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Campus unter Spannung: Hochschulallianzen gegen Erosionsrisiken
Erdkugel mit einem Absolventenhut.

Campus unter Spannung:

Hochschulallianzen gegen Erosionsrisiken

Max Karbach, Scheer School of Digital Sciences at Saarland University gGmbH

(© Adobe Stock | 885973739 | Caitlin)

Kurz und Bündig

Der Academic Freedom Index 2025 zeigt sinkende Wissenschaftsfreiheit in 34 Ländern. Auch deutsche Hochschulen stehen durch Kürzungen und projektbasierte Finanzierung unter Druck, da nur rund 60 Prozent der Mittel aus stabiler Grundfinanzierung stammen. Das Policy Paper „Hochschule in der ungesicherten Demokratie“ warnt vor Erosionsrisiken. Als strukturelle Antwort werden Netzwerk- und Ökosystemmodelle diskutiert, etwa Europäische Hochschulallianzen, die Scheer School of Digital Sciences oder Governance-Modelle mit geteilter Entscheidungskompetenz und langfristiger Finanzierung.

Hörsäle gelten als Orte freier Debatte, doch ihre Grundlagen geraten ins Wanken. Sinkende Budgets, projektgetriebene Finanzierung und neue technologische Abhängigkeiten verändern das Wissenschaftssystem spürbar. Gleichzeitig entstehen Modelle, die Hochschulen als Teil regionaler und europäischer Ökosysteme neu denken. Kann eine bewusst geteilte Governance-Struktur nicht nur Innovation fördern, sondern auch demokratische Resilienz sichern?

Die Wissenschaftsfreiheit steht weltweit unter Druck. Laut Academic Freedom Index 2025 ist sie in 34 Ländern im vergangenen Jahrzehnt deutlich gesunken, nur in acht gestiegen.[1] Ursachen sind politische Eingriffe in die Hochschulautonomie, Einschränkungen der Lehrfreiheit, Mittelkürzungen für unbequeme Forschung sowie wachsende ökonomische Zwänge.

Auch Deutschland ist betroffen: 2025 kam es zu massiven Kürzungen. Nordrhein-Westfalen plant ab 2026 Einsparungen von fünf bis acht Prozent, Berlin streicht jährlich mindestens 100 Millionen Euro, Hessen kombiniert 34 Millionen Euro Kürzungen mit unterfinanzierten Tarifsteigerungen von 100 Millionen Euro.[2][3] Hinzu kommen hohe Minderausgaben in Bayern und Baden-Württemberg.

Strukturell problematisch ist zudem, dass nur rund 60 Prozent der Hochschulmittel aus stabiler Grundfinanzierung stammen, während 40 Prozent projektgebunden und befristet sind – eine Logik, die langfristige Strategien erschwert.Das Policy Paper „Hochschule in der ungesicherten Demokratie“ warnt vor Erosionsrisiken für die demokratische Einbettung und rechtliche Stabilität von Hochschulen.[4] Als Antwort plädieren die Autoren für strukturelle Reformen und stärkere Netzwerk- und Ökosystem-Strukturen, um Abhängigkeiten neu auszubalancieren. Digitale Governance, offene Infrastrukturen und kollaborative Plattformen können dazu beitragen, Hochschulen resilienter und demokratisch handlungsfähiger zu machen.

Netzwerke und Ökosysteme als strukturelle Antwort

Was unterscheidet bloße Zusammenarbeit von echten Ökosystemen? Die empirische Netzwerkforschung gibt hierzu wichtige Hinweise. Ökosysteme führen Akteure zusammen, halten sie länger verbunden als kurzfristige Projekte, ermöglichen wiederholte Transaktionen und verteilen Risiken durch Arbeitsteilung.[5] Die institutionelle Verdichtung schafft gegenseitiges Verständnis der unterschiedlichen Organisationskulturen und ermöglicht einen kontinuierlichen Wissensaufbau. Wie solche Ökosysteme konkret funktionieren können, zeigen drei Beispiele aus unterschiedlichen Kontexten.

Europäische Hochschulallianzen als Modell systemischer Vernetzung

Die Europäische Kommission fördert seit 2019 sogenannte „Europäische Hochschulen“ – ein Modell, das sich grundlegend von traditionellen Hochschulkooperationen unterscheidet. Anstatt nur einzelne Fakultäten zu verbinden, arbeiten hier ganze Hochschulen auf allen Ebenen zusammen, vom Rektorat über die Verwaltung bis hin zu Lehre und Forschung.[6]

Inzwischen sind 44 Allianzen mit über 500 beteiligten Hochschulen entstanden. Deutschland ist dabei überproportional vertreten, denn 42 deutsche Hochschulen sind in 37 der 44 Allianzen eingebunden, acht davon als Koordinatoren. Zu den Beispielen zählen YUFE (Young Universities for the Future of Europe) und ATHENA (Advanced Technology Higher Education Network Alliance).[7]

Die beteiligten Universitäten arbeiten nicht hierarchisch, sondern in „wissensbildenden Teams“ aus Studierenden, Forschenden und externen Partnern an gesellschaftlichen Herausforderungen. Mehrperspektivität wird auf diese Weise institutionell verankert, und Konflikte zwischen Institutionen gelten nicht als störend, sondern sind ausdrücklich vorgesehen.

Die IU Copilot School und Microsoft als Technologie-Partnerschaft mit kritischen Grenzen

Die IU Internationale Hochschule mit mehr als 130.000 Studierenden gründete 2024 gemeinsam mit Microsoft die IU Copilot School – ein grundlegend anderes Modell.[11] Über 250 Bachelor- und Masterstudiengänge werden durchgehend mit Microsoft 365 Copilot und Azure OpenAI angereichert, wobei Studierende automatisch Lizenzen erhalten. Die IU integriert dabei ihre Eigenentwicklung Syntea, einen KI-Lernbuddy, in die Microsoft-Infrastruktur.

Dieses Modell bietet Chancen, denn Studierende arbeiten ab Studienbeginn mit KI-Systemen, die in Unternehmen zunehmend zum Standard werden. Zugleich birgt es jedoch erhebliche Risiken. Die Abhängigkeit von einem Tech-Konzern wird strukturell verankert, und Microsoft-Standards folgen US-amerikanischen Regulierungen statt europäischen Transparenzanforderungen.[12] Digitale Souveränität wird auf diese Weise eher gefährdet als gestärkt.

Der Vergleich mit den Europäischen Hochschulallianzen oder der Scheer School macht einen entscheidenden Unterschied deutlich. Dort behalten Hochschulen die Gestaltungskraft über ihre Netzwerkstruktur. Bei der IU-Microsoft-Partnerschaft bestimmt hingegen Microsoft die Infrastruktur, während sich die Hochschule anpasst.

Die Scheer School of Digital Sciences als regionales Transformations-Ökosystem

Die Scheer School of Digital Sciences an der Universität des Saarlandes ist eine gemeinsame Initiative der Universität und des August-Wilhelm Scheer Instituts für digitale Produkte und Prozesse.[8] Das Saarland stellte 25 Millionen Euro aus dem Transformationsfonds bereit, um eine Bildungsinstitution aufzubauen, die gezielt Digitalkompetenzen vermittelt und neue Berufsbilder in der Region stärkt.

Anders als klassische Hochschulstrukturen ist die Scheer School als private, gemeinnützige Lehrinstitution organisiert und kooperiert eng mit der Universität. Dadurch kann sie schneller auf veränderte Anforderungen reagieren und Inhalte flexibel anpassen. Alle Mitarbeitenden sind unbefristet angestellt, was Kontinuität und unabhängiges Arbeiten ermöglicht.

Als Public-Private-Partnership ergänzt sie das universitäre Angebot: Während die Universität grundständige Studiengänge verantwortet, konzentriert sich die Scheer School auf berufsbegleitende Weiterbildung und Praxisprojekte. Unternehmen aus der Region bringen Expertise und reale Fragestellungen ein.
Die Netzwerklogik zeigt sich auch in der Zusammenarbeit mit dem Deutschen Forschungszentrum für Künstliche Intelligenz (DFKI) zur Entwicklung vertrauenswürdiger KI. Hochschule, Forschung und Wirtschaft arbeiten hier gemeinsam an Standards.

Das Lehrkonzept setzt auf selbstgesteuertes, kollaboratives und projektbasiertes Lernen. In heterogenen Teams werden Lösungen entwickelt und Perspektiven ausgehandelt – Kompetenzen, die auch für demokratisches Handeln zentral sind. Die Zertifikate sowie der Master „Digital Sciences for Transformation“ werden im Blended-Learning-Format mit Online-Phasen, Präsenzterminen und Selbststudium angeboten.

Was macht Ökosysteme zu Lernräumen der Demokratie?

Entscheidend sind die Governance-Strukturen, also die Regeln und Verfahren, nach denen Entscheidungen getroffen, Ressourcen verteilt und Zuständigkeiten geklärt werden. Gut gestaltete Governance verbindet Teilhabe mit Handlungsfähigkeit und sorgt für eine Balance zwischen Demokratie, Effizienz und Legitimität.
Eine Studie der European University Association (2025) zu 31 europäischen Hochschulsystemen zeigt, dass in 22 Ländern duale Governance-Modelle existieren. Dort sind mindestens drei Gruppen an Entscheidungen beteiligt, etwa wissenschaftliches Personal, Studierende, externe Partner oder Verwaltung.[13] Konflikte zwischen unterschiedlichen Logiken – zum Beispiel zwischen akademischer Freiheit und wirtschaftlichem Druck – werden institutionell bearbeitet statt verdrängt. Erst wenn verschiedene Perspektiven reale Entscheidungskompetenz besitzen, entsteht echte Deliberation.

Auch das deutsche Hochschulrahmengesetz fordert seit 1976, Studierende zu verantwortlichem Handeln in einem demokratischen Rechtsstaat zu befähigen (§ 7 HRG).[14] In der Praxis bleibt dies jedoch häufig auf einzelne Lehrformate beschränkt und ist selten strukturell verankert.

Ökosystem-Ansätze können hier ansetzen. Wenn Hochschulen, Wirtschaft und öffentlicher Sektor ihre Governance gemeinsam gestalten, werden demokratische Aushandlungsprozesse Teil des Alltags. Entwickeln Praxispartner und Wissenschaft Curricula gemeinsam, müssen Prioritäten verhandelt werden. In berufsbegleitenden Projekten erleben Studierende reale Zielkonflikte und lernen, unterschiedliche Interessen auszubalancieren, ohne grundlegende Prinzipien aufzugeben.

Vier Elemente einer demokratischen Hochschul-Transformation

Eine ausgewogene Governance kann auf vier zentralen Bausteinen beruhen, die je nach Kontext unterschiedlich gewichtet werden.

Erstens: dezentrale Netzwerkstrukturen statt zentraler Mega-Cluster. Europäische Hochschulallianzen zeigen, dass regionale Netzwerke Entscheidungskompetenzen verteilen und institutionelle Vielfalt fördern. Zwar besteht die Gefahr von Fragmentierung, doch sie wiegt weniger schwer als eine starke Zentralisierung.

Zweitens: transparente Doppel-Governance. Strategische Entscheidungen liegen nicht allein bei Rektoraten, sondern werden gemeinsam mit Senat, Studierendenvertretungen und externen Beiräten getroffen, idealerweise mit echten Mitspracherechten.[16][17][18] Es geht um verbindliche Beteiligung, nicht um symbolische Beratung. Das verlangsamt Prozesse, stärkt aber die Legitimation.

Drittens: verlässliche Finanzierung statt kurzfristiger Projektlogik. Mehrjährige Hochschulfinanzierungsverträge wie in Baden-Württemberg (HoFV III 2026–2030) mit einem jährlichen Aufwuchs von 3,5 Prozent schaffen Planungssicherheit.[19] Kurzfristig kostenintensiver, sichern sie langfristige akademische Entwicklung.
Viertens: klug gestaltete Public-Private-Partnerships. Ihr Mehrwert entsteht aus der Verbindung komplementärer Stärken: wissenschaftliche Expertise und Legitimität der Hochschulen, Agilität und Praxisnähe privater Partner sowie Gemeinwohlorientierung des öffentlichen Sektors. Voraussetzung sind Akteursvielfalt, klare Konfliktregeln und kontinuierliche Abstimmung. So können Strukturen entstehen, die akademische Freiheit stabilisieren, statt sie zu untergraben.

Die Chance des Augenblicks

Die Hochschullandschaft kann sich in unterschiedliche Richtungen entwickeln. Ein mögliches Szenario ist eine schleichende Schrumpfung mit Qualitätsverlust: Einige wenige Elite-Universitäten konzentrieren sich auf Exzellenz, während viele regionale Hochschulen zu reinen Dienstleistern werden. Bildung verlöre so ihre demokratische Breite und würde ungleicher verteilt.
Noch weiter ginge eine umfassende Kommerzialisierung. Hochschulen würden primär als Trainingsanbieter für Unternehmen agieren, ausgerichtet auf kurzfristige Verwertbarkeit. Demokratische Bildung wäre dann kein öffentliches Gut mehr, sondern ein privilegierter Zugang für wenige.
Dem steht ein alternatives Modell gegenüber: regionale, dezentrale Ökosysteme, in denen Hochschulen mit Wirtschaft, Staat und Zivilgesellschaft kooperieren. Entscheidungskompetenzen sind verteilt, Macht wird geteilt. Konflikte werden nicht vermieden, sondern produktiv ausgetragen. Bildung wird so zum Lernraum demokratischer Praxis.

Dieses Modell erfordert jedoch klare Entscheidungen. Notwendig sind langfristige Finanzierungszusagen statt befristeter Projektlogiken, Governance-Reformen mit echter Verantwortungsteilung sowie stärkere europäische Kooperation, um technologische Abhängigkeiten zu reduzieren.
Ein Beispiel bietet die Universität des Saarlandes mit der Scheer School: Die Universität sichert Stabilität und wissenschaftliche Tiefe, die Scheer School agiert agil und praxisnah. Beide ergänzen sich, ohne Dominanzstrukturen aufzubauen. Public-Private-Partnerships können so akademische Freiheit nicht schwächen, sondern breiter absichern.

Entscheidend ist letztlich eine veränderte Haltung: Hochschulen müssen bereit sein, Macht zu teilen, Konflikte offen auszutragen und Partizipation als Kern demokratischer Bildung zu verstehen, nicht als bürokratische Zusatzaufgabe.

Quellen und Nachweise

[1] Gehring, Katrin: Academic Freedom Index: Demokratie und Wissenschaftsfreiheit gehen Hand in Hand. Pressemitteilung, 2025.

[2] Ebd.

[3] Forum Hochschulräte: Die finanzielle Lage der deutschen Hochschulen, 2025.

[4] Henke, Justus / Pasternack, Peer: Hochschule in der ungesicherten Demokratie. Ansatzpunkte demokratiestabilisierender Hochschulentwicklung. HoF Policy Paper, Universität Halle, 2025.

[5] DIW: Netzwerke in der Spitzenforschung. DIW Kompakt 29, 2007.

[6] GATE Germany: Europäische Hochschulen: neue Allianzen mit weltweiter Strahlkraft, 2022.

[7] BMBF: Forschungscampus-Initiative. Online verfügbar unter: www.bmbf.de.

[8] Universität Saarland: August-Wilhelm Scheer Institut und Universität des Saarlandes gründen School of Digital Sciences. Pressemitteilung vom 28.11.2023.

[9] Scheer School: Das Konzept – Unsere Lernwelt. Online verfügbar unter: www.scheer-school.com, 2025.

[10] ZFHE: Tandem Teaching – Kooperative Lehre und Einbindung von Praxispartnern. In: Zeitschrift für Hochschulentwicklung 13/2, 2018.

[11] IU: IU Internationale Hochschule gründet die IU Copilot School featuring Microsoft. Pressemitteilung vom 26.09.2024.

[12] KPMG Law: AI Act: Das gilt für KI in Hochschulen und Forschung, 2025.

[13] EUA: Wie Europas Hochschulen gesteuert werden. In: Forschung & Lehre 7/2025.

[14] Hochschulrahmengesetz (HRG) § 7: Ziel des Studiums.

[15] Bundesfinanzministerium: Chancen und Risiken Öffentlich-Privater Partnerschaften, 2016.

[16] Wissenschaftsrat: Empfehlungen zu Public Private Partnerships (PPP) in der Forschung, 2007.

[17] HIS: Public Private Partnership in der Forschung. Neue Formen der Arbeitsteilung zwischen Wissenschaft und Wirtschaft. Projektbericht HP 146, 2004.

[18] Ebd.

[19] MWK Baden-Württemberg: Bericht des Ministeriums für Wissenschaft, Forschung und Kunst 2025–2026, 2025.

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