KI, die Kreative Intelligenz jetzt in der neuesten Folge SMART&nerdy! Podcastfolge #23.

Mehr als schöne Oberflächen: Das Getriebe hinter guter Software
AdobeStock_493301527

Mehr als schöne Oberflächen:

Das Getriebe hinter guter Software

David C. Thömmes und Philipp Grau, Shapefield GmbH, im Gespräch mit Milena Milivojevic, IM+io

(Titelbild: © Adobe Stock | 493301527 | Maria )

Kurz und Bündig

Ein Entwurf sieht gut aus, die technische Umsetzung funktioniert irgendwie und am Ende passt beides trotzdem nicht richtig zusammen. Genau an dieser Stelle entstehen seit Jahren Reibungsverluste zwischen Design und Entwicklung. Künstliche Intelligenz verändert nun nicht nur die Werkzeuge und Abläufe, sondern verschiebt auch die Grenzen zwischen beiden Disziplinen. Was passiert mit der Zusammenarbeit, wenn plötzlich nicht mehr so eindeutig ist, wo Design aufhört und Entwicklung beginnt?

Shapefield verbindet strategische Digitalisierungsberatung, nutzerzentriertes Design und individuelle Softwareentwicklung für komplexe B2B-Anwendungen. Im Fokus stehen unter anderem Industrie, Life Science & MedTech, Verteidigung, Mobilität und Energie. Mit der UXDEVCON bringt das Unternehmen Designende, Entwickelnde, Produktverantwortliche und IT-Entscheidende zusammen. Ein zentrales Thema ist dabei der Einsatz von Künstlicher Intelligenz als verbindendes Element zwischen Design und Entwicklung.

IM+io: Wie ist Shapefield entstanden und was macht das Unternehmen heute?

DCT: Ich bin eigentlich Softwareentwickler und habe Medieninformatik studiert. Dort bin ich früh mit Human Computer Interaction, UX-Design und Usability in Kontakt gekommen. Dabei habe ich gesehen, dass Bedienoberflächen nicht nur technisch funktionieren, sondern auch nutzerfreundlich und attraktiv gestaltet sein sollten. Ende 2015 habe ich Shapefield in Saarbrücken gegründet. Gestartet sind wir mit drei Leuten in einem kleinen Büro und dann sehr schnell gewachsen. Später sind wir nach Bexbach gezogen und haben zusätzlich einen Standort in Hamburg aufgebaut. Heute konzentriere ich mich stärker auf Kundenberatung und die fachliche Begleitung unserer Mitarbeitenden.


PG: Heute verstehen wir uns als Digitalisierungspartner für Unternehmen mit komplexen Herausforderungen und sind klar auf das B2B Segment fokussiert. Wir beraten Unternehmen bei ihrer Digitalisierungsstrategie, entwickeln daraus digitale Produkte und Prozesse, konzipieren und designen diese und setzen sie anschließend auch technisch um. Das ist für uns ein wichtiger Punkt: Wir sprechen nicht nur darüber, wie eine Lösung aussehen könnte, sondern können sie tatsächlich entwickeln und liefern.

IM+io: Was unterscheidet Shapefield von einer klassischen Design oder Digitalagentur?

PG: Je höher die Komplexität, desto interessanter wird es für uns. Wir vereinfachen komplexe Zusammenhänge, stellen sie nutzerzentriert dar und setzen sie anschließend technisch um. Wichtig ist dabei die Verbindung aus Strategie, Konzeption, Design und Entwicklung. Gerade bei komplexen Industrieanwendungen reicht es nicht, nur aus einer klassischen Web- oder Designperspektive zu denken. Wir haben deshalb die notwendige Technologieexpertise intern und können unterschiedliche technische Rahmenbedingungen direkt mit berücksichtigen.


DCT: Unser Schwerpunkt liegt auf Digitalisierung, Softwareentwicklung und Nutzungszentrierung. Interessant wird es für uns, sobald komplexe Nutzungs- oder Geschäftsprozesse vereinfacht werden müssen. Es geht also nicht um einfache Webseiten, sondern darum, anspruchsvolle Prozesse gut nutzbar zu machen und gleichzeitig Wartbarkeit, Skalierbarkeit und eine saubere Softwarearchitektur sicherzustellen.

IM+io: Warum gewinnt individuelle Softwareentwicklung aus eurer Sicht wieder an Bedeutung?

PG: Software war ursprünglich fast immer individuell entwickelt. Später kam die Phase der Standardsoftware, bei der generische Lösungen an einzelne Unternehmen angepasst wurden. Mit neuen Technologien wie der Künstlichen Intelligenz bewegen wir uns nun wieder stärker in Richtung individueller und nutzerzentrierter Software. Der Unterschied ist, dass solche Lösungen heute deutlich schneller umgesetzt werden können. Entscheidend bleibt aber, vom Nutzenden aus zu denken und ein möglichst gutes Informations- und Steuerungserlebnis zu schaffen.

IM+io:: Auf welche Branchen konzentriert ihr euch besonders?

PG: Wir haben Schwerpunkte in Industrie, Life Science & MedTech, Verteidigung, Mobilität, Energie, IT und im Öffentlichen Sektor.. Gerade in diesen Bereichen sind die Anforderungen häufig stark reguliert oder technisch komplex. Genau diese Komplexität verbindet viele unserer Projekte.


DCT: Unser Portfolio reicht von Start-ups über Mittelständler bis zu großen Konzernen. Wir arbeiten beispielsweise an Lösungen aus Finance, Logistik, Flughafensoftware, Mess- und Analysesystemen oder ERP. Entscheidend ist weniger die Branche als die Komplexität. Sobald viele Daten oder anspruchsvolle Prozesse verständlich und nutzbar gemacht werden müssen, wird es für uns interessant.

IM+io:: Welche Rolle spielt Nutzungszentrierung bei komplexen Anwendungen?

DCT: Es gibt wichtige Erkenntnisse aus Wissenschaft und Psychologie. Oberflächen sollten nicht überladen sein und Informationen so darstellen, dass Menschen sie möglichst leicht erfassen können. Ein Prinzip ist etwa Wiedererkennen statt Erinnern. Es ist kognitiv einfacher, eine Funktion anhand einer Beschriftung oder eines Icons zu erkennen, als sich ständig erinnern zu müssen, was sich hinter einzelnen Elementen verbirgt. Nutzerzentrierung bedeutet deshalb nicht einfach, etwas schöner zu machen, sondern die Nutzung effizienter und verständlicher zu gestalten.


PG: Das wird besonders wichtig, wenn viele Daten gleichzeitig verarbeitet werden müssen. Im Mobility Bereich gibt es beispielsweise sehr viele Verkehrsinformationen. Diese müssen so visuell aufbereitet sein, dass Menschen sie in kurzer Zeit erfassen können. Genau bei solchen komplexen Informationslagen liegt eine unserer Stärken.

IM+io:: Ist das Bewusstsein für UX und Usability international unterschiedlich ausgeprägt?

PG: Ich sehe keine grundsätzlich großen regionalen Unterschiede. Wir arbeiten mit Kund*innen aus der DACH-Region, Australien und den USA und erleben Unterschiede eher aufgrund unterschiedlicher Innovationszyklen. Manche Produkte wurden zwanzig Jahre lang ähnlich betrieben und treffen dann auf eine neue Generation von Nutzenden mit deutlich höheren Ansprüchen an UX und Usability. Dadurch entsteht der Druck zur Veränderung.

DCT: Manche Unternehmen haben praktisch noch keine Erfahrung mit Nutzungszentrierung, andere verfügen über eigene UX-Teams und berücksichtigen das Thema in jedem Projekt. Bei großen Technologieunternehmen ist UX meist fest etabliert. Im Mittelstand ist das Bild dagegen weltweit sehr unterschiedlich. Bei jüngeren Tech Start-ups wird UX heute deutlich häufiger von Anfang an mitgedacht.

IM+io:: Mit der UXDEVCON habt ihr eine eigene Veranstaltung gestartet. Was war die Idee dahinter?

PG: Wir wollten eine Plattform für den Austausch rund um Digitalisierung, nutzerzentrierte Softwareentwicklung, Design und Konzeption schaffen. Es entstehen aktuell sehr viele neue Themen gleichzeitig. Deshalb wollen wir Menschen aus verschiedenen Disziplinen zusammenbringen. Wichtig ist uns dabei, dass es keine Verkaufsveranstaltung wird. Im Mittelpunkt stehen Best Practices aus der Praxis für die Praxis und ein offener Austausch.


DCT: Zwischen Design und Softwareentwicklung gab es schon immer Reibung. Designende haben etwas entworfen, Entwickelnde konnten es nicht genauso umsetzen oder technische Grenzen standen im Weg. Durch Künstliche Intelligenz entstehen jetzt neue Brücken und Workflows. Prototypen können schneller entstehen und Design und Entwicklung rücken näher zusammen. Genau diese Schnittstelle wollten wir mit der Konferenz stärker in den Mittelpunkt stellen.

IM+io:: Warum ist gerade die Verbindung verschiedener Disziplinen so wichtig?

DCT: Ein gutes digitales Produkt entsteht immer durch das Zusammenspiel mehrerer Disziplinen. Deshalb bringen wir Designende, Entwickelnde, Product Owner, Produktverantwortliche und IT-Entscheidende zusammen. Es gibt viele gute reine Design- oder Entwicklungskonferenzen. Uns fehlte aber eine Veranstaltung, die Design, Entwicklung und Künstliche Intelligenz gemeinsam betrachtet. Das Thema begleitet mich persönlich schon lange. Bereits 2011 hatte ich die Idee für eine solche Konferenz.


PG: Wir bauen die Inhalte deshalb bewusst aufeinander auf. Ein Slot kann beispielsweise ein strategisches Thema behandeln, danach folgt UX oder Konzeption und anschließend die Entwicklung. Bei der ersten Veranstaltung hat sich gezeigt, dass Methoden, die in einer Disziplin selbstverständlich sind, für andere Rollen völlig neue Perspektiven eröffnen können. Genau diesen Austausch wollen wir fördern.

Abbildung 1: Event-Foto von der UXDEVCON 2026.(Shapefield)
Abbildung 1: Event-Foto von der UXDEVCON 2026.(Shapefield)

IM+io: Wie sorgt ihr dafür, dass aus dem Austausch anschließend auch etwas für die Praxis entsteht?

PG: Das hängt stark vom Reifegrad der jeweiligen Organisation ab. Manche Unternehmen nehmen Impulse mit und arbeiten intern weiter. Andere kommen anschließend auf uns zu und möchten konkrete Unterstützung. Das kann UX, Strategie, Entwicklung oder eine Kombination daraus sein. Entscheidend sind Ziel, Ressourcen und Zeitrahmen. Wir haben auch erlebt, dass Unternehmen nach Impulsen aus der UXDEVCON interne Strukturen verändert haben.


DCT: Uns war wichtig, dass die Vortragenden greifbar sind und ausreichend Zeit für Austausch bleibt. Deshalb haben wir bewusst Netzwerkpausen eingeplant und anschließend auch Unterlagen an die Teilnehmenden verschickt. Viele Präsentationen sollten zusätzlich mit einem Ausblick oder einer Empfehlung enden, damit die Inhalte nach der Veranstaltung weiter vertieft werden können.

IM+io: Wie schafft ihr es, Menschen mit unterschiedlichen Kenntnisständen mitzunehmen?

DCT: Wir haben darauf geachtet, dass die Vorträge einem gemeinsamen roten Faden folgen und nicht zu stark in einzelne Spezialgebiete abdriften. Auch technische Vorträge sollten so aufgebaut sein, dass sie nicht nur Entwickelnde verstehen, sondern beispielsweise auch IT-Entscheidende. Deshalb haben wir die Inhalte im Vorfeld intensiv mit den Vortragenden abgestimmt. Gleichzeitig hatten die meisten Teilnehmenden ein grundlegendes technisches Verständnis.

IM+io: Müssen Designende und Entwickelnde durch Künstliche Intelligenz künftig stärker über ihre klassischen Rollen hinausdenken?

DCT: Die Aufgabenfelder verschieben sich definitiv. Bei Entwickelnden reicht es künftig weniger, einfach nur Code zu schreiben. Wichtiger wird es, Systeme zu konzipieren, Architekturen aufzubauen und Qualität beurteilen zu können. Ob anschließend Künstliche Intelligenz oder Agents beim Programmieren helfen, ist zweitrangig. Der eigentliche Mehrwert liegt darin, zu verstehen, was wartbare, skalierbare und hochwertige Software ausmacht.

Abbildung 2: Event-Foto von der UXDEVCON 2026. (Shapefield)
Abbildung 2: Event-Foto von der UXDEVCON 2026. (Shapefield)

IM+io: Kann Künstliche Intelligenz erfahrene Softwareentwickelnde damit ersetzen?


DCT: Was aktuell gut funktioniert, funktioniert vor allem dann, wenn erfahrene Menschen die Technologie einsetzen und die Ergebnisse bewerten können. Gerade im B2B Bereich gibt es sehr spezifische Anforderungen, für die Sprachmodelle nicht automatisch genügend Wissen besitzen. Deshalb braucht es weiterhin Menschen, die auch ohne Künstliche Intelligenz programmieren können. Junge Softwareingenieur:innen sollten aus meiner Sicht zunächst die technischen Grundlagen sauber lernen, bevor sie sich zu stark auf Künstliche Intelligenz verlassen.

IM+io: Und wie verändert Künstliche Intelligenz die Arbeit im Design?


DCT: Im Design wird aktuell teilweise mehr versprochen, als technisch wirklich möglich ist. Für einfache Webseiten oder Apps kann Künstliche Intelligenz bereits viel leisten. Bei komplexen B2B Anwendungen braucht es weiterhin erfahrene Designende. Künstliche Intelligenz kann Entwürfe und Inspiration liefern, aber sie ersetzt kein Nutzerresearch, keine Interviews und keine Entscheidung darüber, welche Funktionen Menschen tatsächlich brauchen.

IM+io: Verschiebt sich die Rolle von Designenden dadurch stärker in Richtung Beratung?


DCT: Das kann passieren. Wenn bestimmte handwerkliche Aufgaben stärker automatisiert werden, können sich Designende mehr auf Konzeption und die Arbeit mit Menschen konzentrieren. Sie müssen aber weiterhin Entscheidungen treffen, Projekte begleiten und Lösungen rechtfertigen können. Entscheidend ist immer, für die tatsächlichen Nutzenden zu gestalten und nicht nur für die Person, die das Projekt beauftragt.

IM+io: Wie blickt ihr nach der ersten UXDEVCON auf die Premiere zurück und was hat euch überrascht?


PG: Für uns war es ein Stück weit eine Wette, ob genügend Menschen für dieses Thema ins Saarland kommen. Dass das so gut funktioniert hat, hat uns positiv überrascht. Das bestärkt uns darin, weiterhin auf Praxisnähe, Interdisziplinarität und offenen Austausch zu setzen. Spannend war auch zu sehen, dass beim Thema Künstliche Intelligenz viele Unternehmen an ähnlichen Punkten stehen. Es gibt noch viele offene Fragen und keine Lösung, die sofort für alles funktioniert. Besonders positiv war die Offenheit, mit der Fehler und Best Practices geteilt wurden.
DCT: Deshalb wollen wir die Konferenz im Saarland langfristig verankern und weiter ausbauen. Die nächste Ausgabe soll größer, interaktiver und ganztägig werden. Unser Ziel ist, dass das Saarland künftig stärker als Ort für den Austausch zu Digitalstrategie, Softwareentwicklung, Frontend Entwicklung und Künstlicher Intelligenz wahrgenommen wird.

LinkedIn
WhatsApp
Telegram
Facebook

August-Wilhelm Scheer Institut

Weitere Artikel entdecken

Entdecken Sie unsere neusten Ausgaben

Netzwerk schlägt Zufall