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Busse, Bits und Batterie: Mit smarten Tools durch die Rushhour

Ein Bus mit einer beleuchteten digitalen Silhouette wartet an einer Haltestelle
(Titelbild: © AdobeStock | 1109647113 | Dmitry)

Busse, Bits und Batterie:

Mit smarten Tools durch die Rushhour

Benedikt Lahme, Optibus im Gespräch mit Milena Milivojevic, IM+io

Kurz und Bündig

Optibus bietet ein ganzheitliches modulares Betriebssystem für Verkehrsunternehmen, das stratgische Angebotsplanung, Umlauf- und Dienstplanung mit dem Betrieb und der Leitstelle vereint. Mit Funktionen wie Echtzeitanalysen, emissionsfreien Szenarien und datenbasierter Entscheidungsfindung wird der ÖPNV effizienter und nachhaltiger. Ein einzigartiger Ansatz: die Einbindung von Interessengruppen wie Fahrgästen und Städten für eine kollaborative Planung. Das Ganze basiert auf einer Cloud-Architektur und ist daher besonders leistungsstark und schnell. Ziel ist ein transparenter, ressourcenschonender und zukunftssicherer Nahverkehr.

Rushhour, ein überfüllter Bus, Fahrgäste drängen sich aneinander, und die Fahrerin kämpft mit einem Verspätungsplan, der längst aus dem Ruder gelaufen ist. Szenen wie diese sind Alltag im öffentlichen Nahverkehr, besonders in städtischen Ballungsräumen. Gleichzeitig stehen Verkehrsunternehmen unter Druck, emissionsfreie Fahrzeuge einzuführen, Kosten zu senken und den Ansprüchen der Fahrgäste gerecht zu werden. Wie kann all das gelingen, und was braucht es wirklich, um den Nahverkehr von Grund auf zu transformieren?

IM+io: Wie würden Sie Optibus beschreiben?

BL: Optibus ist ein Technologie- und Softwareunternehmen, gegründet von zwei Mathematikern. Die Idee war, ein mathematisches Problem im öffentlichen Nahverkehr zu lösen: Wie können begrenzte Ressourcen wie Busse, Fahrpersonal und Infrastruktur so effizient wie möglich genutzt werden? Daraus entstand eine Plattform, die Verkehrsunternehmen bei der Planung und Organisation unterstützt. Die Software wird in Berlin und Tel Aviv entwickelt. Heute bieten wir ein umfassendes Betriebssystem für den öffentlichen Verkehr an. Unsere Software deckt alle Planungsstufen ab, von der strategischen Angebotsplanung über Umlauf- und Dienstplanung bis hin zur Echtzeit-Disposition. Dabei setzen wir auf modernste Technologien und Nutzungsfreundlichkeit, um Verkehrsunternehmen eine effiziente und nachhaltige Planung zu ermöglichen.

IM+io: Wie unterscheidet sich Ihre Plattform von herkömmlichen Planungsmethoden im Nahverkehr und welchen Vorteil bietet sie?

BL: Traditionelle Planungsmethoden basieren oft auf Excel-Tabellen oder sogar rein händischen Prozessen. Solche Ansätze sind zwar möglich, aber spätestens bei komplexeren Netzen und größeren Verkehrsunternehmen stoßen sie schnell an ihre Grenzen. Hinzu kommen gesetzliche Vorgaben, betriebliche Regeln und neue Herausforderungen wie die Integration von Elektrofahrzeugen. Natürlich gibt es auch andere Softwarelösungen. Hier unterscheidet sich Optibus nicht nur durch eine leistungsfähige Infrastruktur, sondern auch durch einen ganzheitlichen Ansatz. Wir setzen nicht nur auf Planung, sondern auf einen Dreiklang aus Analyse, Planung und Optimierung. Wir starten mit einer detaillierten Analyse bestehender Daten, etwa Fahrgastzahlen oder Pünktlichkeitsstatistiken. Diese Daten fließen direkt in die Konzeption ein, sodass bereits erste Szenarien erstellt werden können. Anschließend optimieren wir diese Pläne mithilfe leistungsstarker Algorithmen, um den bestmöglichen Einsatz von Ressourcen zu gewährleisten. Dank des leistungsstarken Cloud-Systems können mit der Software verschiedene Szenarien durchgespielt und verglichen werden. Durch die Nutzung im Browser ermöglicht die Software auch neue Formen der Zusammenarbeit, die es so bei anderen Planungssystemen nicht gibt. Dadurch können verschiedene Interessensgruppen eingebunden werden.

IM+io: Wie unterstützt Ihre Software die Umstellung auf emissionsfreie Fahrzeuge?

BL: Die Umstellung von Diesel- auf Elektrobusse ist eine der größten Herausforderungen für Verkehrsunternehmen. Es geht nicht nur um den Austausch von Fahrzeugen, sondern um eine umfassende Neugestaltung der Planung. Faktoren wie Ladezeiten, Batteriegrößen und Ladein-frastruktur müssen in den Fahrplan integriert werden. Unsere Plattform ermöglicht es, solche Szenarien detailliert durchzuspielen. Verkehrsunternehmen können analysieren, welche Linien sich für eine Elektrifizierung eignen, welche Batteriekapazitäten benötigt werden und ob Ladezeiten den Betrieb beeinträchtigen könnten. Dabei gehen wir ganzheitlich vor: Statt einfach Dieselbusse eins zu eins durch Elektrobusse zu ersetzen, betrachten wir das gesamte Netz und prüfen, ob durch Anpassungen im Fahrplan die gleichen Ressourcen ausreichen.

Besonders im ländlichen Raum, wo größere Distanzen und weniger dichte Taktungen vorkommen, spielen diese Faktoren eine zentrale Rolle. Unsere Software hilft, die Reichweitenproblematik und Ladebedarfe effizient zu lösen.

IM+io: Wie unterstützen Sie Verkehrsunternehmen bei der Integration von Daten?

BL: Unsere Plattform kann man sich als einen großen Werkzeugkasten vorstellen, der Daten aus unterschiedlichen Quellen zusammenführt und sie für die Planung nutzbar macht. Verkehrsunternehmen können etwa Fahrgastzählungen, Pünktlichkeitsdaten oder GIS-Layer direkt ins System einbinden. Wir bieten visuelle Werkzeuge, die es Planern erleichtern, diese Informationen zu analysieren und in Szenarien umzusetzen.

Ein Beispiel: Wenn Daten zeigen, dass eine Linie chronisch verspätet ist, können wir daraus realistische Fahrpläne ableiten und den Betrieb optimieren. Dabei behalten wir stets die Interessen aller Beteiligten im Blick – von Fahrgästen bis zur Stadtverwaltung.

IM+io: Wie läuft der Wechsel zu Ihrer Software in der Praxis ab?

BL: Die Einführung einer neuen Planungssoftware ist immer mit Herausforderungen verbunden. Oft müssen Verkehrsunternehmen parallel mit dem alten und dem neuen System arbeiten, was zunächst für Mehraufwand sorgt. Unser Ziel ist es, diesen Prozess so reibungslos wie möglich zu gestalten. Wir arbeiten eng mit den Unternehmen zusammen, um die spezifischen Anforderungen in der Software abzubilden – um quasi einen Digitalen Zwilling des Verkehrsunternehmens zu schaffen. Unsere Plattform basiert auf einem Software-as-a-Service-Modell, sodass wir kontinuierlich Updates bereitstellen und die Unternehmen langfristig betreuen können. Die Einführung dauert je nach Größe und Komplexität des Unternehmens in der Regel zwischen drei und sechs Monaten.

IM+io: Welche Rolle spielt die Zusammenarbeit mit Verkehrsunternehmen bei der Einführung Ihrer Software?

BL: Die Einführung unserer Software ist ein partnerschaftlicher Prozess. Verkehrsunternehmen stehen oft vor der Herausforderung, bestehende Systeme abzulösen oder erstmals eine digitale Planung einzuführen. Dabei geben die Unternehmen das Tempo vor, und wir passen unsere Unterstützung individuell an. Auch nach der Einführung stehen wir mit regelmäßigen Updates und Beratungen zur Seite. Unser Ziel ist, die Umstellung so einfach wie möglich zu gestalten und gleichzeitig langfristige Mehrwerte zu schaffen.

IM+io: Wie unterscheiden sich die Herausforderungen zwischen Stadt- und Landverkehr?

BL: Der öffentliche Nahverkehr in Städten unterscheidet sich deutlich von dem auf dem Land. In Städten liegt der Fokus oft auf Taktverdichtungen, der Integration verschiedener Verkehrsmittel und einer hohen Auslastung. Auf dem Land dominiert dagegen der Schüler:innenverkehr, der oft die Hauptnutzung des Nahverkehrs ausmacht. Hinzu kommt die wirtschaftliche Herausforderung: Im städtischen Raum sind die Netze aufgrund der höheren Nachfrage meist wirtschaftlicher. Unsere Software hilft dabei, diese Unterschiede zu berücksichtigen und dennoch einen effizienten Betrieb sicherzustellen. Beispielsweise achten wir darauf, dass Busse im ländlichen Raum optimal eingesetzt werden, auch wenn sie außerhalb der Stoßzeiten weniger genutzt werden.

IM+io: Welche Rolle spielen Nachhaltigkeit und CO₂-Reduktion in Ihrem Ansatz?

BL: Nachhaltigkeit ist ein zentraler Aspekt unseres Ansatzes. Unsere Software ermöglicht es, den CO₂-Ausstoß zu analysieren und Maßnahmen zur Reduktion zu planen. Beispielsweise können Verkehrsunternehmen berechnen, wie viel Emissionen sie durch die Elektrifizierung einer Linie einsparen würden. Darüber hinaus sorgt eine effiziente Planung für eine bessere Auslastung der Fahrzeuge und reduziert unnötige Kilometer. Ein zuverlässiger und gut geplanter Nahverkehr motiviert mehr Menschen, vom Auto auf den ÖPNV umzusteigen, was ebenfalls einen positiven Effekt auf die Umwelt hat.

IM+io: Wie sehen Sie die Zukunft der Plattform mittel- und langfristig?

BL: Unsere Vision ist es, den öffentlichen Nahverkehr durch digitale Planung zu transformieren. Wir entwickeln eine Software, die alle Beteiligten berücksichtigt, also Organisierende, Fahrpersonal, politisch Entscheidende und auch die Fahrgäste. Perspektivisch setzen wir auf KI-gestützte Funktionen, die Koordinierende bei Entscheidungen unterstützen und optimierte Vorschläge machen. Wir sind überzeugt, dass ein digitalisierter, nachhaltiger und kollaborativ gestalteter Nahverkehr ein entscheidender Faktor für die Mobilität der Zukunft ist.

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