KI, die Kreative Intelligenz jetzt in der neuesten Folge SMART&nerdy! Podcastfolge #23.

Stabil statt spekulativ: Kapital in gemeinsamer Verantwortung
mehrere gezeichnete Alltagsszenen mit Menschen – etwa beim Radfahren, Spazierengehen oder Einkaufen – rund um ein Bündel Geldscheine

Stabil statt spekulativ:

Kapital in gemeinsamer Verantwortung

Claudia Henke, Andreas Arnold, Ela Kagel, Zsolt Thomas Szentirmai, Platform Coops eG

(Titelbild: © SUPERMARKT Berlin, Anne-Christin Plate)

Kurz und Bündig

Die Platform Coops eG entwickelt seit 2019 kooperative Geschäftsmodelle und Plattform-Genossenschaften. Sie begleitet Workers’ Buyout zur Unternehmensnachfolge, baut P2P-Finanzierungsmodelle wie einen kooperativen Stablecoin auf. Technische Infrastruktur wird bewusst selbst betrieben, um Datensouveränität zu sichern. Zentrale Prinzipien sind Governance, Beteiligung, langfristige Netzwerke und Finanzierung als gemeinschaftliche Infrastruktur.

Manche Innovation beginnt nicht mit einem Produkt, sondern mit einer Frage nach Eigentum, Verantwortung und Zusammenarbeit. Hier geht es nicht um den nächsten Hype, sondern um Strukturen, die tragen sollen, wenn Märkte schwanken und Förderlogiken versagen. Was passiert, wenn Finanzierung, Technik und Organisation konsequent gemeinschaftlich gedacht werden?

In Innovationsdiskursen wird wirtschaftlicher Erfolg häufig einzelnen Akteur:innen oder visionären Gründerfiguren zugeschrieben. Diese Perspektive greift unserer Meinung nach zu kurz. Gerade im digitalen Raum zeigt sich zunehmend, dass Innovation nicht zufällig entsteht, sondern vor allem dort, wo stabile Netzwerkstrukturen gemeinsames Lernen, geteilte Verantwortung und kollektive Umsetzung ermöglichen.

Genossenschaftlich organisierte Unternehmen bieten hierfür eine besonders resiliente ökonomische Struktur. Sie verbinden wirtschaftliche Tätigkeit mit verteilter Verantwortung und institutionalisierter Kooperation. Statt kurzfristiger Skalierungslogik stehen Beständigkeit und gemeinsame Wertschöpfung im Zentrum. Gerade in Zeiten multipler Krisen – von Plattformabhängigkeiten über Finanzierungslücken bis hin zu Fachkräftemangel und Vakuum in der Unternehmensnachfolge – erweisen sich kooperative Modelle als ökonomisch tragfähig und krisenfest.

Die Platform Coops eG arbeitet seit Jahren genau an dieser Schnittstelle: zwischen genossenschaftlicher Organisation und gemeinschaftlich entwickelter Infrastruktur. Unsere Erfahrung zeigt: Netzwerk schlägt Zufall. Innovation ist kein Geistesblitz, sondern das Ergebnis von kooperativer Organisation.

Arbeiten im Netzwerk statt im Projektmodus

Die Platform Coops eG entwickelt und begleitet kooperative Unternehmen, die von gemeinschaftlicher Beteiligung und geteilter Verantwortung getragen werden. Dabei verbinden wir strategische Beratung, Organisationsentwicklung und Netzwerkaufbau. Ziel unserer Arbeit ist es, soziale Innovationen zu entwickeln, die echte Alternativen zu den Monopolen der Digitalwirtschaft darstellen.
Das Unternehmen wurde 2019 aus einem Netzwerk von Menschen heraus gegründet, die sich alle von der gemeinsamen Arbeit beziehungsweise vom Austausch im SUPERMARKT Berlin kannten, dem Berliner Zentrum für Digitale Kultur und Alternative Ökonomien.

In den vergangenen Jahren konnten wir unsere Netzwerke gezielt ausbauen und verstetigen: Wir sind Gründungspartner:innen des Verbunds Kooperative Wirtschaft (VKW) und des Instituts für Unternehmensdemokratie (IfU.) Darüber hinaus sind wir Beratungspartner:innen bei Social Economy Berlin sowie innerhalb des vom BMWE und ESF+ geförderten Programms „Nachhaltig wirken“, in dem wir kooperative und gemeinwohlorientierte Organisationen bei ihrer strategischen Entwicklung begleiten. Zudem arbeiten wir eng mit der Initiative #GenoDigital und der Arbeitsgruppe „Geschäftsmodelle“ der Plattform für Soziale Innovationen und Gemeinwohlorientierte Unternehmen (SIGU-Plattform) zusammen. Dieses Netzwerk ermöglicht langfristige Zusammenarbeit und gemeinsame Lernprozesse – die Basis für nachhaltige Innovation.

Wir verstehen uns nicht als klassische Berater:innen, sondern als Mitgestalter:innen mit „Skin in the Game“. Indem wir aktiv an der Gestaltung von kooperativen Unternehmen beteiligt sind, schaffen wir Strukturen, in denen Projekte durch Kooperationen dauerhaft tragfähig werden. Die inhaltlichen Schwerpunkte unserer Arbeit liegen in den Bereichen P2P Finanzierung im kooperativen Ökosystem, Entwicklung von Governance-Strukturen für gemeinschaftlich getragene Unternehmen sowie genossenschaftliche Unternehmensnachfolge.

Gemeinsame Innovationsentwicklung: von Governance bis Umsetzung

Innovation entsteht selten als Einzelidee – sie wächst dort, wo Menschen gemeinsam gestalten. Bei der Platform Coops eG entwickeln wir Plattform-Genossenschaften und kooperative Geschäftsmodelle, die von Anfang an auf Beteiligung setzen und die entsprechenden Strategien integrieren.
Ein Beispiel ist die digitale Plattform für lebenslanges Lernen haqoo, die Nutzer:innen früh in die Struktur- und Prozessentwicklung einbindet. Auch das digitale Geldprojekt Circles UBI zeigt eindrucksvoll, wie eine dezentrale Gemeinschaft von Nutzer:innen ein komplementäres Geldsystem über digitale Tools und Prinzipien der gemeinsamen Steuerung entwickeln kann.

In unserer Beratungsarbeit ist die Einbeziehung von Stakeholdern wichtigste Prämisse. Da, wo bedarfsorientiert produziert wird und Feedback einfließen kann, entstehen nachhaltige Strukturen.
Unser Ansatz beginnt nicht mit fertigen Produkten, sondern mit der Gestaltung von Prozessen. Dabei werden Regeln und Beteiligungsformate entwickelt, die Pilotprojekte und Prototypen tragen. Gemeinsame Steuerung („Governance“) wird bewusst als Motor für Innovation eingesetzt: Transparenz, klare Rollen und Entscheidungsspielräume fördern Kreativität und Engagement. Lösungen werden gemeinsam ausprobiert, nach Feedback angepasst, unter Impact-Gesichtspunkten bewertet und auf reale Anforderungen abgestimmt.
Zentral ist die Arbeit mit echten Stakeholdern, nicht mit ausgedachten Marketing-Personas. In Zeiten, wo die Bedürfnisse von Menschen und Umwelt zunehmend in den Vordergrund rücken, wird es immer wichtiger, ganzheitlich zu verstehen, wie ein System funktionieren muss.

Was heißt dann eigentlich Innovation in so einem Zusammenhang? Echte Innovation entsteht, wenn Menschen gemeinsam Prozesse gestalten und die Grundlagen ihrer Governance mitbestimmen. Dadurch können schrittweise Lösungen entstehen, die reale Bedürfnisse adressieren.

Workers’ Buyout & Ownership-Transformation

Vor rund 10 Jahren haben wir das Modell Workers’ beziehungsweise Employees’ Buyout (WBO) für die Unternehmensnachfolge gemeinsam mit Akteur:innen aus Italien weiterentwickelt. Dort wird das Modell seit Jahrzehnten erfolgreich eingesetzt, um Unternehmen vor der Schließung zu bewahren. Dazu gründet die Belegschaft eine Genossenschaft, die das Unternehmen übernimmt. Die Mitglieder führen den Betrieb anschließend gemeinschaftlich weiter.

Die Unternehmensform ändert sich und mit ihr Rollen und Mitverantwortung. Die bisherigen Mitarbeitenden bleiben weiterhin angestellt, sind zugleich aber als neue Co-Owner ihre eigene Arbeitgeberin bzw. ihr eigener Arbeitgeber. In der Praxis sehen wir, wie stark dies im Laufe der Zeit Einfluss auf die Selbstwirksamkeit der neuen Co-Owner hat. Sie entscheiden über Gewinnverteilung, haben aber u.a. auch Einfluss auf Mitgestaltung ihrer Arbeitsweise, bei gleichzeitiger Teilung der Verantwortung. Damit zahlt das Modell stark auf eine Demokratisierung unserer Arbeitswelt ein.

WBO ist in Deutschland noch relativ unbekannt. Mitarbeitende rechnen in ihrem Arbeitsleben üblicherweise eher nicht mit der Möglichkeit, dass sie ein Unternehmen übernehmen. Hier begleitet Platform Coops eG durch den gesamten Prozess von der ersten Information für Inhabende und speziell Mitarbeitende über die passende Ausgestaltung der Genossenschaft bis hin zum gemeinsamen Leiten des Unternehmens. Platform Coops eG ist selbst genossenschaftlich organisiert und kennt die Prozesse aus eigener Praxis, vernetzt aber auch zu Unternehmen, die einen ähnlichen Weg gegangen sind. Gerade dieser Austausch unterstützt den Prozess erheblich, wie auch die ZDF-Doku „plan b: Nachfolge dringend gesucht!“ zeigt. Das Filmteam hat uns 2024 bei einer Übergabe an die Belegschaft begleitet. Darüber hinaus beforscht die Platform Coops eG das Thema Employee Ownership und veröffentlicht dazu laufend.

Finanzierung neu denken: von Beratung zu Infrastruktur

Viele soziale Innovationen scheitern nicht an Ideen oder Engagement, sondern an Finanzierungslogiken, die weder zur Dynamik früher Entwicklungsphasen noch zu kooperativen Wertschöpfungsmodellen passen. Diese Bruchstellen begegnen uns seit Jahren ganz konkret in unserer Beratungsarbeit: lange Antragszyklen, hohe Eigenanteile, projektförmige Förderlogiken und eine Fixierung auf Planungssicherheit, die Lernprozesse eher behindert als ermöglicht. Statt schneller Tests und iterativer Anpassung entstehen aufgeblähte Maßnahmenpläne, während gleichzeitig der Haushaltsdruck auf kommunaler, nationaler und europäischer Ebene die Förderlandschaft weiter verengt. Aus dieser Erfahrung heraus wurde für uns klar: Beratung allein reicht nicht aus, wenn die strukturellen Bedingungen Innovation systematisch ausbremsen.

Platform Coops eG erprobt neue Finanzierungsmodelle in sogenannten Reallaboren, also praktischen Testumgebungen unter realen Bedingungen. Ein Beispiel ist die Begleitung von Circles UBI von 2020 bis 2023. Dabei wurde eine Genossenschaft aufgebaut, die ein digitales, blockchainbasiertes Grundeinkommensmodell testete.

Blockchain bezeichnet eine dezentrale Datenbank, die Transaktionen transparent dokumentiert. In einem Berliner Pilotprojekt tauschten rund 30 Unternehmen Leistungen über digitale Einheiten aus. Ziel war nicht Gewinn, sondern koordinierter Austausch innerhalb eines Netzwerks.

Seit 2025 entsteht darauf aufbauend ein kooperativer Stablecoin für gemeinwohlorientierte Organisationen. Ein Stablecoin ist eine digitale Währung, deren Wert an den Euro gekoppelt ist. Rücklagen sollen gemeinschaftlich verwaltet werden, Erträge dem Netzwerk zugutekommen. Geplant ist ein weiteres Reallabor, um Kaufkraft im Netzwerk zu halten und Abhängigkeit von Fördermitteln zu verringern.

Technische Infrastruktur als Teil der Governance

Die technische Infrastruktur eines Unternehmens ist letztendlich auch Bestandteil der Governance, denn sie beeinflusst unmittelbar, wie Zusammenarbeit, Kommunikation und Entscheidungsprozesse organisiert sind. Technologie bestimmt Zugänge und Abhängigkeiten und ist damit nicht neutral. Die Wahl technischer Systeme hat immer auch strukturelle und politische Auswirkungen.

Für uns war es entscheidend, unsere technische Infrastruktur weitestgehend unabhängig von Big Tech aufzubauen. Eine selbst gehostete Nextcloud dient als zentrale Arbeits- und Dokumentationsplattform. Ergänzend wird ein eigener Videokonferenz-Server betrieben, um die Kommunikation unabhängig von externen Anbietern zu ermöglichen. Die Calls können bei Bedarf auch aufgezeichnet und transkribiert werden, um Ergebnisse und Diskussionsverläufe nachvollziehbar zu dokumentieren. Ein lokal betriebenes Sprachmodell unterstützt diese Prozesse, beispielsweise für die Dokumentation, Protokollierung oder inhaltliche Auswertung, ohne dass sensible Daten an Dritte übermittelt werden.

Indem wir ein eigenes Sprachmodell entwickeln, sorgen wir dafür, dass wir die kollektive Intelligenz in unserem Netzwerk trainieren und aufbauen. Wir bestimmen selbst, wer Zugang zu diesem Wissen hat und wie es verteilt werden kann. Unser Ziel ist es, im Lauf der Zeit keine künstliche, sondern eine kollektive Intelligenz für unseren Sektor zu entwickeln und ihn dadurch zu stärken.

Wir verstehen technische Infrastruktur als wichtige Voraussetzung für kooperatives Arbeiten. Sie schafft verlässliche Strukturen, reduziert organisatorischen Aufwand und ermöglicht effektive Zusammenarbeit über Organisations- und Standortgrenzen hinweg. Datensouveränität ist dabei eine zentrale Voraussetzung, denn nur wenn persönliche Daten, Strategien, Projektinhalte und Geschäftsdaten unter eigener Kontrolle stehen, können Innovationen unabhängig von externen Plattformbetreibern entstehen.

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August-Wilhelm Scheer Institut

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