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Viele Hände, eine Richtung: Bildung für nachhaltige Entwicklung als Gemeinschaftsaufgabe
viele unterschiedlich farbige Hände, die sich in der Mitte treffen und symbolisch für Zusammenarbeit, Vielfalt und gemeinschaftliches Engagement stehen

Viele Hände, eine Richtung:

Bildung für nachhaltige Entwicklung als Gemeinschaftsaufgabe

Lea Schütze, FABINEK

(Titelbild: © Adobe Stock | 1913591271 | freshidea)

Kurz und Bündig

Der Nationale Aktionsplan BNE verankert Bildung für nachhaltige Entwicklung in allen Bildungsbereichen – von frühkindlicher bis non-formaler Bildung – sowie speziell im Kontext Kommune. Rund 50 Modellkommunen wurden durch FABINEK und das BNE-Kompetenzzentrum begleitet.Zentrale Erfolgsfaktoren sind kommunale Netzwerke, stabiles Netzwerkmanagement und langfristige Finanzierung. Beteiligte kommen aus Verwaltung, Zivilgesellschaft, Bildung und Wirtschaft. Herausforderungen liegen in Ressourcenmangel, unklaren Rollen und fehlender Verbindlichkeit.

Manchmal entscheidet sich Zukunft nicht im Parlament, sondern im Besprechungsraum eines Rathauses oder am runden Tisch lokaler Initiativen. Dort, wo Verwaltung, Schulen, Vereine und Unternehmen gemeinsam Verantwortung übernehmen, entsteht mehr als ein Bildungsangebot: Es wächst ein Netzwerk, das Wandel möglich macht. Bildung für nachhaltige Entwicklung lebt von genau dieser Verbindung. Können kommunale Netzwerke zum Motor einer sozial-ökologischen Transformation werden?

Bildung für nachhaltige Entwicklung (BNE) ist ein innovatives pädagogisches Konzept, um nachhaltiges Handeln, vor allem aber Gestaltungskompetenz, Denken in komplexen Systemen und Selbstwirksamkeit zu vermitteln und zu fördern [1, 2]. Bei der Perspektive auf einen Gegenstand sind dabei immer mehrere Linien in ihrer Verschränkung und Komplexität in den Blick zu nehmen: Der Zusammenhang von lokalem Handeln und globalen Konsequenzen, die Auswirkungen gegenwärtigen Handelns auf zukünftige Entwicklungen und das Zusammenspiel von sozialen, ökonomischen und ökologischen Aspekten. Die drei letztgenannten Aspekte nehmen dabei in der Regel Bezug auf die 17 Nachhaltigkeitsziele der UN (Sustainable Development Goals [3]). Die Entwicklung einer Vision (zum Beispiel einer ‚besseren‘ und lebenswerten Zukunft) sowie eine partizipative Angebotsgestaltung sind weitere pädagogische Grundpfeiler einer BNE, die damit kritisch-reflexives Denken anstößt und Problemlösekompetenzen vermittelt [vgl. etwa 4]. BNE gilt daher als ‚innovatives‘ Bildungskonzept und bietet das Potential, Bildungssysteme und -institutionen zu reformieren.

Warum BNE vor Ort so wichtig ist

In Folge des UNESCO-Weltaktionsprogramms BNE (2015 – 2019) und des folgenden UNESCO-Programms „BNE 2030“ (2020 – 2030) wurde in Deutschland 2017 der Nationale Aktionsplan BNE ins Leben gerufen [5]. Dieser stellt entlang von fünf Bildungsbereichen – von der frühkindlichen bis zur non-formalen Bildung – Maßnahmen und Ziele zusammen, die notwendig sind, um BNE umfassend im deutschen Bildungssystem zu verankern. Ein weiteres Kapitel zur Implementierung von BNE in Kommunen verdeutlicht die Relevanz kommunaler BNE-Bildungslandschaften für den Erfolg des Programms: „Wenn der Wandel zu einer nachhaltigen Gesellschaft gelingen soll, muss Nachhaltigkeit lokal verankert und vor Ort mit Leben gefüllt werden“ [5, S.89]. Die entsprechende Annahme ist: Wenn BNE strategischer Bestandteil kommunaler bildungspolitischer Entscheidungen ist und allen Bewohner:innen einer Stadt oder eines Kreises „dauerhaft Bildungsangebote im Sinne einer BNE“ [6, S.2] angeboten werden (und auch besucht werden), zahlt dies auf die vielfach geforderte sozial-ökologische Transformation ein. Ein höheres Wissen und Handlungskompetenzen im Hinblick auf nachhaltige Entwicklung können positive Wirkungen auf Bürgerbeteiligung, Partizipationsprozesse sowie auf die soziale Kohäsion und die Resilienz der Bürger:innen und ihres Lebensortes haben [vgl. 7].

Im Rahmen der Fachstelle BNE in Kommunen (kurz: FABINEK) und seines Vorgängerprojekts, des BNE-Kompetenzzentrums (beide gefördert aus Mitteln des Bundesministeriums für Bildung, Familien, Senioren, Frauen und Jugend), wurden bundesweit knapp 50 Modellkommunen begleitet und dazu beforscht, wie die Verankerung von BNE vor Ort in den kommunalen Bildungslandschaften erfolgreich sein kann, sodass allen Bürger:innen sowie Schüler:innen ausreichend BNE-Angebote zur Verfügung stehen. Im Zentrum stand und steht dabei die Kommunalpolitik und -verwaltung, insbesondere dort, wo die Koordination der BNE-bezogenen Aufgaben in der Kommune wahrgenommen wird. Diese ist besonders häufig angesiedelt im sogenannten kommunalen Bildungsmanagement [vgl. 8], mitunter aber auch in der Regionalentwicklung, der Nachhaltigkeitsabteilung oder dem Klimaschutzmanagement.

Kommunale Netzwerke als zentraler Motor von BNE

In diesem Arbeitsumfeld identifiziert die Evaluationsforschung von FABINEK beziehungsweise des BNE-Kompetenzzentrums insbesondere Netzwerke als Stellschraube einer gelingenden Implementierung von BNE in die jeweiligen regionalen Bildungslandschaften [vgl. 9]. Neben der notwendigen Öffentlichkeitsarbeit, der strategischen Formulierung von Zielen, der ausreichenden Sammlung von relevanten Daten, beispielsweise zu BNE-Angeboten und Bedarfen der Zielgruppe, stellt die Ermöglichung einer Zusammenarbeit verschiedener Akteursgruppen den zentralen Hebel dar, um Bildungsinnovationen mit Bezug zu Nachhaltigkeit vor Ort voranzubringen.

Zweck eines Netzwerkes ist dabei der regelmäßige Austausch, das Formulieren und Verfolgen gemeinsamer Ziele, die (Weiter-)Entwicklung eines gemeinsamen Verständnisses von BNE sowie von notwendigen strategischen Maßnahmen und die Durchführung gemeinsamer Aktivitäten. Diese Bausteine werden in der quantitativen Befragung 2023 des BNE-Kompetenzzentrums von einem Drittel bis der Hälfte der Befragten aus allen Akteursgruppen als in ihrer Kommune existent beschrieben.

Abbildung 1: Ein Netzwerktreffen. (Antje Müller, FABINEK)
Abbildung 1: Ein Netzwerktreffen. (Antje Müller, FABINEK)

Positive Effekte einer gelingenden Netzwerkarbeit

Die Akteurinnen und Akteure in BNE-Netzwerken kommen aus unterschiedlichen Kontexten, nämlich aus verschiedenen Stellen der Kommunalverwaltung, aus der Zivilgesellschaft, von öffentlichen und privaten Bildungsträgern sowie aus der Wirtschaft (zum Beispiel über die Kammern oder über Stiftungen) [Für eine ausdifferenzierte Übersicht siehe 11, S.49]. Sie bringen jeweils spezifische Ressourcen mit, etwa Finanzierungsmöglichkeiten und Entscheidungsspielräume seitens der Verwaltung, Kontakte, konkretes BNE-Wissen und Qualifikationen seitens der Zivilgesellschaft und der Bildungsträger [12, S.14]. Gleichzeitig haben sie unterschiedliche Aufgaben und Rollen sowie Erwartungen. Diese aufeinander abzustimmen ist notwendig, damit die Netzwerke als ‚Agenten des Wandels‘ wirken können.

Ergebnisse der Interviewstudien des BNE-Kompetenzzentrums zeigen, dass gut funktionierende BNE-Netzwerke aus Sicht der Kommunalverwaltung mehr Sichtbarkeit für das gemeinsame Anliegen bieten, da alle Beteiligten ihr Wissen nicht nur einbringen, sondern gemeinsam Erarbeitetes wiederum in ihre Institutionen und Wirkungskreise streuen [12. S.4]. Zivilgesellschaftliche Akteur:innen äußern, dass eine netzwerkgetragene Zusammenarbeit die Aufmerksamkeit in der Bevölkerung und gegenüber der politischen Ebene erhöht. Außerdem bewirkt die Kooperation einen Wissenszuwachs bei den Beteiligten und eine gegenseitige Steigerung der Motivation. Wenn die jeweiligen Stärken passend eingesetzt werden, kann die Kooperation schließlich in gemeinsamen Aktivitäten und Projekten münden (insbesondere in konkreten BNE-Angeboten, aber auch in Straßenfesten, Maßnahmen der Öffentlichkeitsarbeit, nachhaltiger Stadt- und Bauentwicklung und vielem Weiteren) und damit zur Zukunftsfähigkeit einer Gemeinde, einer Stadt oder eines Landkreises beitragen.

Schwierigkeiten und Grenzen der Kooperation

Die unterschiedlichen Rollen und Erwartungen führen nicht selten dazu, dass Kooperationen mühsam werden und ins Stocken geraten. Während die Kommunalverwaltung aus bestimmten rechtlichen, bürokratischen und finanziellen Systemgrenzen nicht ausbrechen kann, erwarten zivilgesellschaftliche Akteur:innen und Bildungsträger häufig mehr Spielräume und höhere Zuwendungen beziehungsweise Förderungen [12]. Fehlende Zeitressourcen insbesondere der ehrenamtlich Aktiven führen häufig dazu, dass diese nicht konstant oder in wechselnden Konstellationen für Netzwerktreffen Zeit finden.

Wenn Zweck, Ziele und auch (Entscheidungs-)Grenzen der Kooperation nicht klar kommuniziert werden, kann dies dazu führen, dass gerade zivilgesellschaftlich Engagierte sich zeitlich ‚ausgebeutet‘ oder im Hinblick auf ihr Wissen ausgenutzt fühlen. Konkurrenz- und Akquisedruck unter den Anbietenden, fehlende Verbindlichkeiten und wenig Transparenz unter den Beteiligten oder ein Mangel an Kommunikation auf Augenhöhe, insbesondere zwischen Verwaltung und BNE-Aktiven, sind weitere Hürden [12, S.11].

Wie können Netzwerke zu Innovationsboostern vor Ort werden

Grundsätzlich sind verlässliche Rahmensetzungen das wichtigste Instrument, um die Zufriedenheit und den Output eines Netzwerks zu sichern. Dazu gehört ein stabiles Netzwerkmanagement sowie langfristige Finanzierungen und Möglichkeiten der Fördermittelakquise. Was das Netzwerk gerade braucht, ist auch davon abhängig, in welchem Entwicklungsstadium es sich befindet und wie eingespielt die Abläufe sind [13].
Eine grundsätzlich offene Haltung der Beteiligten, eine gute Fehler- und Problemlösekultur werden zudem als wichtige Aspekte genannt. Dies beinhaltet, dass Projekte auch mal scheitern dürfen und Erfolg nicht nur dann gesehen wird, „wenn alle das perfekt gemacht haben“. Ein dafür notwendiges gegenseitiges Vertrauen ermöglicht dann auch, die Perspektivenvielfalt nicht als Herausforderung, sondern als Stärke und als Voraussetzung eines Perspektivwechsels zu sehen, der zu einem Innovationsschub beitragen kann. So bringt beispielsweise auf Seiten von Bildungsakteur:innen die Vernetzung eine „Erweiterung der thematischen Vielfalt eigener Bildungsangebote“ sowie eine bessere gemeinsame „Vermarktung“ und „Zielgruppenerreichung“ sowie bei allen Beteiligten die „Weiterentwicklung von Kompetenzen“ mit sich [12, S.8].

Getragen wird BNE vor Ort weniger durch üppige Fördertöpfe als insbesondere durch das Engagement und die Begeisterung für Bildung für nachhaltige Entwicklung [14]. Entsprechend gilt es für das kommunale Netzwerkmanagement dieses Potential zu erkennen, die hohe intrinsische Motivation zu erhalten und zielgerichtet einzusetzen, ohne sie auszunutzen. Insgesamt sollte dabei die Diversität der Akteur:innen nicht als Hemmschuh gesehen werden, sondern das Wissen der Vielen als Potential für eine zukunftsfähige Kommune von morgen verstanden werden. Dieser Beitrag endet daher mit einem Zitat eines Verwaltungsmitarbeiters aus der Befragung: „Es gibt diesen schönen Spruch: Willst du schnell vorankommen, dann mach es alleine, und willst du ankommen, dann nimm andere mit. Und das ist eigentlich so die große Überschrift auch bei uns zum Thema BNE“ [12, S.8].

Quellen und Nachweise

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August-Wilhelm Scheer Institut

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