc_column_text]

Medizinproduktehersteller und Entwickler von Gesundheits- und Fitness-Apps haben nicht erst vor kurzem die zentrale Rolle der Waage erkannt. So haben in den letzten fünfzig Jahren zahlreiche Erfinder, die sich mit Möglichkeiten der individuellen Messung des Körpergewichts auseinandergesetzt haben, die Waage in Deutschland eingeführt. Sie haben einen zentralen Anteil daran, dass das Gerät erfolgreich am Markt umgesetzt werden konnte und zu einem essentiellen Messinstrument wurde.

Es sind im Wesentlichen drei Phasen, welche die Idee „Personenwaage“ auf dem Weg zum erfolgreichen Massenprodukt durchlief. In einer frühen Phase kurz vor Ende des 19. Jahr- hunderts wurden Waagen bei militärischen Musterungen und militärmedizinischen Untersuchungen eingesetzt. Es ging darum, künftige Soldaten gezielt anhand von Körpermerkmalen auszuwählen. In der Allgemeinbevölkerung spielte die Waage in dieser Zeit eine andere Rolle. So wurden öffentliche Waagen auf Gewerbe- Ausstellungen, Bahnhöfen und Marktplätzen aufgestellt [2,3]. Diese großformatigen Warenverkäufer, wie Abbildung 1 zeigt, gaben nach Einwurf einer Münze Schokolade oder Postkarten aus, spielten Musik ab oder bewegliche Bilder. Das Wiegen selbst fungierte als Attraktion und war „noch“ nebensächlich. Als Automat und Unterhaltungsinstrument, das mit seinen zahlreichen Effekten Schaulustige anlockte, konnte die Anzeige mit dem Körpergewicht von den Umstehenden abgelesen werden.

In der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wandelte sich der spielerische Umgang mit der Waage zu einem Messinstrument, das eingesetzt wurde, um das Körpergewicht und die Gesundheit zu kontrollieren. Die öffentlichen Waagen trugen in den 1960er und 1970er Jah- ren die Aufschrift „Prüfe Dein Gewicht“ und zeigten auf einer Tabelle das Normalgewicht für Frauen und Männer nach Körpergröße an. [3,4,5] Bei Abbildung 2 handelt es sich um die erste kleine Personenwaage, die im Jahr 1919 als Patent angemeldet wurde.

Diese Idee setzte sich in den 1960er Jahren mit dem bis heute bekannten, meist viereckigen und flachen Modell gegen öffentliche Waagen durch, wie die Abbildungen 3 bis 6 veranschaulichen. Fortan konzentrierten sich die Erfinder auf diese Ausführung, die in die Massenproduktion ging. Die zentralen Ziele in dieser Zeit sind eine einfache Handhabung, ein robustes, präzises und verlässliches Messinstrument, das einfach zu bedienen ist. Als diese Ansprüche an die Erfindung erfüllt werden können, wird auch der individuelle Komfort zu einem zentralen Merkmal. Wie Abbildung 3 zeigt, geschieht dies in Form unterschiedlicher Beläge, aber auch was die Bauform, Farbe und Effekte der Waage betrifft. Diese Erweiterung des Sortiments, welche individuelle Kundenwünsche berücksichtigt, nimmt in den 1960er und 1970er Jahren rasant zu. Von den Erfindern werden seitdem nicht nur Waagen für kranke, kurzsichtige oder übergewichtige Personen geplant, sondern die Palette wird auf das Kindes-, Erwachsenen- und Seniorenalter ausgedehnt und an individuelle Ansprüche von großgewachsenen, muskulösen Personen angepasst, die aus beruflichen Gründen fit und attraktiv sein möchten/müssen. Es werden Waagen für die ganze Familie konstruiert, für Kinder, die nicht immer still auf der Waage stehen und für ältere Menschen, die die Anzeige an die Wand montieren können (siehe Abbildung 5). Gleichzeitig wird der Vergleich mit früheren Messungen oder dem Wunsch- und Idealgewicht stark diskutiert. Diese Wende greift den medizinischen Diskurs auf, in dem das zunehmende Übergewicht in der Bevölkerung kritisiert und in moralischer Hinsicht bewertet wurde. Diese Einordnung von Übergewicht und Gleichsetzung mit bestimmten Charaktereigenschaften füllten die Anzeige der Personenwaage mit Bedeutung. In dieser Zeit werden individuelle Markierungsknöpfe und Marker (siehe Abbildung 4), Merkskalen, aufleuchtende Lampen (grün steht für Normalgewicht, rot für Unter- und Übergewicht) und ein Ausdruck der gemessenen Werte als Neuheit von den Entwicklern vorgeschlagen [3]. Unterdessen werden die Waagen ab den 1980er Jahren schick und minimalistisch (siehe Abbildung 6). Aus heutiger Sicht kurios anmutende Patente und Gebrauchsmuster wie aufblasbare Personenwaagen für Urlaubsreisen, WC-Waagen, bei denen die Waage als Toilettensitz konzipiert ist oder eine Stuhlwaage, die in das Sofamöbel integriert ist, haben sich nicht durchgesetzt. Sie stehen aber für den Wandel zur dritten Phase der Personenwaage, in der nicht mehr nur mit Zeiger und Display an das „richtige“ Gewicht erinnert wird, sondern eine interaktive Messung ermöglicht wird.

Die sogenannten Körperanalysewaagen und smarten Waagen bestimmen ab 1990 den Diskurs. Dabei wird nicht nur das Gewicht ermittelt, sondern auch der Wasser-, Muskel- und Fettanteil sowie der Body-Mass-Index. Die Digitalisierung ermöglicht im neuen Jahrtausend ultraflache, vernetzte Waagen aus Glas, die mit komplexen Mikroprozessoren ausgestattet sind. Diese senden das Körpergewicht an Apps auf dem Smartphone, die es zusammen mit Parametern wie den gelaufenen Schritten oder der Herzfrequenz verarbeiten. Die Apps ermitteln Verlaufs- und Leistungskurven, berechnen, wann das Wunschgewicht erreicht ist; oder zeigen die Stimmung auf und signalisieren, ob ein Restaurantbesuch das Gewicht beeinflusst. Hier lebt der spielerische Umgang mit der Waage wieder auf – zusammen mit der neuen Komponente, den Körper zu optimieren.

[/vc_column_text][vc_single_image image=“22491″ img_size=“full“ add_caption=“yes“ alignment=“center“][vc_custom_heading text=“„Eine Waage muß ins Haus!“ `{`4`}` Vom Zählen und Messen zum guten Leben“ font_container=“tag:h3|font_size:28|text_align:left“][vc_column_text]

Bekannt wurde die Personenwaage nicht zuletzt über die Massenmedien, die den medizinischen und gesundheitspolitischen Diskurs aufgriffen, auf das Körpergewicht zu achten. Die Waage wurde 1969 zum Hauptakteur eines Dauerbrenners der „Brigitte“, die „Brigitte-Diät“ – ein Diätprogramm, das auch bis heute noch regelmäßig auf dem Titel der Zeitschrift beworben wird und mittlerweile zwei Generation von Frauen auf dem Weg zum Schlanksein begleitet. In der Serie „Brigitte Diät-Club“, die ab 1969 regelmäßig im Heft erschien, wurde das Gewicht und die Lebensqualität vor und nach einer Diät verglichen. Den deutschen Frauen wurde das „richtige“ Wiegen und Ernähren inklusive Kalorienzählen, speziellen Rezepten und Produkten gelehrt. Ein ähnliches Prinzip wie die „Brigitte“ nutzt auch „Freeletics“. Eingeführt 2013, bietet das Programm über crossmedial verbreitete Inhalte den aktuell 40 Millionen Endnutzern Übungen und Wissen rund um ein spezifisches Fitnesstraining [5]. Prominente Begleitthemen sind die Reduzierung und Überwachung des Körpergewichts und die Leistungsverbesserung von Körper und Geist.

Die zahlreichen Erfolgsgeschichten werden durch Bilder illustriert, die die Transformation vom rundlichen zum schlanken Körper zeigen. Angelika Schröder hat 1974 mit der Brigitte-Diät ihr „Traumgewicht“ erreicht: „Seit sie die zentnerschwere Last los ist, hat sich auch vieles in ihrem Leben geändert: Sie lebt jetzt in Berlin, hat einen netten Freund und einen neuen, interessanten Beruf“ [6]. Chris aus Colorado erzählt auf dem Blog von Freeletics: „Ich hatte keine Ziele, keinen Lebensinhalt, keine Lebensfreude […] Mit der Zeit habe ich gemerkt, dass ich viel selbstbewusster, energiegeladener und stärker geworden war. Ich war wieder zuversichtlich und glücklich und ging mit einem Lächeln durchs Leben […]“ [7].

[/vc_column_text][vc_custom_heading text=“Selbstvermessung und Wiegen: Alte Kulturtechnik in neuem Gewand“ font_container=“tag:h3|font_size:28|text_align:left“][vc_column_text]

Das Eindringen der Waage in die Lebenswelt der Individuen funktioniert, weil das Instrument zum aktiven Alltagsgegenstand geworden ist. Die Anzeige auf dem Display der Waage animiert zur kontinuierlichen Selbstvermessung und einem neuen Lebensstil, in dem Gesundheit und Fitness, Erfolg und Anerkennung, Freude und Schönheit dominieren. Die Zahlen der Waage sind aber erst durch den kulturellen Kontext eines Schlankheitsideals in einer Gesundheitsgesellschaft so richtig in Fahrt gekommen, denn in Zeiten der Individualisierung scheint jeder seines eigenes Glückes Schmied zu sein. Die Messung mit der Waage zeigt heute nicht mehr nur das Körpergewicht an, sondern auch, wie es um den Gesundheitszustand steht. Erfindern von Messinstrumenten wie der Personenwaage und Entwicklern von Apps stehen damit vor der Aussicht, in der Welt der Algorithmen grenzenlose Assoziationen von Körperdaten herbeizuführen.

Seit 2014 ist die Zahl der neu eingereichten Erfindungen eingebrochen, was durch die rasanten Entwicklungen der Digitalisierung bedingt ist, aber auch wieder mit einer Marktsättigung der ultraflachen Waagen zusammenzuhängen scheint. So scheint sich eine Umstellung auf eine andere Technik- und Medientechnologie des Wiegens anzubahnen. Die Integration eines Drucksensors in einer Schuhsohle und die gleichzeitige Aufzeichnung körperlicher Belas- tungen und Steuerung von smarten Elementen wie der Raumbeleuchtung stehen für eine mögliche neue Generation von Personenwaagen (siehe Abbildung 7). Als dauerhaftes Messinstrument könnte sich die räumliche Distanz zwischen Gerät und Subjekt komplett auflösen.

Eine solche Quantifizierung des Selbst erscheint heute so neu. Jedoch zeigt der Beitrag, dass erst ein langer historischer Vorlauf die Waage zu einem erfolgreichen Produkt und die Selbstvermessung zum Bestandteil unseres (digitalen) Alltags machte. So ging die Waage aus einem militärischen Kontext vor über 150 Jahren hervor, wobei das simple visuelle Vergleichen mit sich und anderen eine Kulturtechnik darstellt, die in gesellschaftlichen Wettbewerbssituationen schon länger üblich ist. Die detaillierte und wissenschaftlich anmutende Dramatik von Statistiken und Verlaufskurven, die von Apps berechnet werden, scheint zwar durchaus neu – aber die Idee der Schuhsohle erinnert an die aufblasbaren Waagen für den Urlaub.

[/vc_column_text][/vc_column][/vc_row][vc_row][vc_column][ult_createlink title=“Zu den Literaturangaben“ btn_link=“url:https%3A%2F%2Fwww.aws-institut.de%2Fim-io%2Fausgabe-2020-3-303%2F|title:Ausgabe%202020-3-303||“][ult_dualbutton btn_hover_style=“Style 2″ btn_border_style=“solid“ btn_color_border=“#ffffff“ btn_border_size=“2″ btn_alignment=“left“ dual_resp=“off“ button1_text=“Einzelheft kaufen“ icon_link=“url:https%3A%2F%2Fwww.aws-institut.de%2Fim-io%2Fproduct%2Fquantified-everything%2F|title:Quantified%20Everything||“ btn1_background_color=“#f3f3f3″ btn1_bghovercolor=“#f07d00″ icon=“Defaults-book“ icon_size=“22″ icon_color=“#f07d00″ icon_hover_color=“#ffffff“ button2_text=“Jetzt abonnieren“ btn_icon_link=“url:https%3A%2F%2Fwww.aws-institut.de%2Fim-io%2Fabo-imio%2F|title:Abo||“ btn2_background_color=“#f3f3f3″ btn2_bghovercolor=“#f07d00″ btn_icon=“Defaults-chevron-right“ btn_icon_size=“22″ btn_icon_color=“#f07d00″ btn_iconhover_color=“#ffffff“ divider_text=“oder“ divider_text_color=“#f07d00″ divider_bg_color=“#ffffff“ btn1_text_color=“#f07d00″ btn1_text_hovercolor=“#ffffff“ btn2_text_color=“#f07d00″ btn2_text_hovercolor=“#ffffff“ title_font_size=“desktop:20px;“ btn_border_radius=“30″ title_line_ht=“desktop:22px;“ btn_width=“280″][/vc_column][/vc_row]

LinkedIn
WhatsApp
Telegram
Facebook

August-Wilhelm Scheer Institut

Weitere Artikel entdecken

Entdecken Sie unsere neusten Ausgaben