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Wer bin ich und darf ich rein? Digitale Identitäten als Infrastruktur der vernetzten Stadt
Illustration zu Datensicherheit, digitaler Identität und Vertrauen mit Hand, Auge, Schlüssel und Schloss.

Wer bin ich und darf ich rein?

Digitale Identitäten als Infrastruktur der vernetzten Stadt

Neele Küchler, XignSys GmbH und Ali Ismailov, Stadtwerke Münster

(Titelbild: KI-generiert mit ChatGPT )

Kurz und Bündig

Digitale Identitäten bilden eine zentrale Infrastruktur für vernetzte Smart-City-Services. Ein gemeinsamer Zugang kann separate Konten und wiederholte Identitätsprüfungen vermeiden, unterschiedliche Sicherheitsniveaus abbilden und neue Angebote leichter integrierbar machen. Der City.Pass Münster zeigt, wie offene Standards, verlässliche Identitätsdaten und klare Governance Mobilitäts-, Energie-, Verwaltungs- und weitere kommunale Services verbinden können. Eine modulare Architektur schafft zudem die Voraussetzung, künftige Lösungen wie die EUDI-Wallet einzubinden.

Die digitale Stadt besteht längst aus mehr als einzelnen Apps und Portalen. Je mehr Services entstehen, desto größer wird die Gefahr eines Flickenteppichs aus Konten, Passwörtern und Identitätsprüfungen. Eine gemeinsame digitale Identität kann zur unsichtbaren Vertrauensschicht werden, die diese Angebote verbindet und damit zur Infrastruktur, auf der die Smart City weiterwachsen kann.

Der digitale Schlüssel zur Stadt: Sichere Authentifizierung als Grundlage smarter Services

Digitale Städte entstehen nicht allein durch neue Apps, Portale oder Plattformen. Sie entstehen dort, wo digitale Angebote einfach zugänglich, sicher nutzbar und sinnvoll miteinander verbunden sind. Bürger:innen möchten Mobilitätsdienste nutzen, Energieverträge verwalten, Verwaltungsleistungen abrufen oder an Beteiligungsformaten teilnehmen, ohne für jeden Dienst ein neues Konto anzulegen. Für Städte und kommunale Unternehmen entsteht daraus die Frage: Wie lässt sich ein wachsendes Serviceangebot komfortabel bereitstellen und zugleich hohen Anforderungen an Datenschutz, Sicherheit und Skalierbarkeit gerecht werden?


Die Antwort liegt in einer Infrastruktur, die im Alltag oft unsichtbar bleibt: der digitalen Identität. Sie entscheidet darüber, ob Menschen einem digitalen Service vertrauen, ob Prozesse medienbruchfrei funktionieren und ob einzelne Angebote zu einem digitalen Stadtökosystem zusammenwachsen können. Authentifizierung ist damit kein Randthema der IT mehr, sondern ein strategischer Baustein der Smart City.

Vom einzelnen Service zum digitalen Stadtökosystem

Viele Städte und kommunale Unternehmen haben in den vergangenen Jahren digitale Angebote aufgebaut: ein Portal für Mobilität, ein Servicekonto für Energie, eine App für Services im öffentlichen Raum, ein Beteiligungsformat oder digitale Verwaltungsangebote. Jedes Angebot kann für sich sinnvoll sein. In der Summe entsteht jedoch schnell eine fragmentierte Landschaft.
Für Nutzer:innen bedeutet das mehrere Logins, unterschiedliche Passwörter und wiederholte Dateneingaben. Für Organisationen entstehen redundante Datenhaltung, uneinheitliche Identitätsprozesse und erhöhte Betriebsaufwände. Gerade in kommunalen Ökosystemen, in denen Stadtverwaltung, Stadtwerke, Mobilitätsanbieter, Kulturinstitutionen und weitere Partner zusammenwirken, wird ein gemeinsamer digitaler Zugang zum Erfolgsfaktor.


Die Stadtwerke Münster zeigen, wie ein solcher Ansatz in der Praxis aussehen kann. Mit dem City.Pass wurde ein Zugang geschaffen, der digitale Services nicht isoliert betrachtet, sondern als Teil eines wachsenden Serviceverbunds.

City.Pass Münster als Praxisbeispiel

Mit dem City.Pass haben die Stadtwerke Münster gemeinsam mit XignSys eine zentrale Identitäts- und Zugangsplattform geschaffen. Ausgangspunkt war die Anforderung, digitale Kundenzugänge sicher, skalierbar und nutzerfreundlich zu gestalten. Gleichzeitig sollte eine langfristige „Ein-Kunden-Sicht“ ermöglicht werden, bei der Daten und Interaktionen über verschiedene Services hinweg in einem zentralen Konto gebündelt werden können.


Die technische Grundlage bildete SAIIL, ein modernes Identity- und Access-Management-System auf Basis eines gehärteten Keycloak-Clusters. Der City.Pass unterstützt Standards wie OAuth 2.0, OpenID Connect und SAML und ermöglicht Single Sign-on für unterschiedliche digitale Angebote. Nutzer:innen können sich mit einem zentralen Zugang anmelden und verschiedene Services nutzen, ohne für jedes Angebot ein separates Konto verwalten zu müssen.


Der Ansatz geht über ein bequemes Login hinaus. Bereits im Registrierungsprozess wurde eine Schnittstelle zur Deutschen Post integriert, um Adressdaten zuverlässig zu erfassen. Für Dienste mit erhöhten Sicherheitsanforderungen sowie zur Vermeidung von Betrugsfällen kann zusätzlich ein Verifizierungsdienst eingebunden werden, hier AutoIdent. Dabei wird ein Ausweisdokument auf Echtheit und Sicherheitsmerkmale geprüft. Zusätzlich werden die darin enthaltenen Daten ausgelesen und abgelegt. Dadurch kann sichergestellt werden, dass die im City.Pass hinterlegten oder an einen Dienst übermittelten personenbezogenen Daten mit den Angaben im Ausweisdokument übereinstimmen. So entsteht je nach Anwendung ein höheres Vertrauensniveau, ohne alle Nutzer:innen dauerhaft mit maximalen Sicherheitsanforderungen zu belasten.


Das Ergebnis ist eine Infrastruktur, die einfache Bedienbarkeit, höhere Datenqualität, sichere Authentifizierung und die Grundlage für weitere digitale Services verbindet. Für Nutzer:innen entsteht ein zentraler, geschützter Zugang. Die Organisation erhält eine Plattform, über die neue Angebote effizienter angebunden und Identitätsprozesse konsistenter gesteuert werden können. Durch die flexible Anpassbarkeit der Lösung lassen sich organisatorische Anforderungen berücksichtigen, beispielsweise bei der Gestaltung der Benutzeroberfläche und der erforderlichen Prozesse.

Identität als Infrastruktur denken

Eine zentrale Lehre aus dem Projekt lautet: Digitale Identität sollte nicht als Funktion eines einzelnen Services verstanden werden. Sie ist eine wiederverwendbare Infrastruktur, die Anwendungen verbindet. Genau wie Verkehrswege, Energienetze oder Datenplattformen bildet sie eine Grundlage, auf der weitere Leistungen entstehen können.


Für digitale Städte bedeutet das einen Perspektivwechsel. Statt für jedes neue Portal eine eigene Registrierung, Passwortverwaltung und Identitätsprüfung aufzubauen, sollte eine zentrale Vertrauensschicht entstehen. Diese kann für Mobilitätsdienste wie ÖPNV-Angebote und Deutschlandticket, Energie- und Versorgungsservices, Verwaltungsleistungen, Bürgerbeteiligung, Kulturangebote oder perspektivisch auch Quartiersplattformen genutzt werden.

Sicherheit und Nutzungsfreundlichkeit verbinden

Sicherheit und Nutzungsfreundlichkeit werden in Digitalprojekten häufig als Gegensätze betrachtet. Bei digitalen Identitäten greift diese Sichtweise zu kurz. Moderne Authentifizierungsarchitekturen ermöglichen es, Sicherheit risikobasiert und anlassbezogen zu gestalten.


Nicht jeder Service benötigt dasselbe Vertrauensniveau. Für einfache Informationen oder Buchungen reichen andere Verfahren als für sensible Daten, Vertragsänderungen, Verwaltungsleistungen oder finanzielle Transaktionen. Das zentrale Konto vereinfacht den Zugang, während zusätzliche Verifizierungsschritte über Autoident, Video-Ident, eID-Funktion des Personalausweises oder Wallet nur dann eingesetzt werden, wenn sie fachlich notwendig sind. Nutzer:innen werden nicht unnötig belastet, während sensible Prozesse weiterhin geschützt bleiben. Wurde für einen Dienst bereits eine verifizierte Identität durchlaufen, kann diese, sofern die entsprechenden Anforderungen erfüllt sind, auch für weitere Dienste genutzt werden. Dadurch entfallen wiederholte Identifizierungsprozesse, was Zeit und Kosten reduziert und gleichzeitig die Nutzerfreundlichkeit erhöht.

Standards statt Insellösungen

Kommunale IT-Landschaften sind heterogen. Bestehende Fachverfahren, Portale, Apps und externe Plattformen müssen verbunden werden, ohne neue Abhängigkeiten von proprietären Einzellösungen zu schaffen. Deshalb sind offene und etablierte Standards ein wesentlicher Erfolgsfaktor.


Beim City.Pass kommen unter anderem OAuth2, OpenID Connect und SAML zum Einsatz. Diese etablierten Standards ermöglichen den sicheren Austausch und die vertrauenswürdige Übermittlung digitaler Identitäten zwischen verschiedenen Systemen und Diensten. Sie erleichtern die Integration unterschiedlicher Anwendungen und schaffen die Grundlage für Interoperabilität. Neue Services können schneller angebunden werden, bestehende Systeme müssen nicht vollständig ersetzt werden und die Architektur bleibt langfristig erweiterbar. Zahlreiche moderne Lösungen unterstützen die genannten Standards bereits und erleichtern dadurch die Integration in bestehende Systemlandschaften.

Datenqualität und Governance als Erfolgsfaktoren

Digitale Identität ist nicht nur ein Login-Thema. Sie beeinflusst unmittelbar die Qualität von Daten und damit die Effizienz nachgelagerter Prozesse. Falsche Adressen, Dubletten oder uneinheitliche Nutzerdaten führen zu Mehraufwänden, schlechter Kommunikation und potenziellen Sicherheitsrisiken.


Im Münsteraner Projekt spielte Datenqualität deshalb eine zentrale Rolle. Die inte-grierte Adressvalidierung unterstützt dabei, präzise und verlässliche Stammdaten zu erfassen. Je stärker digitale Services miteinander vernetzt werden, desto wichtiger wird die Qualität der zugrunde liegenden Identitätsdaten.


Ebenso wichtig ist klare Governance. Wer betreibt die Plattform? Wer entscheidet über neue Anbindungen? Welche Sicherheitsstandards gelten? Wie werden Datenschutz, Rollen, Berechtigungen und Support organisiert? In Stadtökosystemen mit unterschiedlichen Akteuren muss früh geklärt werden, wie Verantwortung verteilt und Weiterentwicklung gesteuert wird. Eine zentrale Identitätsinfrastruktur ist damit nicht nur ein IT-Projekt, sondern auch ein Organisationsprojekt.

Anschlussfähig für die EUDI-Wallet

Digitale Identitäten entwickeln sich dynamisch weiter. Mit der European Digital Identity Wallet entsteht auf europäischer Ebene ein neuer Rahmen für digitale Identitätsnachweise, Dokumente und elektronische Signaturen. Nutzer:innen sollen ab 2027 Identitätsdaten und Nachweise sicher speichern, selbstbestimmt verwalten und bei Bedarf digital teilen können.


Für Städte bedeutet das: Identitätsplattformen sollten heute so gestaltet werden, dass sie morgen neue Verfahren integrieren können. Dazu zählen EUDI-Wallets, BundID, Unternehmenskonto, sektorale Nachweise oder weitere vertrauenswürdige Identitätsanbieter. Wer auf Standards, modulare Architektur und klare Schnittstellen setzt, schafft die Grundlage, künftige Entwicklungen aufzunehmen, ohne bestehende Services erneut grundlegend umzubauen.

Münster als Blaupause, nicht als Schablone

Der City.Pass Münster ist kein Modell, das jede Stadt eins zu eins übernehmen muss. Dafür sind kommunale Strukturen und bestehende IT-Landschaften zu unterschiedlich. Er zeigt jedoch Prinzipien, die übertragbar sind: Der Zugang zu digitalen Services sollte zentral gedacht werden. Sicherheit und Nutzerfreundlichkeit müssen gemeinsam geplant werden. Offene Standards schaffen Integrationsfähigkeit und Zukunftssicherheit. Datenqualität ist ein wesentlicher Erfolgsfaktor. Governance entscheidet über Skalierbarkeit. Und kommunale Identitätsplattformen müssen anschlussfähig an künftige Entwicklungen wie die EUDI-Wallet sein.


Für Städte, Stadtwerke und kommunale Unternehmen ergibt sich daraus eine klare Handlungsempfehlung: Digitale Authentifizierung sollte frühzeitig als strategische Infrastruktur in Smart-City-Programme eingebunden werden. Wer Identitätsmanagement erst dann betrachtet, wenn einzelne Services bereits produktiv sind, riskiert Insellösungen, Medienbrüche und spätere Integrationsaufwände. Wer es von Beginn an mitdenkt, schafft die Grundlage für ein digitales Ökosystem, das wachsen kann.

Fazit: Ohne Vertrauen keine digitale Stadt

Digitale Authentifizierung verbindet Nutzungsfreundlichkeit mit Sicherheit, einzelne Services mit einem gemeinsamen Ökosystem und heutige Anforderungen mit künftigen Entwicklungen. Das Beispiel Münster zeigt, wie aus einem konkreten Bedarf ein strategischer Infrastrukturbaustein entstehen kann. Wer die digitale Stadt gestalten will, muss auch ihren digitalen Zugang gestalten. Genau dort beginnt Vertrauen.

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August-Wilhelm Scheer Institut

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