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Self Publishing Platforms – ein steiniger Weg für Autoren

Self Publishing Platforms – ein steiniger Weg für Autoren

Nessa Altura, Schriftstellerin

Kurz und bündig:


Plattformen bieten Kulturschaffenden vielseitige neue Möglichkeiten unabhängiger von vielleicht eli­tären Produzenten zu werden. Die neuen Chancen bedeuten für Autoren, sich selbst und ständig auf allen Kanälen zu vermarkten, und dabei noch, fast nebenbei, die Kultur selbst zu erschaffen. Kultur über eigene oder fremde Portale zu vermitteln senkt die Eintrittsbarrieren für Einsteiger und die Kulturschaffenden erreichen ihr Publikum direkt. Viele Initiativen von Autoren, Plattformen zu nut­zen, bereichern die Kulturlandschaft.


Das Netz hat die Bücherwelt verändert. Für Autoren wach­sen dadurch die Chancen auch ohne Verläge zu pubizieren. Es schrumpft aber auch die öffentliche Wahrnehmung. In der Fülle der Angebote wird man als Urheber schwer sicht­bar. Da finden die Plattformen ihre Rolle: Sie fungieren als Vermittler von Dienstleitungen, als Ratgeber und Professio­nalisierer, als Interessensverband und schlussendlich auch als Gate-Keeper. Das klingt gut. Wahr ist aber auch: das Buch – in all seinen Erscheinungsformen – wird vielfältiger. Und – dem Netz sei Dank – immer kleinteiliger und innovativer.

Selfpublishing – der neue Hype für Kultur­schaffende? Autoren auf Plattformen.


Mit den Möglichkeiten des Selfpublishings, die in Deutschland seit 1998 angeboten wurden und mit anderen nutzerfreundlichen Angeboten, konnten sich auch neue online-Plattformen etab­lieren. Allen voran Amazon, das immer wieder überrascht und den Bekanntsheitsgrad und den Verkauf der selbstverlegten Bücher – nicht nur im E-Book Format, sondern auch als gedruckte und bebilderte Bücher – befördert. Die deut­schen Buchändler und Verlage haben nach an­fänglichem Zögern nachgezogen: Ihre 2013 ent­wickelte Marke Tolino für E-Book-Reader und Tablets hat sich gut auf dem Markt etabliert. Noch immer bleibt der E-Book Absatz in Deutschland weit hinter dem amerikanischen, aber er wächst. Langsam, sehr langsam, aber stetig.
Das Hauptproblem ist und bleibt die öf­fentliche Sichtbarkeit. Bücher, die in den klassi­schen Printmedien nicht besprochen werden und in den Buchhandlungen nicht ausliegen, ha­ben es schwerer das Publikum zu erreichen. Das gelingt eigentlich nur über ein eindrucksvolles Cover, einen sensationellen Titel oder über den Namen des Autors. Wenn dessen Stil einmal ge­fallen hat, kann er weitere Nachfrage generieren. Letzeres kann zu höchst erfolgreichen Seri­en-Produktionen führen.

So fängt alles an: Schreiben muss man können


In der Regel kann der Autor oder die Autorin zwar schreiben, ist aber in allen verlegerischen und marketingtechnischen Belangen unerfahren. Hier braucht es die Hilfe von externen Dienstleis­tern, die infolge dieser Entwicklung zuhauf auf dem Markt erschienen sind. Am rührigsten ist der Journalist Matthis Matting, dessen online- Angebote unter dem Schlagwort „Die Self-Pub­lisher-Bibel“ Autoren mit allem Wissenwerten rund um das Thema Selfpublishing versorgen. Er hat mit fortschreiben.de eine Plattform erfunden, die beim Verfassen eines Werkes begleitet und berät. Ihm ist es auch zu verdanken, dass sich vor Kurzem ein Selfpublisher Verband mit eigenem Selfpublisher Preis gegründet hat.
Wer sich beim Schreiben noch unsicher fühlt, dem kann online auf vierlei Arten geholfen werden. Was in den USA die Creative Wrtiting Courses sind, die jede seriöse Universität anbietet, gibt es bei uns allenfalls beim Deut­schen Literaturinstitut in Leipzig. Hieraus sind schon ernsthafte Literaten erwachsen, wie zum Beispiel Juli Zeh, Franziska Gerstenberg, Roman Graf. Es gibt auch private Schulen, die sich um das Schreiben kümmern, stellvetretend für viele sei die Textmanufaktur von André Hille, eben­falls in Leipzig, genannt. Alle anderen, die es nicht nach Leipzig schaffen, bedienen sich im Netz. Plot, Erzählperspektive, Romanpersonal, Aufbau, Rückblenden, Cliff Hanger, Anfang und Ende, alles unklar? Webinare und Kollegentipps gibt es da zuhauf, am bekanntesten ist wohl das Autorenforum Montségur, das seit 2005 mit den vielen kompetenten Beiträgen seiner Mitglieder eine Schreib-Akademie gegründet hat.

Eine lebhafte Forums-Kultur beantwortet alle Sachfragen


Selbstverständlich haben die unterschiedlichen Genres auch ihre eigenen Foren, auf denen sich Historiker über Kostüme und Tischsitten, Kri­miautoren über Todesarten oder Gefängnisrou­tinen und Liebesromanschreiber über die ge­schmackssichere Darstellung erotischer Fantasi­en unterhalten können.

Internationale Schreibprojekte machen Mut


Aus Amerika herübergeschwappt sind viele Be­gleitprogramme, die Menschen, die schreiben wollen, ermutigen, auch dabei zu bleiben. Es braucht ja schon eine gehörige Menge Disziplin, um tatsächlich einen Mehrere-Hundert-Sei­ten-Opus auch zu Ende zu bringen. Ein solches Beispiel ist der nanowrimo, der Novel Writing Month November, in dem sich Tausende Schrei­berlinge aus aller Welt vernetzen, um – jeder für sich – innerhalb eines Monats einen Roman von mindestens 50.000 Wörtern zu verfassen. Es ist ein im Jahr 1999 privat iniziiertes kreatives Schreibprojekt, das järhlich mehr Anhänger findet.

Rezension gesucht?

Auch das seit 1996 bestehende Literaturcafé im Netz hilft mit Seminaren zum Thema Selfpublis­hing und bringt News zum literarischen Leben. Eine weitere nützliche Initiative kommt von Lovely Books, einem sozialen Netzwerk der Holtzbrinck Gruppe. Hier werden Leserunden gebildet, die sich zu einzelnen Titeln zusammenfinden, debattieren und kommentie­ren. Auf diese Weise erhält der Autor Rezensio­nen, die er dann bei seinem eigenen online-Auf­tritt – ohne den kaum ein Autor auskommt – ein­stellen kann. Im Netz hat sich ja eine eigene Be­wertungskultur herausgebildet, ohne die kaum ein internetaffiner Kunde Entscheidungen trifft.

Social Media ist anstrengend


Die eigenen Autorenseiten müssen natürlich ebenfalls beworben werden, damit man von ih­nen Notiz nimmt. Hier hilft ein Blog, der die Entwicklung des eigenen Werkes beschreibt, oder eine Facebook Seite, Twitter, Instagram und andere soziale Netzwerke. Nahezu alle Autoren betreiben solche Social Media Anstrengungen, um auf ihre Angebote hinzuweisen. Nessa Altu­ra zum Beispiel hat hier alles in einer Hand ver­einigt: den kreativen Prozess des Schreibens, die verlegerische Betreuung und die Vermarktung. Der Autorenexpress von Nessa Altura ist ein Versandhaus für literarische Texte, die in Form von Briefen zu den Kunden nach Hause kom­men. Das Internet macht es möglich.
Andere Autoren wie zum Beispiel Silke Baecker entwickeln und drucken ein eigenes Ma­gazin. Ingrid Schmitz möchte den Besucher in ihre Fotostorys und anderen experimentelle Ide­en hineinziehen. Mancher versucht auch, eine ei­gene Community aufzubauen – aber die tägliche Präsenz, die Pflege des Besucherstamms, die Jagd nach verwertbaren News und die Troll-Kontrolle der Kommentare verlangen oft mehr Kraft und Zeit als ein einzelner zur Verfü­gung hat. Geschrieben werden soll ja schließlich auch noch!

Und am Ende muss auch verkauft werden


Schon lange gibt es im Netz das (klassische Print-) Handbuch für Autoren von Sandra Usch­trin. Nun hat sich dazu der Autorenwelt „Shop“ gesellt, der ebenso schnell und einfach liefert wie das immer wieder Maßstäbe setzende Vorbild Amazon, aber einen entscheidenden Vorteil für die Autoren hat: Sie werden mit einem bestimm­ten Prozentsatz an den Erlösen ihrer Werke be­teiligt. Auch die klassischen Verlage und die neu­en Internet-Verleger beteiligen natürlich ihre Ur­heberinnen und Urheber, aber eben nicht so großzügig und nicht so unmittelbar.

Ergänzung oder Konkurrenz: Verlag contra Self Publishing


Natürlich gibt es auch Kombinationen und man­che Autorin, mancher Autor hofft darauf: Zuerst wird ein Buch selbst verlegt, dann findet es Leser und im Anschluss wird ein Verlag aufmerksam und veröffentlicht das Buch auf klassische, pro­fessionelle Weise: eingebettet in eine Reihe viel­leicht, mit Verlagsvorinformation, Verlagsvertre­terwerbung, Anzeigen und Lesereisen. Das sind dann die Bücher, die Bestseller werden, weil Ma­gazine auf sie hinweisen und hohe Stapel in den Buchhandlungen Käuferinnen und Käufer lo­cken. Das kann passieren und ist schon passiert. Umgekehrt geht es leider auch: Die Verlage nut­zen den kostengünstigen E-Book-Markt als Amu­se-Gueule. Sie bieten E-Book only–Reihen für Ne­wcomer an. Erst, wenn sich ein Autor da durch­setzen konnte, bekommt er einen Verlagsvertrag für ein Printbuch. Das bedeutet viel Vorlage für den Autor, wenig Risiko für den Verleger.
Ein weiterer Nachteil der Bücher-Inter­net-Szene ist, dass die kleineren Verlage, die zu­gegebenermaßen am meisten unter den rückläu­figen Zahlen des Buchgeschäfts leiden, still und leise dazu übergagangen sind, den Marke­ting-Anteil ihres Geschäftes auf die Autoren zu verlagern. Wozu haben die eigene Internetseiten? Wer erfolgreich werden will, muss also auf eigene Kosten trommeln, Werbeprodukte erstellen oder Lesungen organisieren.

Interessensverbände


Neben anderen Interessensverbänden helfen zum Beispiel die beiden großen deutschsprachi­gen Organisationen auf dem Krimi-Sektor, das Syndikat und die Mörderischen Schwestern, un­terstützend mit. So veranstaltet das Syndikat an jedem 8. Dezember des Jahres einen Krimitag in vielen deutschen, österreichischen und Schwei­zer Städten. In Memoriam Friedrich Glauser, des ersten „echten“ Kriminalschriftstellers, wird an dessen Todestag gelesen und verkauft – gerade rechtzeitig vor Weihnachten! -, was möglich ist. Und die Mörderischen Schwestern haben eigene Auftritts-Formate entwickelt, die große Beliebt­heit bei Veranstaltern erfahren.

Offline und Online – beides ist wichtig


Der Verlagskaufmann Leander Wattig hat sich vorgenommen, online und offline in der Ver­lagswelt zu versöhnen. Auf seine Initiative ge­hen diverse neue Formate zurück, die einen vielversprechenden Anfang genommen haben. Da ist zum Beispiel die Meet-up Reihe pubnpub – hier treffen sich junge Buchprofessionelle zum Kennenlernen in 16 Städten und 7 Ländern in einer Kneipe vor Ort. Davon erfahren wird man höchstwahrscheinlich online.
Oder die Leipziger Autorenrunde – eine Autorenkonferenz, die die Buchmesse Leipzig bereits zum 7. Mal begleitet. Dort werden an runden Tischen die neuesten Trends auf dem Buchmarkt aufgegriffen und diskutiert – von Autoren und Referenten, die ja der Messe wegen schon angereist sind.
Im Netz findet man die Reihe „Ich mach was mit Büchern“, in der Büchermenschen sich vorstellen, Jobs angeboten oder Vernetzungen angestoßen werden. Der ORBANISM AWARD, der vorher unter dem (weit weniger ansprechen­den) Titel „Virenschleuderpreis“ ausgelobt wor­den war, ist ein Preis für Live-Marketing in den Social Media und offline sowie für Veranstal­tungen und Eventformate aller Art. Auf diese vielfältige Weise will Leander Wattig die Buch­welt verjüngen und revitalisieren.

Ausblick


Natürlich wird das Netz das Buch nicht ver­drängen – online lassen sich längere Texte ein­fach schwer bewältigen. Literatur will ja weni­ger den schnellen Überblick, als viel mehr das genussvolle Sich-Hineinvertiefen in Sprache. Und das Buch ist eine nahezu perfekte Erschei­nungungsform für Texte – handlich, kosten­günstig, transportabel. Fast so gelungen wie das Ei!
Die Papierwelt ist eine alte Kulturwelt, die Bestand haben wird. Aber sie wird nicht mehr von wenigen elitären Produzenten befüllt, son­dern von einer Vielzahl von Urheberinnen und Urhebern, über deren Qualität das Lesepubli­kum ein Urteil fällen wird. Weil die Produkti­onsmittel via E-Book erschwinglich geworden sind, wird es viel mehr Produzenten geben, die sich immer mehr vernetzen werden, damit nicht jedes Mal das (verlegerische) Rad neu erfunden werden muss. Er wird stets neue Dienstleister ge­ben: Lesereisen-Organisierer, Buchladen-Event­manager, Buchpräsentationsveranstalter, Buch­trailer-Produzenten, Buchverpacker. Kurztexte werden – wie beim Autorenexpress – auch ande­re Formen annehmen als die Buchform: Es gibt bereits Automaten, die Textstreifen für eilige Le­ser in S- und U-Bahnen ausspucken und die sich über Werbung finazieren. Nach und nach wird sich via Plattformen auch wieder ein Filter her­ausschälen – so wie es lange Zeit die Rezensi­onsseiten der Feuilletons gewesen sind.
Es gilt eben in der Bücherwelt dasselbe wie überall: Das Netz senkt zuerst die Hemm­schwelle für Konsument und Produzent. Da­nach ordnen die Plattformen das kreative Cha­os und die Einzelkämpfer schließen sich mit de­ren Hilfe zusammen. Und am Ende bleibt, was Qualität hat. Alles andere wird vergessen – und was beim schnellen E-Book das Allerbeste ist: Es verbraucht beim Entstehen zwar auch Res­sourcen, aber es kann auf Knopfdruck entsorgt werden..

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