Von der Kita bis Europa:
Partnerschaften als Rückgrat der MINT-Bildung
Tobias Ernst, Mandy Buschina, Stiftung Kinder forschen
(Titelbild: © Adobe Stock | 1609574977 | Anat art)
Kurz und Bündig
Frühe MINT-Bildung zielt auf forschendes Lernen und Zukunftskompetenzen wie kritisches Denken, Kreativität und Kollaboration. Die 2006 gegründete Stiftung Kinder forschen arbeitet derzeit mit rund 175 Netzwerkpartnern, um bundesweit Fortbildungen für pädagogische Fach- und Lehrkräfte anzubieten. Internationale Netzwerke wie IDoS, neue Allianzen zur informatischen Bildung sowie Kooperationen mit Wissenschaft und Unternehmen stärken Qualität, Skalierung und strategische Weiterentwicklung.
Ein Kind stellt eine Frage, die größer ist als der Raum, in dem sie gestellt wird. Aus Neugier wird Erkenntnis, aus Erkenntnis Handlungskompetenz. Damit frühe MINT-Bildung mehr ist als ein gut gemeintes Experiment, braucht es starke Verbindungen im Hintergrund. Wenn Wissen, Praxis, Politik und Wirtschaft zusammenarbeiten, entsteht Wirkung. Was passiert, wenn Netzwerke zur tragenden Infrastruktur früher Bildung werden?
Frühe MINT-Bildung sollte mehr sein mehr als Rechnen, Zählen und erste Experimente. Gute frühe MINT-Bildung regt Kinder dazu an, Fragen zu stellen. Sie unterstützt sie dabei, sich das Wissen und die Methoden anzueignen, um Antworten und Lösungen zu finden und eine forschende Haltung beim Lernen zu entwickeln. So gehen die erworbenen Fähigkeiten weit über den Bereich der Mathematik, Informatik, Naturwissenschaften und Technik hinaus und bedienen zentrale Zukunftskompetenzen wie kritisches Denken, Kreativität, Kommunikationsfähigkeit und Kollaboration. Diese Kompetenzen wiederum versetzen Kinder in die Lage, Herausforderungen in der Zukunft zu bearbeiten und zu bewältigen, die von zunehmender Komplexität und ständiger Veränderung geprägt sind.
So faszinierend der Ausblick auf den Kompetenzgewinn im Angesicht des forschenden Lernens und guter früher MINT-Bildung auf der einen Seite ist, so voraussetzungsreich ist es, diesen auch tatsächlich zu erlangen. Die MINT-Bildung ist keine Insel, sondern untrennbar verwoben mit zentralen Entwicklungen unserer Zeit, etwa der Digitalisierung der Gesellschaft, einer sich verändernden Informations- und Wissenskultur, Gesundheitsfragen und der Globalisierung. Sie muss sich in diesem Umfeld nicht nur neu vermessen, sondern auch transformieren.
Dies erfordert innovative Ansätze, aber insbesondere und mehr denn je eine viel tiefere und effizientere Verzahnung verschiedener Disziplinen, die über traditionelle Grenzen hinausgeht: Das wirkungsvolle Zusammenarbeiten in Netzwerken. Die Stiftung Kinder forschen ist in zahlreichen Netzwerken und Allianzen aktiv, etwa im nationalen MINT-Forum, in der Initiative BildungsgeRECHTigkeit [1] oder im MINT-Campus [2]. Sie alle vorzustellen würde den Rahmen dieses Artikels sprengen; daher konzentriert er sich auf eine Auswahl.
Starke regionale Partnerschaften
Die Stiftung Kinder forschen arbeitet bereits seit ihrer Gründung 2006 mit einem starken partnerschaftlichen Ansatz. Unter dem Dach der Bildungsinitiative für gute frühe MINT-Bildung kooperiert die Stiftung mit rund 175 Netzwerkpartnern in ganz Deutschland, um ein flächendeckendes Bildungsangebot – Fortbildungen, Onlinekurse und Bildungsveranstaltungen – für pädagogische Fach- und Lehrkräfte in Kitas, Grundschulen und Horten anzubieten.
Die Netzwerkpartner, meist Industrie- und Handels- sowie Handwerkskammern, Wirtschaftsverbände, Kita-Träger, Wissenschaftseinrichtungen oder Fortbildungsanbieter, sind die Expert:innen und das Gesicht der Bildungsinitiative vor Ort.
Sie kennen die jeweiligen regionalen und föderalen Strukturen und sind mit Bildungsplänen wie relevanten Akteuren gleichermaßen vertraut. Daher beraten sie als Teil des Kuratoriums die Gesamtentwicklung der Stiftung mit. Erst durch das Engagement der Netzwerkpartner wird die Skalierung der Bildungsangebote in einem heterogenen Bildungssystem möglich.
Dabei gestaltet die Stiftung das inhaltliche Programm, die Netzwerkpartner übernehmen die Umsetzung vor Ort. Sie bieten den Bildungseinrichtungen ein regional abgestimmtes Fortbildungsprogramm an, pflegen politische Kontakte und geben Input für die Angebotsentwicklung. Diese enge Zusammenarbeit trägt zum Erfolg der Bildungsinitiative regional wie bundesweit bei.
Internationale Perspektiven: Lernen im Netzwerk
Der International Dialogue on STEM Education (IDoS) ist ein Lernnetzwerk und systematischer Expert:innenaustausch auf internationaler Ebene, in dem sich die Stiftung Kinder forschen seit vielen Jahren engagiert. Hier treffen Partner aus Deutschland, Frankreich, Finnland und den USA zusammen – ihrerseits führende MINT-Organisationen, die maßgeblich an der Entwicklung des Bildungssektors in ihrem Land beteiligt sind. In diesem Kreis entstand 2023 ein gemeinsames Papier zu Wirkungsnetzwerken und früher MINT-Bildung, auf das als Ausgangspunkt für diesen Artikel explizit verwiesen sei.[3]
Neben einer Netzwerktypisierung je nach zentraler Funktion stellt das Papier auch Gelingensbedingungen für Netzwerkarbeit vor; im Zentrum stehen dabei Strategie und Steuerung, Ressourcen und Finanzierung sowie Motivation und Engagement der Netzwerkmitglieder.[4] Die Stiftung hat daraus, auch unter Bezug auf weitere Quellen [5], Eckpunkte und Schritte für neue Partnerschaftsmodelle abgeleitet, die insbesondere für neue Netzwerke und Kooperationen immer wieder zur Anwendung kommen.
So entwickeln sich auch die internationalen Kooperationen der Stiftung weiter, denn wie jedes Netzwerk existiert auch dieses unter der Anforderung, fortwährend seinen Mehrwert und seine Wirkung zu prüfen und wenn möglich auszubauen.
Zuletzt erklärte die Europäischen Kommission 2025 mit dem STEM Education Strategic Plan [6] die MINT-Bildung zur europäischen Gemeinschaftsaufgabe. Hier kooperiert die Stiftung Kinder forschen für innovative Vorschläge eng mit ihren Partnern aus dem internationalen Lernnetzwerk IDoS, wobei neue gemeinsame Vorhaben von dem bereits gebildeten Vertrauen zwischen den Akteur:innen immens profitieren.
Neue Allianzen
Mit neuen partnerschaftlichen Allianzen und Netzwerken reagiert die Stiftung Kinder forschen auf aktuelle Herausforderungen, etwa die sich rasant entwickelnde Digitalisierung aller Bereiche unseres Lebens: Im Scheinwerferlicht steht vor allem das „I“ der MINT-Bildung und damit die Frage nach der Förderung und Vermittlung von altersgerechten digitalen und informatischen Kompetenzen. Zentrale Herausforderungen sind dabei einerseits die fehlende systematische Verankerung in den Bildungs- und Grundschullehrplänen und andererseits die Skepsis vieler Fach- und Grundschullehrkräfte, die die notwendige Kompetenzentwicklung der Kinder zusätzlich verzögert. Eine flächendeckende informatische Bildung braucht daher ein Netzwerk aus Partnern, die weitere Expertisen und Schwerpunkte mit in die Zusammenarbeit bringen. Während sich die Gesellschaft für Informatik auf politischer Ebene dafür einsetzt, die informatische Bildung in Deutschland insgesamt zu stärken, können die Stiftung Kinder forschen, IT4Kids oder die RWTH Aachen ihre Expertise in der Entwicklung, der wissenschaftlichen Fundierung und im Vertrieb von praxisnahen Fortbildungen für Fach- und Lehrkräfte bündeln.
Mit einem weiteren Innovationsvorhaben richtet die Stiftung Kinder forschen den Blick auf die Grundlagen der frühen MINT-Bildung. Denn Bildungserfolge – auch im MINT-Bereich – setzen voraus, dass Kinder sich selbst regulieren können. Zugleich deuten Expertisen darauf hin, dass die hohe Interaktionsqualität beim entdeckenden und forschenden Lernen, wie die Stiftung sie mit ihrem pädagogischen Ansatz verfolgt, Selbstregulationskompetenzen von Kindern stärkt. Sie ermöglichen ihnen, Emotionen, Gedanken und Verhalten bewusst zu steuern und an wechselnde Anforderungen anzupassen. Damit legen sie nicht nur den Grundstein für Bildungserfolge, sondern auch für Resilienz und gesundheitsförderliches Verhalten. Gemeinsam mit der Charité Universitätsmedizin, die ihre hohe Expertise in Präventionsansätzen, speziell im Forschungsschwerpunkt „Gesundes Aufwachsen“, einbringt, wird die Stiftung Kinder forschen Aktivitäten zur Stärkung der kindlichen Selbstregulationskompetenzen entwickeln. Mit diesem Vorhaben flankieren Charité und Stiftung Kinder forschen die Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina, die im September 2024 dazu aufgerufen hatte, die Förderung der Selbstregulationskompetenzen zu einer Leitperspektive des deutschen Bildungssystems zu machen.[7]
Kleine Talente brauchen große Unterstützung
Unternehmen übernehmen im Netzwerk der Stiftung eine besondere Rolle. Sie bringen nicht nur Ressourcen ein, sondern auch Erfahrungswissen, Langfristperspektiven und ein Verständnis dafür, welche Kompetenzen in einer sich wandelnden Arbeits- und Lebenswelt an Bedeutung gewinnen. Im Kontext des MINT-Fachkräftemangels wird deutlich, dass frühe Bildung und wirtschaftliche Zukunftsfähigkeit zusammen gedacht werden müssen.
Das Engagement von Unternehmen bildet daher für die Stiftung Kinder forschen eine zentrale finanzielle Grundlage. Neben der staatlichen Förderung besteht seit der Gründung eine starke Unterstützung durch große deutsche Unternehmensstiftungen, wie die Dietmar Hopp Stiftung, die Dieter Schwarz Stiftung und die Siemens Stiftung. Sie wirken in den Gremien der Stiftung mit und prägen gemeinsam deren strategische Ausrichtung. Im Austausch mit Politik und Wissenschaft tragen sie dazu bei, die frühe MINT-Bildung weiterzuentwickeln und die Innovationskraft Deutschlands langfristig zu stärken.
Darüber hinaus gibt es Möglichkeiten für regionale oder thematische Partnerschaften. Besonders das regionale Engagement stärkt Netzwerke vor Ort, indem Unternehmen gezielt Verantwortung für Netzwerkpartner der Stiftung übernehmen und Bildungsangebote in Kitas, Horten und Grundschulen nachhaltig absichern.
Kinder haben Rechte, Erwachsene haben Verantwortung
Die genannten Beispiele von Skalierungs-, Lern- und Kooperationsnetzwerken erweisen sich vor dem Hintergrund der vielschichtigen Herausforderungen, mit denen sich die frühe MINT-Bildung konfrontiert sieht, als vielversprechende Ansätze. Trotzdem sind Netzwerke kein Selbstzweck und kein Allheilmittel. Sie sind sowohl ressourcenintensiv als auch anforderungsreich; entlang der genannten Gelingensbedingungen müssen die Rollen der handelnden Akteur:innen genau abgesteckt, einzubringende Ressourcen bemessen und gemeinsame Ziele möglichst präzise definiert werden. Gleichzeitig kann die Stiftung Kinder forschen ihrer Vision einer Zukunft, in der alle Kinder selbstbestimmt denken und verantwortungsvoll handeln, nur im Rahmen wirkungsvoller Netzwerke gerecht werden. Die Stiftung mutet sich und ihren Partner:innen diese Komplexität bewusst zu, um einer gemeinsamen Verantwortung gerecht zu werden, die Kinder und ihre Rechte in den Mittelpunkt stellt.
Quellen und Nachweise
- [1] https://bildungsgerechtigkeit.com/, 04.02.202
- [2] https://mintcampus.org/, 04.02.2026
- [3] https://www.stiftung-kinder-forschen.de/fileadmin/Redaktion/Englisch/IDoS/publikationen/IDoS-Paper_Impact-Networks_02082023_revised_version.pdf ; 02.02.2026
- [4] https://www.stiftung-kinder-forschen.de/fileadmin/Redaktion/Englisch/IDoS/publikationen/IDoS-Paper_Impact-Networks_02082023_revised_version.pdf; Seite 19; 02.02.2026
- [5] Brokering better partnership handbook: https://partnershipbrokers.org/wp-content/uploads/2025/01/Brokering-Better-Partnerships-Handbook.pdf; 03.02.26
- [6] https://education.ec.europa.eu/news/basic-skills-and-stem-action-plan-to-support-education-and-training; 02.02.2026
- [7] Nationale Akademie der Wissenschaften Leopoldina (2024). Förderung der Selbstregulationskompetenzen von Kinder und Jugendlichen in Kindertageseinrichtungen und Schulen. Halle (Saale)