„Agenten sind kein Zauberwerk“
August-Wilhelm Scheer im Gespräch mit Irmhild Plaetrich, IM+io
(Titelbild: Adobe Stock | 1934813098 | Holaa )
Kurz und Bündig
Die Überlegung, welche Autonomie man Agenten zugestehen sollte, spricht aus Sicht von Prof. Dr. August-Wilhelm Scheer fast philosophische Fragen an. Wenn man diese eher praktisch behandelt, ergeben sich Fragestellungen zu Compliance und Controlling von Prozessen. Der Ablauf eines Prozesses durch mehrere Agenten ergibt sich erst während der Ausführung. Deshalb ist es wichtig, den konkreten Ablauf zu dokumentieren, sodass er im Nachhinein definiert ist und damit für Compliance- und Controlling-Fragen zur Verfügung steht. Hier sind auch gut ausgebildete Menschen gefragt, die ein tiefes Verständnis für Prozesse haben.
Während traditionelle Prozessautomatisierung auf einen vordefinierten Ablauf angewiesen ist, können KI-Agenten dynamisch eigene Ziele setzen, Entscheidungen treffen und ausführen. Sie analysieren Daten in Echtzeit und lernen aus Erfahrung. So werden komplexe Geschäftsprozesse quasi autonom gesteuert. Diese Entwicklungen haben Auswirkungen auf die Anwendungssoftware in Unternehmen. Darüber haben wir mit Prof. Dr. August-Wilhelm Scheer gesprochen.
IM+io: Herr Prof. Scheer, Sie haben auf der Hannover Messe Industrie, HMI, im April einen Vortrag mit dem Titel „Ist das Integrationsprinzip bei Anwendungssoftware Vergangenheit?“ gehalten. Welche Rolle spielt Integration vor dem Hintergrund des durch Agentic AI bestimmten Umbruchs?
AWS: Integration ist auch in Zeiten der Agentic AI ein wichtiges Thema. Unter Datenintegration wird die Richtigkeit und Aktualität der Daten verstanden. Alle Anwendungen, die zu einem Zeitpunkt auf die gleichen Daten zugreifen, sollen diese auch im gleichen Status erhalten. Unter Prozessintegration wird verstanden, dass nicht einzelne Teile eines End-to-End-Ablaufs isoliert optimiert werden, sondern der gesamte Ablauf als Einheit definiert, gestaltet und ausgeführt wird. Daten- und Prozessintegration bleiben wichtige organisatorische Prinzipien. Ihre Umsetzung wird aber durch das Agentenkonzept verändert.
IM+io: Wie zeigt sich konkret diese Entwicklung?
AWS: Zunächst wurde in der ERP- Welt die Integration durch eine unternehmensweite Datenbank gelöst. Bei einer verteilten Systemumgebung, die aus verschiedenen Anwendungssystemen mit eigenen Daten besteht, wurde mit dem API-Konzept ein Integrationsansatz entwickelt, mit dem die Integration von Daten und Prozessen gewährleistet werden kann. Der Datenaustausch zwischen unterschiedlichen Datenbanken und der Zugriff auf Prozesse zwischen unterschiedlichen Systemen wird durch eine Art vertragliche Vereinbarung geregelt. Dieser API- Ansatz wird im Prinzip auch in der Agentenarchitektur beibehalten.
Ein Agent kommuniziert dabei über ein LLM mit Anwendungssystemen oder Datenbanken, die als Tools bezeichnet werden. Da ein LLM im Wesentlichen nur Texte versteht, müssen die Systeme über Texte angesprochen werden. Das heißt konkret, dass die APIs dieser Tools in Textform beschrieben werden müssen. Das bedeutet eine neue Definition der API-Schnittstellen, aber keine Änderung des Grundprinzips. Für diese Kommunikation werden bereits Standards entwickelt, beispielsweise das MCP (Model Context Protocol) zwischen Agenten und Tools sowie A2A zwischen verschiedenen Agenten.
IM+io: In welchen Einsatzfeldern macht es Sinn, Agentic AI zu etablieren und wo liegen die Herausforderungen in der konkreten Anwendung?
AWS: Die Frage, wie weit in einem Prozess die Selbststeuerung durch Agenten sinnvoll ist, ergibt sich aus dem Grad der Strukturiertheit des Prozesses. Kann ein Prozess, da er ständig in gleicher Form ausgeführt wird, vorab klar beschrieben, also im Voraus modelliert werden, kann er deterministisch durchgeführt werden. Nur bei Segmenten, bei denen die Alternativen unübersehbar groß sind, oder sich erst während des Ablaufs ergeben, sind Agenten zielführend.
IM+io: Beim Einsatz von Agentic AI stellt sich die Frage, wie sichergestellt sein kann, dass Unternehmen die Kontrolle über ihre Prozesse behalten und die Autonomie der Agenten nicht zur Gefahr wird?Welche Rolle spielt die Plattform konkret?
AWS: Die Überlegung, welche Autonomie man Agenten zugestehen sollte, spricht fast philosophische Fragen an. Wenn man diese mehr praktisch behandelt, ergeben sich Fragestellungen zu Compliance und Controlling von Prozessen. Der Ablauf eines Prozesses durch mehrere Agenten ergibt sich erst während der Ausführung. Deshalb ist es wichtig, den konkreten Ablauf zu dokumentieren, sodass er im Nachhinein definiert ist und damit für Compliance- und Controlling-Fragen zur Verfügung steht. Dieses bedeutet, dass der Masteragent, der den Aufruf der Prozessagenten steuert, Datenspuren hinterlassen muss. Auch die als Tools einbezogenen Anwendungssysteme müssen ihren Ablauf in Log-Dateien aufzeichnen. Aus diesen Daten kann dann nachträglich der konkrete Ablauf erkannt und dokumentiert werden. Das Process Mining bekommt dadurch eine neue und noch größere Bedeutung.
IM+io: Wie reagieren Ihre Unternehmen mit ihren Softwareprodukten auf diese Herausforderungen?
AWS: Mit der Software Scheer PAS entwickeln wir ein System für die Beschreibung hybrider Prozesse, die zum einen gut strukturierte Teile umfassen und zum anderen für unstrukturierte Teile Agenten einbeziehen. Wir unterstützen die Erstellung dieser Agenten und monitoren deren Ausführung bis hin zum Process Mining. Damit können wir alle Vorteile verbinden: Für gut strukturierte Prozessteile unterstützen wir die vordefinierte Ausführung, für weniger strukturierte Teile stellen wir die offene Agentensteuerung sowie über den gesamten Prozessablauf eine einheitliche Governance für Compliance und Controlling zur Verfügung.
IM+io: Benötigt man bei Agentic AI noch die Prozesskompetenz des Menschen
AWS: Ein großes Thema ist die Einbeziehung des Menschen in den Ablauf eines von Agenten gesteuerten Prozesses. Da der Ablauf auf dem Prinzip der Stochastik der eingesetzten LLMs beruht und z.B. über die Halluzination zu fehlerhaften Aussagen führen kann, ist es sinnvoll, für Plausibilitätskontrollen auch den Menschen zur Beurteilung der von Agenten erzeugten Ergebnisse einzuschalten. Dies setzt voraus, dass der Mensch weiterhin die Fähigkeit besitzt, Prozessausführungen inhaltlich verstehen und beurteilen zu können. Dies wirft tiefgreifende Fragestellungen über die Kompetenzen auf, über die der Mensch verfügen muss.
Agenten sind kein Zauberwerk. Damit sie funktionieren, braucht man weiterhin gut ausgebildete Menschen. Der Mensch muss die benötigten Aufgaben der Agenten in Form eines System Prompts beschreiben und die zu erreichenden Ziele durch den Benutzerprompt definieren.
IM+io: Ist es vorstellbar, dass die Zukunft Unternehmen gehört, die durchgehend durch Agentic AI gesteuert werden?
AWS: Inwieweit ein Unternehmen komplett von Agenten gesteuert werden kann, liegt noch im Bereich der Spekulation. Im Internet kursieren zwar bereits Konzepte, wie ein solches Unternehmen aussehen könnte. Sie beschreiben Architekturen, die für unterschiedliche Teilprozesse eines Unternehmens wie Beschaffung, Produktion, Vertrieb, Finanzen usw. Agenten definieren, die, von einem Master-Agenten gesteuert, ein Unternehmen über Zugriff auf ERP-Systeme und Datenbanken quasi autonom steuern. Dieses innerhalb der Prozesse und zwischen den Prozessen vernetzte Agentensystem erfordert eine noch höhere Dimension bezüglich Anforderungen an Integration, Sicherheit und Kontrolle. Es ist deshalb zurzeit noch eine spekulative Vision oder nur für relativ einfache Unternehmensstrukturen vorstellbar.