KI, die Kreative Intelligenz jetzt in der neuesten Folge SMART&nerdy! Podcastfolge #23.

„Ich bin kein Networker, aber ein guter Organisator von Netzwerken.“
farbige Sprechblasen, die sich überlagern und symbolisch für Austausch, Dialog und Vernetzung zwischen Menschen stehen

„Ich bin kein Networker, aber ein guter Organisator von Netzwerken.“

August-Wilhelm Scheer im Gespräch mit Irmhild Plaetrich, IM+io

(Titelbild: © Adobe Stock | 1719931104 | juwairiya_nameera)

Kurz und Bündig

Prof. Dr. August-Wilhelm Scheer ist eher Manager von Netzwerken als selbst aktiver Netzwerker. Dass Netzwerke auch für ihn wichtig und zielführend sind, wird mehr als deutlich, wenn man das Netzwerk der Scheer Unternehmen inhaltlich und organisatorisch betrachtet. Jenseits der Unternehmensgrenzen ist ihm gerade die Vernetzung mit dem Mittelstand ein besonderes Anliegen.

Unternehmen, Forschung und Politik vernetzen sich, um Synergien und Interessenausgleiche zu finden, Wissen zu teilen und im Verbund Innovationen zu schaffen. Netzwerke bedeuten Bindung und Widerstandskraft gegenüber Herausforderungen und Bedrohungen. Über seine Erfahrungen mit Netzwerken haben wir mit dem Unternehmer und Wissenschaftler Prof. Dr. August-Wilhelm Scheer gesprochen.

IM+io: Prof. Scheer, sind Sie ein Netzwerker?

AWS: ​Pauschal ist meine Antwort erst einmal nein. Manche Leute sagen, dass ich eher ein Einzelgänger bin und nicht offensiv Kontakte suche. Ich bin weder Mitglied einer Partei noch einer Religionsgemeinschaft noch eines Sozialclubs – also Organisationen, in denen Menschen miteinander in Kontakt treten, um in Gemeinschaft ihre individuellen Interessen besser verfolgen zu können. Trotzdem habe auch ich immer Mitarbeiter und Wegbegleiter benötigt, um meine Ziele zu erreichen. Insofern bin ich wahrscheinlich doch ein Netzwerker, aber in einer anderen Form. Ich kann Menschen für meine Ideen und Pläne begeistern, um diese dann mit ihnen gemeinsam umzusetzen. Das ist jedoch weniger ein Networking in formalen Strukturen, sondern auf der Ebene von Argumenten, einer Emotionalisierung und Begeisterung für Abenteuer. Darüber hinaus strukturiere ich meine Unternehmen so, dass sie ein interagierendes Netzwerk bilden.

IM+io: Machen denn für Sie Netzwerke grundsätzlich Sinn?

AWS: Ich weiß natürlich, dass das von mir geschilderte informelle Networking seine Grenzen hat. Netzwerke sind durchaus sinnvoll, aber man muss sie auch organisatorisch definieren, strukturieren und managen. Dieses versuche ich mit dem Scheer Network zu erreichen. Der Grundgedanke ist, den Innovationsspross abzubilden und in einem Netzwerk die unterschiedlichen Stufen von Ideenerzeugung zu strukturieren.

IM+io: ​​Wie gestalten Sie konkret das Scheer Unternehmensnetzwerk?

AWS: ​Mit dem gemeinnützigen Forschungsinstitut AWSI entwickeln wir unabhängig von den Scheer-Unternehmen themenoffen neue Konzepte für die Digitalisierung. Diese reichen von der automatisierten digitalen Analyse von Straßenschäden bis hin zu Digitalen Zwillingen bei der Produktentwicklung. Ergebnisse sind anwendungsnahe Forschungsleistungen, das heißt, neue Erkenntnisse, neue methodische Ansätze, Portotypen, aber auch produktreife Lösungen. Durch die Beteiligung der Scheer Holding an Start-up-Unternehmen unterstützen wir den nächsten Schritt in der Innovationskette, nämlich aus Ideen der Forschung Produkte zu entwickeln. Auch hier sind wir relativ breit aufgestellt – von der Analyse und Optimierung von Roboterstraßen in der Automobilindustrie bis hin zum kundenindividuellen Design von Möbeln durch CAD-Software.

Die nächste Stufe ist die breite Vermarktung von Produkten und Dienstleistungen durch die etablierten Scheer-Unternehmen. Dieses ist auf dem Gebiet des digitalen Lernens die Scheer IMC; für die digitale Transformation von Unternehmen auf der Basis von SAP-Software steht die Scheer IDS.
Das Unternehmen Scheer PAS legt mit seinem Framework den Fokus auf die Entwicklung von Agenten der Künstlichen Intelligenz und entwickelt eine Integrationsplattform. Meine Aufgabe besteht nun darin, dafür zu sorgen, dass diese Organisationen im Sinne des Innovationsprozesses miteinander interagieren.

IM+io: ​…und das gelingt wie?

AWS: Das klingt zunächst recht einfach, weil die Glieder der Kette einer Logik folgen – in der Praxis konkurriert jedoch jeweils das unternehmerische Eigeninteresse mit der Einsicht, dass Zusammenarbeit einen Mehrwert für eben dieses Eigeninteresse bringt. Konkret gesprochen ist jede Einheit zunächst mit sich selbst beschäftigt, mit den eigenen Ideen und dem eigenen Ehrgeiz, ihre Wachstumsziele zu erreichen. Man glaubt nicht, dass durch die Zusammenarbeit mit anderen ein zusätzlicher Mehrwert entsteht. Die Managementaufgabe besteht daher darin – und das ist tägliche Arbeit –, zu überzeugen, dass eine stärkere Zusammenarbeit tatsächlich Früchte trägt.
Dies kann beispielsweise durch die Organisation persönlicher Kontakte geschehen, indem wir bei Messen und anderen Veranstaltungen unternehmensübergreifend gemeinsam auftreten. Daraus ergibt sich auch, dass Kundinnen und Kunden, die unseren Messestand besuchen oder an einer unserer Tagungen teilnehmen, nicht nur das Angebot eines einzelnen Unternehmens sehen, sondern das mehrerer Unternehmen oder auch des Forschungsinstituts. Dadurch erhalten sie einen breiteren Eindruck von unseren Fähigkeiten, und ihr Interesse sowie ihr Vertrauen in unsere Leistungsfähigkeit werden gefördert.

IM+io: Bildet sich dieses Unternehmensnetzwerk auch konkret in der Organisation ab?

AWS: Ja, ich versuche, durch übergreifende Funktionen eine Verbindung zwischen den Unternehmen herzustellen und zu vertiefen. Insofern haben wir solche Funktionen, die von den Unternehmen gemeinsam genutzt werden, wie HR, Marketing, Einkauf, IT-Infrastruktur, Controlling und Finanzen, in eine Servicegesellschaft ausgegliedert, die für alle Unternehmen zuständig ist. Auch auf der Managementebene haben wir durch Mehrfachverantwortlichkeiten die Verbindungen gestärkt. So werden zwei Unternehmen von dem gleichen CEO geleitet, der dann zwischen diesen Einheiten Synergien heben kann.

Daneben besteht eine Reihe von Workshops, Hackathons und anderen Formaten, an denen jeweils Mitarbeitende der unterschiedlichen Einheiten gemeinsam teilnehmen. Auch das Onboarding neuer Mitarbeitender im Rahmen unserer Welcome Days wird unternehmensübergreifend organisiert.
Insgesamt wird damit versucht, ein Gleichgewicht zwischen dem individuellen Ehrgeiz oder der Individualität der unterschiedlichen Leistungen der Unternehmen in der Produktentwicklung und im Vertrieb einerseits und den Synergien der Zusammenarbeit andererseits herzustellen.

IM+io: Das gemeinnützige August-Wilhelm Scheer Institut forscht und arbeitet im Bereich digitaler Produkte und Prozesse. Welche Strategie verfolgen Sie mit dem Institut?

AWS: Ich war 30 Jahre Universitätsprofessor, und mein Ehrgeiz war es immer, Forschungsergebnisse auch zur Anwendung zu bringen. Dies habe ich durch einen anwendungsbezogenen Forschungsansatz sowie durch die Gründung von Unternehmen verfolgt.
Da die Zusammenarbeit zwischen Wissenschaft und Anwendung in Deutschland bekanntermaßen zu gering ist, habe ich mit dem AWSI einen neuen Forschungsansatz verfolgt. Dieser beinhaltet unter anderem eine stärkere Vernetzung unterschiedlicher Disziplinen. So sind unter den über 100 Wissenschaftlerinnen und Wissenschaftlern rund 40 Disziplinen vertreten. Gleichzeitig geht es uns um eine stärkere Anwendungsnähe. Das heißt, wir versuchen, die Ergebnisse von Forschungsprojekten so aufzubereiten, dass sie auch für eine praktische Umsetzung geeignet sind. Beide Ziele – die Vernetzung der Disziplinen und die Ausrichtung der Forschung auf Anwendungsmöglichkeiten – sind die treibenden Ideen hinter der Gründung des AWSI.

IM+io: Können Netzwerke dabei helfen, diese anwendungsnahen Forschungsergebnisse tatsächlich auf die Straße zu bringen?

AWS: ​Ja, durchaus. Wenn traditionelle Universitätsprofessoren Kontakt zu Unternehmen suchen, neigen sie dazu, mit großen Unternehmen zusammenzuarbeiten und weniger mit mittelständischen Unternehmen. Sie sind also lieber der 128. Berater eines Weltkonzerns als der einzige Berater eines mittelständischen Unternehmens. Sie glauben, dass die Zusammenarbeit mit den Big Names ihre Reputation in der wissenschaftlichen Community stärker erhöht. Ich sehe das anders.

Die Zusammenarbeit mit einem mittelständischen Unternehmen – insbesondere mit einem inhabergeführten Unternehmen – eröffnet deutlich mehr Möglichkeiten, neue Ideen in kurzer Zeit umzusetzen. Man hat sofort Kontakt mit dem Eigentümer, das heißt, es entstehen kurze Entscheidungswege und damit auch schnelle Umsetzungsmöglichkeiten. Moderne Mittelständler ticken anders als frühere Generationen. Sie haben häufig studiert, sind promoviert und aufgeschlossen für neue Ideen. Sie eröffnen damit Forschenden interessante Möglichkeiten zur Umsetzung neuer, disruptiver Ideen. Daher arbeitet auch das AWSI gerne mit mittelständischen Unternehmen zusammen, um diese Vorteile zu nutzen.

Im Rahmen der Digitalisierung richtet das August-Wilhelm Scheer Institut seinen Fokus auf Themenfelder, die sich an den Bedürfnissen der Kunden orientieren. Die Themenschwerpunkte greifen die realen Herausforderungen vor Ort auf, und wissenschaftlich interessante sowie praxisnahe Lösungen werden gemeinsam erarbeitet.

IM+io: Auf die von Ihnen beschriebene individuelle Art netzwerken Sie jedoch nicht nur in und für Ihre Unternehmen. Sie waren auch vier Jahre Präsident des BITKOM, des Interessenverbands der IT- und Kommunikationsbranche …

AWS: Ich habe mich in dieser Rolle jedoch nie als Lobbyist der IT- und Kommunikationsindustrie verstanden. Ich verstand mich vielmehr als Trusted Advisor gegenüber der Politik. Mein Ziel war es, die Politik auf die vielfältigen Chancen und Notwendigkeiten der Digitalisierung, zum Beispiel in der Verwaltung, aufmerksam zu machen. Gleichzeitig habe ich immer wieder auf den Nachholbedarf Deutschlands beim Angebot von IT-Produkten hingewiesen.

Deutschland war und ist ein starker Anwender von IT- und Kommunikationstechnik, spielt aber auf dem Gebiet des Angebots von Hard- und Software lediglich eine untergeordnete Rolle – vom Einfluss von SAP, Telekom und Siemens abgesehen. Mit meinen Hinweisen und Mahnungen habe ich allerdings nicht so viel erreichen können, wie ich es mir gewünscht hätte. Immerhin konnte ich dazu beitragen, dass das Bewusstsein gestärkt wurde – auch wenn dies erst später Wirkung zeigte. So habe ich bereits vor 15 Jahren als Bitkom-Präsident einen Bundesminister für Digitalisierung gefordert; inzwischen wurde dieser von der neuen Regierung eingesetzt.
Insgesamt, wenn ich meine eigenen Anstrengungen reflektiere, bin ich wohl kein schlechter Organisator von Netzwerken, sowohl von der Gestaltung als auch vom Management her, aber weniger ein operativer Netzwerker.

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