KI, die Kreative Intelligenz jetzt in der neuesten Folge SMART&nerdy! Podcastfolge #23.

Space as a Service: Die neue Ökonomie leerer Flächen
A bright circular room with a ring of various colored doors, suggesting choices and paths to different opportunities and possibilities, concept design, rendering.

Space as a Service:

Die neue Ökonomie leerer Flächen

Felix Ueckermann, Comydo (Uniberry GmbH)

(Titelbild: © Adobe Stock | 1716691547 | whitestorm )

Kurz und Bündig

Digitale Zutritts- und Buchungssysteme verändern die Bewirtschaftung physischer Ressourcen grundlegend. Ihr wichtigster Effekt liegt nicht allein im Komfortgewinn, sondern in der neuen Sichtbarkeit tatsächlicher Nutzung. Erstmals wird messbar, wann Räume, Sportanlagen, Parkflächen oder Arbeitsplätze trotz formaler Belegung real ungenutzt bleiben. Der Text beschreibt dieses Phänomen als „unsichtbare Leerstandsquote“. Dadurch wandeln sich Flächen zunehmend von statischen Assets zu dynamisch steuerbaren Services. Gleichzeitig entstehen neue Anforderungen an Datenschutz, Prozesse, Governance und Systemstabilität. Die eigentliche Herausforderung digitaler Bequemlichkeit liegt deshalb weniger in der Technologie selbst als in der Verantwortung, die durch die neue Transparenz entsteht.

Eine Turnhalle steht am Wochenende leer. Ein Firmenparkplatz bleibt abends ungenutzt. Büroflächen gelten als ausgelastet, obwohl viele Arbeitsplätze tageweise frei bleiben. Lange waren solche Ineffizienzen kaum sichtbar, weil zwischen formaler Belegung und tatsächlicher Nutzung nur selten unterschieden wurde. Erst digitale Buchungs- und Zutrittssysteme machen diese Lücke zunehmend messbar. Damit verändern sie nicht nur den Zugang zu Räumen, sondern auch die wirtschaftliche Logik ihrer Bewirtschaftung. Was passiert, wenn digitale Systeme plötzlich sichtbar machen, wie ineffizient viele physische Ressourcen tatsächlich genutzt werden?

Die Digitalisierung hat auch in die Bewirtschaftung von Flächen und Räumen Einzug gehalten. Und mit der Digitalisierung gewinnen Systeme zur digitalen Zutrittskontrolle in vielen Branchen zunehmend an Bedeutung. Waren sie in der Vergangenheit vorwiegend im Unternehmensumfeld üblich, nehmen sie nun auch in Sport- und Freizeitanlagen, Coworking-Spaces, neuen Angeboten wie Selbstbedienungsläden und sogar in einem wachsenden Teil kommunaler Infrastruktur eine immer größere und wichtigere Rolle ein.


Die öffentliche Aufmerksamkeit dafür konzentriert sich neben Sicherheitsaspekten gewöhnlich auf den Komfortgewinn. Die ökonomisch interessantere Folge bleibt jedoch meist unbemerkt: Diese Systeme liefern erstmals deutlich bessere Hinweise darauf, wann und wie häufig die jeweilige Ressource tatsächlich genutzt wird, und damit einen Einblick, der in den meisten betroffenen Branchen bisher schlicht nicht existierte oder zumindest schwer quantifizierbar war.


Den Anstoß dazu liefert nicht die Technologie allein. Erst die veränderte Nutzungspraxis, wie flexible Arbeitszeiten, hybride Bürokonzepte und daraus resultierende veränderte Nutzungsmuster von Freizeit-, Sport- und Versorgungsangeboten, schafft den Bedarf, Räume zu Tageszeiten und in Konstellationen zu öffnen, die mit klassischer Bewirtschaftung nicht abbildbar sind. Digitale Zutrittskontrolle ist dabei nicht der alleinige Auslöser, sondern der operative Baustein, der flexible Nutzung gemeinsam mit Buchung, Berechtigungslogik und Abrechnung praktisch umsetzbar macht.


Was zunächst wie eine (digitale) Bequemlichkeitslösung wirkt, macht eine Erkenntnis sichtbar, die schon länger ausstand und überfällig ist.

Die unsichtbare Leerstandsquote

In der Immobilienwirtschaft ist Leerstand eine etablierte Kennzahl. Eine unvermietete Gewerbefläche taucht in Marktreports auf, eine ungenutzte Wohnung schmälert den Cashflow der Eigentümer:innen. Sobald aber ein Mietvertrag unterschrieben oder eine Fläche operativ in Betrieb ist, endet die direkte Beobachtbarkeit. Eine Bürofläche, die werktags zur Hälfte leer bleibt, gilt vertraglich als belegt. Ein gebuchter Tagungsraum, in dem niemand erscheint, gilt als ausgelastet. Eine Firmenparkfläche, die nach Feierabend brachliegt, taucht in keinem Report auf, obwohl sie weiterhin Bauunterhalt, Reinigung, Beleuchtung und Bodensteuer kostet. Und eine Schule gilt mitunter als überlastet, obwohl sie am Wochenende größtenteils leer steht. Die Formen unterscheiden sich, der blinde Fleck ist derselbe: Zwischen formaler Belegung und tatsächlicher Nutzung liegt eine Lücke.

Das Phänomen ist den Betreiber:innen der jeweiligen Flächen nicht gänzlich unbekannt, insbesondere wenn die Flächen mit Gewinnerzielungsabsicht bewirtschaftet werden. Dennoch: Eine strukturierte und betreibungsübergreifende Erfassung dieses Zustands findet bisher kaum statt, es fehlen schlicht die Daten.

Mit der digitalen Steuerung der Buchungs- und Zutrittsprozesse ändert sich das. Nicht nur jede Buchung, sondern nun auch jede Öffnung eines Raumes und damit jede tatsächliche Nutzung wird zu einem messbaren Vorgang. Die operative Frage verschiebt sich von belegt oder frei zu tatsächlich genutzt oder nicht. Im Folgenden bezeichnen wir diesen blinden Fleck als unsichtbare Leerstandsquote: den Anteil der verfügbaren Nutzungszeit, in dem eine formal belegte oder reservierte Ressource tatsächlich nicht genutzt wird. Praktische Erfahrungswerte deuten darauf hin, dass die tatsächliche Nutzung deutlich unter den Werten liegt, die Belegungspläne dokumentieren.

Fläche as a Service

Wenn Nutzung nicht nur messbar wird, sondern auch flexibel buchbar, abrechenbar und zugänglich, verändert sich der ökonomische Charakter physischer Ressourcen. Was bisher als statisches Asset gedacht wurde, etwa eine Fläche, die jemand mietet, oder eine Anlage, die jemand betreibt, tritt zunehmend als Service auf, dessen Wert sich am tatsächlichen Verbrauch bemisst. Die zugrundeliegende Mechanik ist nicht neu, sie wurde im Software-Geschäft jahrelang durchexerziert (Stichwort Software as a Service; SaaS) und wandert nun in den physischen Raum. Die Analogie hat allerdings Grenzen: Anders als Software bleibt Fläche knapp, ortsgebunden und betrieblich aufwendig. Gerade deshalb ist die präzise Steuerung ihrer Nutzung wirtschaftlich relevant.


Ein Tagungszentrum kann seine Räume nun stundenweise an unterschiedliche Mieter:innen bereitstellen, ohne dass Personal jede Buchung persönlich betreut und der Schlüssel individuell übergeben werden muss. Ein Sportstudio kann Frühstunden anders bepreisen als Stoßzeiten, ohne die Einhaltung durch Personal kontrollieren zu müssen. Eine Firmenparkfläche, die am Wochenende ungenutzt ist, kann Anwohner:innen oder einem benachbarten Veranstaltungsort gegen Entgelt zugänglich gemacht werden. Aus einem statischen Vertragsobjekt wird eine dynamisch nutzbare Ressource.


Wesentlich an dieser Verschiebung ist, dass sie sich nicht auf die eigene Organisation beschränken muss, wie das obige Beispiel des Firmenparkplatzes zeigt. Die gleiche Mechanik öffnet die Bewirtschaftung physischer Ressourcen auch für Akteure, die mit der ursprünglichen Mietkonstellation nichts zu tun haben. Ein Unternehmen, das seit der Pandemie zwei Etagen weniger im Bürokomplex benötigt, kann diese als Coworking-Bereich für Externe betreiben, statt die Fläche ungenutzt zu lassen oder den eigenen Mietvertrag neu verhandeln zu müssen. Eine Schulturnhalle und Unterrichtsräume, die abends und am Wochenende ungenutzt bleiben, können mit überschaubarem Aufwand für Vereine und Nachbarschaftsgruppen geöffnet werden.


Was bisher organisatorisch zu komplex erschien, etwa Schlüsselübergabe, Buchungsverwaltung und Abrechnung, wird durch digitale Buchung und Zutrittssteuerung praktikabel. Die Schwelle zwischen eigenem und fremdem Asset wird geringer, ohne dass Eigentumsverhältnisse aufgegeben werden müssen. Gleichzeitig verschwimmt die Grenze zwischen Asset und Service.


Eigentümer:innen und Betreiber:innen stehen damit vor zwei Aufgaben: Sie müssen die zusätzliche Komplexität operativ beherrschen und sie müssen den Erlösmodellwechsel kaufmännisch organisieren. Beides ist machbar, stellt sich aber nicht von allein ein, nur weil Buchung und Zugang digital werden. Genau die Messbarkeit, die diese ökonomische Verschiebung verursacht, bringt zugleich Verantwortung mit sich.

Bestand vor Neubau

Diese Verschiebung hat eine Dimension, die in der Nachhaltigkeitsdebatte oft zu kurz kommt. Bestand vor Neubau ist als Prinzip in der Bau- und Wohnungspolitik etabliert, fehlt aber in der Bewirtschaftung von Sportanlagen, Parkflächen oder kommunaler Infrastruktur noch häufig.


Digitale Verwaltung und Zutrittssteuerung verschieben das Verhältnis: Wo eine bestehende Anlage zu Randzeiten zugänglich gemacht werden kann, sinkt der Druck, eine zweite zu bauen. Die ökologischen und ökonomischen Kosten eines neuen Gebäudes (Material, graue Energie, Flächenversiegelung) werden so vermieden, ohne dass auf Funktion verzichtet werden müsste.

Die Kehrseite

Ein klassischer Schlüssel ist ein überschaubares Risiko. Auch wenn der Verlustfall teuer werden kann, ist das Risiko eindimensional. Digital gesteuerter Zugang verteilt diese Verantwortung auf drei Dimensionen: Sie verschiebt sich auf Prozesse, auf Daten und auf das System selbst. Wer den Auslastungsvorteil dauerhaft nutzen will, muss diese drei Dimensionen mit gleicher Sorgfalt beherrschen.


Auf der Prozessebene ist ein digitaler Schlüssel nur so verlässlich wie die Regeln, nach denen er ausgestellt, geprüft und zurückgezogen wird. Hier hat man wenig gewonnen, wenn unklare manuelle Prozesse lediglich unverändert in ein digitales System übertragen werden.


Auf der Datenebene entsteht ein zweites Spannungsfeld. Jede Öffnung wird zu einem neuen Datenpunkt. In Summe entsteht daraus wertvolles Wissen über Auslastung und Nutzungsweisen, das gewollt und nützlich ist. Auf die einzelne Person bezogen entsteht aber zugleich ein Bewegungsprofil, das datenschutzrechtlich wie auch im Hinblick auf die Nutzenden, die dabei beobachtet werden, kulturell heikel sein kann.


Auf der Systemebene schließlich gilt eine schlichte Wahrheit: Eine digital gesteuerte Ressource ist nur dann zugänglich, wenn das System, mit dem sie verwaltet wird, betriebsbereit ist. Daraus entsteht eine neue Abhängigkeit, zumal derartige Systeme oftmals extern betriebenen werden.


Alle drei Ebenen sind beherrschbar. Sie verlangen aber Aufmerksamkeit und gründliche Planung vor der Inbetriebnahme. Hierin liegt der Preis der digitalen Bequemlichkeit, und zwar nicht in der Bequemlichkeit selbst, sondern in der Sorgfalt, die sie voraussetzt.

Kann die KI das nicht alles für uns lösen?

Wenn digitale Buchung und Zutrittskontrolle mehr Daten über Nutzung erzeugt, drängt sich eine Folgefrage auf: Lässt sich daraus mit Künstlicher Intelligenz automatisch eine bessere Bewirtschaftung ableiten? In der öffentlichen Diskussion gilt KI rasch als Technologie, die viele Felder grundlegend verändern könnte. Die Realität ist, zumindest im Hinblick auf digitale Zutrittskontrolle, nüchterner und das ist auch gut so.


Im Kern der Zutrittskontrolle, also bei der Frage, ob jemand eintreten oder eine Ressource nutzen darf, hat KI nichts zu suchen. Die Regel an eine KI auszulagern wäre operativ aufwendiger, als sie schlicht zu konfigurieren. Diese Entscheidung muss deterministisch sein. Eine Berechtigung gilt oder gilt nicht. Wahrscheinlichkeiten und Modellunsicherheit sind hier keine akzeptablen Größen.


Wo KI legitim einen Nutzen stiftet, ist nicht bei der Entscheidung selbst, sondern etwa bei der vorgelagerten Identifikation: Bilderkennung in der Kennzeichenerfassung etwa arbeitet mit KI-Modellen, deren Output anschließend in einen deterministischen Prozess einfließt.


Anders sieht es bei Anomalie- und Missbrauchserkennung aus. Hier kann eine KI Muster sichtbar machen, die menschlichen Beobachter:innen entgehen würden. Auf der Bewirtschaftungsebene sind Auslastungsprognosen ein weiterer realistischer Einsatzbereich. Wer absehen kann, wann eine Ressource voraussichtlich wie stark genutzt wird, kann Energie, Personal und Wartung präziser planen. Das wirkt zunächst unscheinbar, kann aber den ökologischen und ökonomischen Aufwand der Digitalisierung selbst (über-) kompensieren.


KI-Modelle und -Agenten haben Ihre Daseinsberechtigung und können sinnvoll genutzt werden. Doch wann immer Determinismus eine Rolle spielt, stiftet KI im besten Fall keinen Nutzen und blockiert im schlimmsten Fall den Prozess vollständig.

Eine unbequeme Wahrheit?

Was ist nun das Fazit daraus? Ist es die Verheißung einer effizienteren und smarteren Welt? Das wäre zu einfach. Die unsichtbare Leerstandsquote ist kein neues Phänomen, denn sie war immer da. Jetzt wird sie sichtbarer, durch Werkzeuge, die in der öffentlichen Debatte unter dem etwas verharmlosenden Etikett der Bequemlichkeit verbucht werden.


Was aus dieser Sichtbarkeit folgt, sind ökonomische, ökologische und nicht zuletzt gesellschaftspolitische Fragen. Wer welche Räume zu welchen Bedingungen nutzt, wer welche Entscheidungen darüber trifft und wer dabei Verantwortung trägt, sind keine technologischen Fragen.


Die digitale Bequemlichkeit ist unbequem. Sie deckt auf, wie verschwenderisch wir in der Vergangenheit mit Räumen und Ressourcen umgegangen sind. Und sie hat einen Preis, der oft woanders liegt, als die öffentliche Debatte vermuten lässt: nicht in der Bequemlichkeit für die Endnutzer:innen, sondern in der Sorgfalt beim Aufbau und Betrieb der digitalen Schicht. Wer die Prozesse, Daten und Systeme dahinter unterschätzt, zahlt diesen Preis später nach.


Der eigentliche Preis liegt deshalb nicht in der Technologie selbst, sondern darin, dass sie Ausreden beseitigt und uns in die Verantwortung nimmt. Wer Nutzung sichtbar macht, muss auch entscheiden, was aus dieser Sichtbarkeit folgt.

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