Augmented Reality in der Auditierung
Ein „smarter“ digitaler Consulting-Service
Friedrich Augenstein, Duale Hochschule Baden-Württemberg
Kurz und Bündig
Die Digitalisierung hebt Dienstleistungsmerkmale wie den örtlichen und zeitlichen Zusammenfall von Erzeugung und Bezug der Dienstleistung auf. Ein digitaler Service ist die Beratung mit Hilfe von Augmented Reality (AR). Unter AR versteht man die Erweiterung der Realitätswahrnehmung durch computergenerierte Zusatzinformationen. Dies kann bei der Beratung im Rahmen einer Auditierung und Zertifizierung zur betrieblichen Informationssicherheit, wo Infrastruktur wie zum Beispiel ein Serverraum vor Ort begutachtet werden muss, eingesetzt werden. AR reduziert hier die Vor-Ort-Besuche des Beraters.
Smarte, digitale Services umfassen nicht nur industrienahe Dienstleistungen des „Internet of Things“, sondern auch klassische Dienstleistungen im Consulting. Eine Form digitaler Services sind Beratungsleistungen mit Hilfe von Augmented Reality. Dieser Artikel beschreibt hierfür ein Anwendungsszenario zur Auditierung und Zertiifizierung im Rahmen der betrieblichen Informationssicherheit.
Zertifizierung und Auditierung
Unternehmen lassen sich zu verschiedensten Themen, die aus deren Sicht relevant für wichtige Stakeholdergruppen (zum Beispiel Kunden) oder gar gesetzlich vorgegeben sind, zertifizieren. Oft erfolgt dies auf Basis einer bestimmten Norm und eines der Zertifizierung vorangehenden Audits durch eine unabhängige Zertifizierungs- Instanz. Ein Beispiel hierfür ist die Zertifizierung zu einem Qualitätsmanagementsystem wie DIN ISO 9001 [3]. Oft sind Vor-Ort-Audits oder interne Audits erforderlich, welche für eine Zertifikatserteilung notwendige Voraussetzungen überprüfen oder aber auch vom jeweiligen Standard in regelmäßigen Abständen verlangt werden [7]. Beispiele hierfür sind Audits für die ISO-Norm 27001 zur Informationssicherheit, Energieaudits nach DIN EN 16247 oder Umweltaudits nach ISO 14001.
Aufgrund der hohen Anforderungen der Normen und den vielfältigsten Problemstellungen bei der Auditierung lassen sich Unternehmen oft durch Consulting-Firmen beraten, die als Consulting- Service meist auch die entsprechenden Audits durchführen und die Zertifikate erteilen dürfen, zumindest aber bei der Audit-Vorbereitung im Rahmen von Voraudits unterstützen [11]. Effizienzsteigerungspotential bei dieser Art der Dienstleistung ergibt sich schon heute im Rahmen der Voraudits durch Vorabprüfung relevanter Dokumente, die elektronisch zugesandt werden können. Die physische Prüfung der Gegebenheiten, wie sie zum Beispiel bei IT-Infrastruktur, Energieerzeugungsanlagen oder Umweltschutz-Einrichtungen notwendig ist, erfolgt aber heute meist über Vor-Ort-Begehungen [3].
Digitale Services im Consulting
Die aktuelle Diskussion um „Smart Services“ oder „digitale Services“ findet oft im Umfeld des „Internet of Things“ und dort auf Sensor- oder Maschinendaten basierten Information und resultierender industrienaher Dienstleistungen statt (vergleiche zum Beispiel [2]). Die Digitalisierung erfasst heute aber auch klassische professionelle Dienstleistungen wie zum Beispiel Consulting-Services. Eine Klassifizierung dieser digitalen Services wird in Abbildung 1 vorgenommen. Die dargestellten digitalen Services der linken Abbildungsseite reduzieren den örtlichen Zusammenfall von Dienstleistungserbringung und –verbrauch und somit den Beratereinsatz vor Ort, die der rechten Abbildungsseite zusätzlich den zeitlichen Zusammenfall. Zahlreiche Merkmale klassischer Dienstleistungen wie das Uno-actu-Prinzip, die fehlende Lagerfähigkeit, die fehlende Skalierung und andere [8] werden durch digitale Services aufgehoben.
Anwendungsszenario
Im vorliegenden Beitrag wird ein Einsatzszenario für die Beratung im Rahmen eines internen Audits oder Voraudits zur Erlangung eines Zertifikats nach ISO 27001 zur betrieblichen Informationssicherheit dargestellt. Die besonderen Anforderungen an ein ISO 27001 Zertifikat und die daraus resultierende Auditierung nach ISO 27006, 27007 und 27008 sind (vergleiche [5]):
- Durchführen eines Informationsgesprächs
- Durcharbeiten bereitgestellter Unterlagen
- Begutachtung und Überprüfung von Infrastruktur vor Ort in Hinsicht auf das Regelwerk der Norm
- Sichtung der technischen Realisierung
- Dokumentation der Begutachtung / Sichtung
- Sicherheit des Serverschranks und der enthaltenen Racks
- Zugangsschutz zum Serverraum
- Unterbrechungsfreiheit der Stromversorgung
- Ausreichende Klimatisierung
- Vorbeugung von Brandschäden
- Sicherheit der Verkabelung
- Das folgende Einsatz-Szenario behandelt das Anwendungspotenzial von Augmented Reality in der Vermeidung von Gefahren im Kontext desBusiness Continuity Managements (BCM). Das BCM ist ein System bzw. ein Prozess, der von Unternehmen genutzt wird, um potenzielle Bedrohungen auf (kritische) Geschäftsprozesse zu vermeiden beziehungsweise diese Bedrohungen frühzeitig zu identifizieren [10]. Der Fokus des BCM liegt darin, die potenziellen Bedrohungen proaktiv zu identifizieren und diese mit effizienten Handlungsmaßnahmen zu hinterlegen. Auf Basis der oben genannten Kataloge des BSI zum IT-Grundschutz werden im Einsatzszenario folgende Gefahren behandelt:
- G 1.2 Ausfall von IT-Systemen
- G 2.6 Unbefugte Zutritte zu schutzbedürftigen Räumen
- M 1.18 Gefahrenmeldeanlage
- M 1.58 Technische und organisatorische Vorgaben für Serverräume
Voraussetzungen für den Einsatz des dargestellten Szenarios
Voraussetzungen sind insbesondere die Verknüpfung der in der AR-Brille eingeblendeten Daten mit einem Katalog verfügbarer Sicherungseinrichtungen. Die Katalogdaten müssen dabei visueller 3D-Natur sein, um die räumliche und aus mehreren Blickwinkeln mögliche Darstellung zu unterstützen.
Zudem muss die Logistik der AR-Brillen sowie die Einweisung der Kundenmitarbeiter in die Funktionalitäten der AR-Brille gewährleistet sein. Ferner ist die Erwartungshaltung des Beratungskunden zu steuern, um das notwendige Vertrauen in die Fähigkeiten des Beraters zu gewährleisten. Die Erwartung des Beratungskunden wird zudem sein, von der Ersparnis des Beraters durch verminderten Reiseaufwand auch monetär zu profitieren. Die Preismodelle der Berater müssten somit angepasst werden.