KI, die Kreative Intelligenz jetzt in der neuesten Folge SMART&nerdy! Podcastfolge #23.

Trefferquote statt Bauchgefühl: Qualität in einem Markt voller Beliebigkeit
mehrere Menschen, die über ein Netz aus verbundenen Punkten miteinander verknüpft sind und gemeinsam ein komplexes System aus Zusammenarbeit, Wissen und Austausch bilden

Trefferquote statt Bauchgefühl:

Qualität in einem Markt voller Beliebigkeit

Leonie Grandpierre, CoachHub

(Titelbild: © Adobe Stock | 1634354597 | Lustre Art Group )

Kurz und Bündig

Ein datenbasiertes Matching-System verbindet Coaches, Mitarbeitende und HR-Verantwortliche in einem skalierbaren Coaching-Ökosystem. Objektive Kriterien wie Sprache und Zeitzone werden mit lernenden Modellen kombiniert, die erfolgreiche Coaching-Beziehungen analysieren. Über 98 Prozent der Matches erfolgen automatisiert, 95 Prozent der Anfragen erhalten mindestens drei qualifizierte Optionen. Mehrdimensionale Profile, Feedback-Schleifen und zertifizierte Coaches bilden die Grundlage. DSGVO, ISO 27001 und SOC2 Type 2 sichern Transparenz und Datenschutz.

Coaching entfaltet seine Wirkung nicht im luftleeren Raum, sondern in einem Netzwerk aus Coaches, Mitarbeitenden, HR-Teams und Datenstrukturen. Sobald Entwicklung global organisiert wird, entsteht ein komplexes Ökosystem aus Sprachen, Kulturen, Kompetenzen und Erwartungen. Hier entscheidet nicht nur die Qualität einzelner Gespräche, sondern die Architektur des gesamten Systems. Wie lässt sich ein solches Coaching-Ökosystem so gestalten, dass Technologie Verbindungen stärkt statt sie zu ersetzen?

Coaching war lange Zeit ein Privileg der obersten Führungsebene. Spätestens seit der Corona-Pandemie und dem Voranschreiten digitalen Coachings erkennen immer mehr Unternehmen, dass kontinuierliches Lernen und die persönliche Entwicklung der eigenen Mitarbeitenden ein wertvoller Wettbewerbsvorteil sein können. Die Herausforderung besteht dabei in der Frage, wie sich hochqualitatives, individuelles Coaching für Tausende von Mitarbeitenden weltweit skalieren lässt, ohne die Qualität und den persönlichen Fit zu verlieren.
Eine Herausforderung liegt in der Komplexität des Matchings. Offene Marktplätze, bei denen Mitarbeitende selbst aus Tausenden von Coaches wählen, überfordern oft und führen selten zu optimalen Ergebnissen. Manuelle Zuordnungen durch HR-Abteilungen sind zeitaufwändig und bei globalen Organisationen kaum umsetzbar. Ein kuratierter, datengestützter Ansatz, der menschliche Expertise mit Künstlicher Intelligenz verbindet, bietet hier einen Mittelweg.

Die Entwicklung eines Matching-Algorithmus

Die zentrale Frage bei der Skalierung digitalen Coachings lautet: Wie bringt man den passenden Coach zum passenden Coachee – nicht nur einmal, sondern täglich hundertfach, international und mehrsprachig?
Unsere Entwicklung begann mit der Erkenntnis, dass weder reine Automatisierung noch vollständige Individualisierung die Lösung sein kann. Entstanden ist ein hybrides System:

  1. Objektive Basiskriterien: Der Algorithmus filtert zunächst nach grundlegenden Anforderungen – Coaching-Sprache, Zeitzone, explizite Geschlechterpräferenzen. Das stellt sicher, dass alle vorgeschlagenen Coaches praktisch verfügbar sind.
  2. Datenbasierte Verfeinerung: Maschinelles Lernen bewertet subtilere Passungsdimensionen. Auf Basis historischer Coaching-Verläufe identifiziert das System Muster, die erfolgreiche Matches kennzeichnen.

Aktuell werden über 98 Prozent der Matches automatisch generiert, während 95 Prozent der Anfragen mindestens drei qualifizierte Coach-Optionen erhalten. Diese Zahlen zeigen, dass Skalierung und Qualität sich nicht ausschließen müssen.

Wissenschaftliche Fundierung und globale Skalierung

Der Matching-Ansatz steht nicht isoliert, sondern ist eingebettet in ein breiteres Innovations- und Forschungsumfeld. CoachHub arbeitet mit einem eigenen Innovation Lab, in dem Expert:innen aus Künstlicher Intelligenz, Verhaltenswissenschaft und Coaching-Praxis gemeinsam an der Weiterentwicklung datenbasierter Coaching-Lösungen forschen. Ziel ist es, algorithmische Modelle kontinuierlich mit wissenschaftlichen Erkenntnissen abzugleichen und systematisch zu verbessern.
Gleichzeitig unterstreicht die internationale Aufstellung die Skalierungsfähigkeit des Systems: Mehr als 3.500 zertifizierte Coaches in über 90 Ländern ermöglichen Coaching in zahlreichen Sprachen und kulturellen Kontexten.
Diese globale Infrastruktur sorgt dafür, dass das datengetriebene Matching nicht nur technisch funktioniert, sondern auch kulturelle Passung und regionale Besonderheiten berücksichtigen kann. So verbindet sich technologische Präzision mit wissenschaftlicher Fundierung und internationaler Reichweite.

Datenstrategie: Welche Daten fließen ein?

Der Erfolg eines Matching-Algorithmus hängt entscheidend davon ab, welche Daten erfasst und wie sie genutzt werden. Drei Bereiche sind dabei zentral:

  1. Coachee-Daten: Mehrdimensionale Profile: Statt einzelner Präferenzen erfassen wir ein umfassendes Bild: Entwicklungsziele, Karrierestufe, beruflicher Kontext, Branchenhintergrund und geografische Präferenzen. Diese Informationen stammen aus strukturierten Onboarding-Prozessen und werden kontinuierlich mit den tatsächlichen Coaching-Erfahrungen abgeglichen.
  2. Coach-Attribute: Qualifikation und Expertise: Parallel dazu werden Coach-Profile erfasst: berufliche Erfahrung, Zertifizierungen (mindestens PCC-Level*), Branchen- und Funktionsexpertise, verfügbare Sprachen und Verfügbarkeit. Der Stundensatz fließt als einer von mehreren Faktoren ein, ist aber nicht das primäre Matching-Kriterium.
  3. Historische Matching-Daten: Lernende Systeme: Das Herzstück der Datenstrategie bilden Feedback-Schleifen. Der Algorithmus analysiert, welche Coaches ausgewählt wurden, wie sich Coaching-Beziehungen entwickelten und welche Faktoren mit erfolgreichen Matches korrelieren. So verbessert sich das System kontinuierlich.

*Die PCC-Zertifizierung (Professional Certified Coach) ist ein international anerkannter Qualitätsnachweis der International Coaching Federation (ICF) für erfahrene Coaches, die mindestens 500 Coaching-Stunden nachgewiesen und ihre fortgeschrittene fachliche Kompetenz in einer Prüfung unter Beweis gestellt haben.

Zwischen Algorithmus und menschlicher Entscheidung

Ein wesentlicher Unterschied zu reinen Marketplace-Lösungen liegt in der Gestaltung der finalen Auswahlphase. Der Algorithmus präsentiert eine Shortlist von sechs Coaches – die Top drei als stärkste Matches, plus drei weitere Optionen. Zusätzliche Logik sorgt für Ausgewogenheit: Bei mehreren Coaching-Sprachen wird eine gesunde Sprachmischung sichergestellt; bei Geschlechtsangabe „nicht relevant“ wird für Diversität gesorgt.
Die finale Entscheidung liegt jedoch immer beim Coachee. Der Algorithmus leitet, aber er entscheidet nicht. Diese bewusste Gestaltung respektiert die persönliche Natur von Coaching und erhält das notwendige Vertrauen in den Prozess.

Technische Infrastruktur und Datenintegration

Der Matching-Algorithmus ist Teil eines umfassenderen Systems. Die cloudbasierte Infrastruktur ermöglicht schnelle Reaktionszeiten weltweit und hohe Verfügbarkeit. Entscheidungen sind nachvollziehbar dokumentiert, was sowohl für Qualitätssicherung als auch für kontinuierliche Verbesserung wichtig ist.
Interessant ist die Verbindung zu anderen Komponenten des Ökosystems: Die gleichen Grundbausteine, die das Matching antreiben, fließen auch in andere Coaching-Tools ein. Aggregierte Daten aus Matching-Prozessen und Coaching-Verläufen können in HR-Dashboards integriert werden, wo Unternehmen Trends erkennen und die Wirkung von Coaching-Programmen messen können.

Global denken, lokal handeln

Eine besondere Herausforderung beim plattformbasierten Coaching ist die Balance zwischen globaler Skalierbarkeit und lokaler Relevanz. Mit über 3.500 Coaches in 90 Ländern zeigt sich, dass erfolgreiche Matches nicht nur von fachlicher Expertise abhängen, sondern auch von kulturellem Verständnis und regionaler Nähe.
Der Matching-Algorithmus berücksichtigt deshalb geografische Aspekte als Soft-Kriterium. Gleichzeitig bleibt die Flexibilität erhalten, bei spezifischen Anforderungen auch international zu matchen.

Datenschutz und ethische Fragestellungen

Der Einsatz von KI im Coaching-Kontext wirft berechtigte Fragen auf. Zentral ist die DSGVO-konforme Datenverarbeitung mit Prinzipien wie Privacy by Design. Die Plattform ist nach ISO 27001 und SOC2 Type 2 zertifiziert.
Außerdem ist es wichtig, klare Grenzen zu setzen. Coaching-Sitzungen werden nicht aufgezeichnet, weder für Training noch für andere Zwecke. Das entspricht nicht nur den gesetzlichen Vorgaben, sondern auch der Coaching-Ethik. Die Orientierung am EU AI Act für ethische KI-Implementierung ist dabei ein weiterer Baustein.
Die zentrale Frage bleibt: Wie nutzt man Technologie, um menschliche Coaches zu unterstützen, ohne deren Rolle zu ersetzen? Diese Balance zu finden, ist eine kontinuierliche Herausforderung.

Beobachtbare Effekte

Die Verbindung von kuratiertem Matching und datengetriebenen Ansätzen zeigt sich in verschiedenen Bereichen.
Reduzierte Abbruchquoten entstehen durch bessere initiale Matches, was die Notwendigkeit von Re-Matchings verringert. Die Coachee-Zufriedenheit liegt bei 99 Prozent, wobei die Matching-Qualität hier eine zentrale Rolle spielt. Der Onboarding-Prozess beschleunigt sich, da 95 Prozent der Anfragen mindestens drei Coach-Optionen erhalten.
Unternehmen können Coaching von Pilotprogrammen auf größere Initiativen ausweiten, ohne dass die Matching-Qualität darunter leidet. Das ist besonders für international tätige Organisationen relevant, die konsistente Standards über Ländergrenzen hinweg benötigen.

Ausblick: Die Zukunft liegt im intelligenten Zusammenspiel

Mit der weiteren Digitalisierung des Coaching-Marktes wird die Frage entscheidend, wie Technologie sinnvoll eingesetzt werden kann. Nicht als Ersatz für menschliche Expertise, sondern als strukturelle Unterstützung, die Qualität, Transparenz und Skalierbarkeit verbessert.
Erfahrungen aus datenbasierten Matching-Modellen zeigen, dass offene Marktplätze häufig zu Überforderung führen, während rein manuelle Auswahlprozesse kaum skalierbar sind. Zukunftsfähige Lösungen liegen daher in kuratierten, lernenden Systemen, die Komplexität reduzieren, Passung datenbasiert vorbereiten und zugleich die Entscheidungshoheit beim Coachee belassen.
Für Organisationen bedeutet das: Wer Coaching breitenwirksam einsetzen möchte, sollte auf hybride Modelle setzen, die technologische Präzision mit professioneller Qualitätskontrolle verbinden. So lässt sich individuelle Entwicklung auch in großen, internationalen Strukturen verlässlich ermöglichen – ohne Abstriche bei Vertrauen und persönlicher Passung.

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August-Wilhelm Scheer Institut

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