KI, die Kreative Intelligenz jetzt in der neuesten Folge SMART&nerdy! Podcastfolge #23.

Andocken statt Abdriften: Kreativnetzwerke mit stabilem Heimathafen
Containerhafen mit Frachtschiffen, Kränen und einer modernen Stadt im Hintergrund und symbolisiert globale Handelsnetzwerke, Logistik und internationale Wirtschaft

Andocken statt Abdriften:

Kreativnetzwerke mit stabilem Heimathafen

Lars Potyka, Dock 11, im Gespräch mit Milena Milivojevic, IM+io

(Titelbild: © Adobe Stock | 788411103 | S photographer)

Kurz und Bündig

Dock 11 ist ein Förderinstrument für das Kreativbranchencluster im Saarland und verbindet Contentplattform, Netzwerkformate und Nachwuchsförderung. Fokus liegt auf Praxiswissen, Sichtbarkeit regionaler Akteur:innen und Aufbau belastbarer Branchenkontakte. Neben Redaktion, Events und Reports entsteht aktuell ein physischer Raum zur Förderung junger Kreativer. Zentrale Themen sind Professionalisierung, Marktzugang und Anpassung an technologische Veränderungen wie KI. Finanzierung erfolgt projektbasiert über Fördermittel.

Ein leerer Raum, ein paar Maschinen, Gespräche zwischen Menschen, die eigentlich nur schnell weiterarbeiten wollten und plötzlich merken, dass sie Teil von etwas Größerem sind. Kreative arbeiten oft allein, denken in Projekten und reagieren auf Märkte, die sich schneller verändern als Planungen greifen. Wie entsteht aus vielen Einzelkämpfer:innen ein funktionierendes Ökosystem?

IM+io: Zum Einstieg: Was ist Dock 11, wen unterstützt ihr konkret – und wie ist das Ganze entstanden?

LP: Dock 11 ist ein Clusterförderinstrument für die Kultur- und Kreativwirtschaft. Es ist ein Projekt der saaris GmbH, finanziert durch das Ministerium für Wirtschaft, Innovation, Digitales und Energie des Saarlandes. Die Idee hängt mit der Entwicklung zusammen, dass die Kultur- und Kreativwirtschaft ab etwa 2008 als eigener Sektor stärker verstanden und auch politisch sichtbar gemacht wurde, inklusive der Einteilung in 11 Teilmärkte. Die Förderung ist in Deutschland vor allem Aufgabe der Länder. Im Saarland wurde damals eine Stelle ausgeschrieben, um die Förderung neu aufzustellen. Ich bin aus Berlin gekommen, hatte vorher Verbands- und Agenturerfahrung, und habe dann in enger Abstimmung mit dem Wirtschaftsministerium ein Konzept und einen Förderantrag entwickelt. Dock 11 ist damit kein “neu erfundenes” Modell, sondern eine saarländische Ausgestaltung von Kreativwirtschaftsförderung, die es in ähnlicher Form auch in anderen Ländern gibt.

IM+io: Woher kommt der Name Dock 11?


LP: Der Name kommt aus der Logik der 11 Teilmärkte der Kultur- und Kreativwirtschaft. Eine Agentur hat mehrere Namen vorgeschlagen, entschieden wurde sich für Dock 11: Die 11 steht für die Teilmärkte und “Dock” für die Idee eines Hafens, an dem diese Teilmärkte andocken können.

IM+io: Was macht ihr anders als klassische Kreativwirtschaftsförderung?


LP: Viele Bundesländer haben lange sehr klassisch gearbeitet: Sprechstunden, 1:1-Beratung, sehr ressourcenintensiv und oft mit ähnlichen Fragen, die immer wieder kommen. Wir hatten nicht die Ressourcen, das so zu machen, und haben uns deshalb von Anfang an eher wie eine Kommunikationsagentur aufgestellt. Wir erstellen eigenen Content und kommunizieren ihn in die Zielgruppe: Praxiswissen, Ausschreibungen, Branchenthemen, Events, Best Practices und Sichtbarkeit für herausragende Akteure.
Dafür haben wir eine Online-Redaktion aufgebaut (Text, Video, Podcast) und eine Plattform, auf der die Inhalte gebündelt werden. Gleichzeitig spielen wir den Content über Reichweitenkanäle aus, früher stärker über Facebook, heute vor allem über Instagram und verlinken zurück auf die Plattform.


IM+io: Welche Rolle spielt die Plattform konkret?


LP: Die Plattform ist Sammelpunkt und Einstieg. Sie bündelt Inhalte, wird aber auch direkt von der Zielgruppe angesteuert. Darüber hinaus ist eine Datenbank entstanden, in die sich Kreativschaffende eintragen können. Das wurde anfangs eher “mitgemacht”, hat sich aber über die Jahre als relevant erwiesen: Es gibt Nachfrage nach Profilen und Dienstleistern, und es ist ein Grundstock an vielen relevanten Akteuren aus der Region entstanden. Das sorgt für Sichtbarkeit und Auffindbarkeit im Ökosystem.

IM+io: Und offline: Wie baut ihr Netzwerke jenseits der Plattform?


LP: Über Veranstaltungsformate. Wir haben sehr bewusst niedrigschwellige Formate gewählt: abends, in szenetypischen Locations, gut zugänglich, mit gut moderierten Panels und oft mit Gästen von außerhalb, damit wirklich neuer Input reinkommt. Dadurch saß alle paar Monate ein großer Teil der Branche in einem Raum, hat sich gesehen, diskutiert und vernetzt. Zusätzlich gab und gibt es größere, tiefer gehende Formate, etwa Kongresse, zum Beispiel zu Nachtökonomie oder zuletzt zu KI in der Kreativwirtschaft, teils mit starken Partnern wie dem DFKI und medialer Aufmerksamkeit.

IM+io: Ihr habt inzwischen auch einen eigenen Raum. Was ist der Gedanke dahinter?


LP: Seit einiger Zeit bespielen wir einen Ort am Neumarkt 15 in Saarbrücken. Der Fokus liegt stark auf Nachwuchsförderung. Wir haben über Jahre gesehen: Es gibt viele junge Kreative, die von Uni oder Hochschule kommen, aber viele sind nicht darauf vorbereitet, professionell zu wirtschaften. Sie können ihr Handwerk, aber ihnen fehlt oft das Know-how, wie man selbstständig arbeitet, vermarktet und Einnahmen stabil aufbaut. Genau dafür bauen wir Angebote auf – gemeinsam mit Universitäten und der IHK, auch so, dass der Ort als Dienstort genutzt werden kann, etwa für Seminare. Ziel ist, dass Absolvent:innen nicht sofort abwandern, sondern ihr Thema noch sechs bis zwölf Monate weiterentwickeln und vermarkten, mit Netzwerk, Infrastruktur und Verwertungsumfeld vor Ort.

IM+io: Wie holt ihr junge Kreative konkret in dieses Netzwerk rein?


LP: Nicht so sehr über “kommt zu uns”, sondern eher aktiv: Wir gehen dorthin, wo Potenzial ist, und holen Gruppen rein. Zum Beispiel über Partner, die schon Netzwerke in Hochschulen haben. Dann entstehen Formate, in denen plötzlich 15 Leute aus einem Bereich bei uns sitzen. Erst wenn diese “Ladung” da ist, kann man bilateral schauen, wer was braucht. Der Grund ist simpel: Viele Kreative sind so in ihrem Tun, dass sie selten den Kopf heben. Wenn man sie nur breit als Einzelne anspricht, ist das extrem ressourcenintensiv und ineffizient.

IM+io: Reicht ein einzelnes Event für Bindung, oder was funktioniert bei euch?


LP: Einzelne Abende helfen, aber entscheidend sind längere und wiederkehrende Formate. Wir machen zum Beispiel eine ganze Professionalisierungswoche mit der Hochschule. Es gibt auch Kolloq-Formate, die über das Jahr laufen, teils zweiwöchentlich oder alle paar Wochen. Dazu kommen konkrete Chancen wie gemeinsame Präsenzen auf Comic- oder Kunstmessen. Diese Wiederholung baut Beziehung und Verbindlichkeit auf und wir wissen dadurch auch, wer die Leute sind, weil wir sie über Zeit erleben.

IM+io: Welche Tools oder Systeme nutzt ihr, um das Ganze technisch zu organisieren?


LP: Da sind wir gerade im Aufbau. Mit dem Raum kommt der Bedarf nach einem abgeschlossenen, sicheren System fürs Ressourcenmanagement: Maschinen wie Laser Cutter, Plotter oder Druckmaschinen müssen gebucht werden, und es braucht Regeln, wer woran darf, inklusive Einweisung und Zertifizierung. Das betrifft potenziell ein paar hundert Leute. Fürs Ressourcenmanagement ist ein Dienstleister beauftragt. Für direkte Kommunikation gibt es noch kein fertiges System, das ist in Arbeit. Im Kern ist das ein Community-Management-System, wie man es auch aus Coworking-Spaces kennt.

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Abbildung 1: Vortrag und Austausch. (Dock 11)

IM+io: Wie sorgt ihr dafür, dass die Kreativwirtschaft auch außerhalb ihrer eigenen Szene sichtbar wird?


LP: Vor allem über Online-Kommunikation und gezielte Kampagnen in Richtung traditionelle Wirtschaft. Wir arbeiten mit Partnern wie anderen Zeitschriften zusammen und stellen dort Akteure vor, die herausragend sind. Zusätzlich geben wir Reports heraus, zum Beispiel zuletzt zu Urban Art und Graphic Novel, mit einem Überblick über Akteure im Saarland – die waren sehr schnell vergriffen. Dazu kommt klassische PR-Arbeit mit Medien.

IM+io: Kannst du ein konkretes Beispiel nennen, wie ihr Reichweite für Nachwuchsakteure erzeugt?


LP: Im Musikbereich haben wir ein Format entwickelt, das “Verstärker” heißt. Alle drei Monate holen wir drei Nachwuchsacts auf die Bühne. Im Mittelpunkt steht nicht nur das Konzert, sondern eine hochwertige Liveproduktion mit mehreren Kameras und Live-Mix. Die Acts bekommen danach Material, mit dem sie sich bewerben und kommunizieren können – etwa für Festivals. Wir spielen das zusätzlich als Kampagnen aus, deutschlandweit und teils europaweit. Einmal im Jahr nehmen wir dann vier Acts mit aufs Reeperbahn Festival nach Hamburg für ein Showcase vor internationalem Fachpublikum.

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Abbildung 2: Workshop-Event. (Dock 11)

IM+io: Wie finanziert ihr solche Projekte?


LP: Über Förderprojekte. Wir machen daraus jeweils Anträge und reichen sie bei den passenden Stellen ein, bei Ministerien auf Landesebene oder auch bei Institutionen auf Bundesebene.

IM+io: Was hat dich in den letzten Jahren am meisten überrascht?


LP: Wie massiv und schnell sich gerade durch KI Dinge verändern, besonders in der Musikwirtschaft, die solche Umbrüche oft als erstes spürt. Das Tempo und die Größe der Disruption sind für viele im Business kaum greifbar. Es geht nicht nur um “KI kann Musik machen”, sondern um Masse und Marktlogik: Es wird unfassbar viel Content hochgeladen, und ein großer Teil wird von niemandem gehört. Gleichzeitig verschiebt sich die Frage, wie Wertschöpfung und Ausschüttungen funktionieren, wenn Inhalte zunehmend KI-generiert sind. Das ist nur ein Teil – das Ganze ist extrem komplex und passiert so schnell, dass vieles binnen Monaten wieder überholt ist.

IM+io: Kommen Kreative mit diesen KI-Fragen zu euch und wie könnt ihr helfen?


LP: Ehrlich gesagt: Kaum. Die Leute, die wirklich wissen, was sie tun müssen, brauchen uns nicht. Und viele, die davon betroffen sein werden, merken es noch nicht. Wir bieten deshalb eher Orientierung über Veranstaltungen: Panels mit Praktikern, Inputs aus anderen Ländern, Einordnung durch Verbände, Urheberrechtsfragen. Für tiefe, sehr spezifische Beratung sind wir nicht die richtige Stelle, weil wir für 11 Teilmärkte da sind und die Probleme extrem unterschiedlich sind. Was wir aber leisten können: Awareness schaffen, Orientierung geben, Menschen vernetzen und an die richtigen Profis weitervermitteln, auch wenn das dann oft Geld kostet, weil echte Spezialberatung nicht gratis ist.

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Abbildung 3: Workshop-Event. (Dock 11)


IM+io: Wenn KI alles produzieren kann: Wo bleibt dann der Platz für Menschen in der Kreativwirtschaft?


LP: Die technische Entwicklung ist kaum aufzuhalten: Musik, Layout, Grafik, Text, Bild, Bewegtbild. Gleichzeitig ist viel davon “seelenlos”, und genau das kann auch eine Grenze sein, weil Menschen oft Beziehung und Persönlichkeit wollen. In vielen Bereichen funktioniert Wertschöpfung stark über Personalisierung: Communities unterstützen Kreative, weil sie die Person und die Idee dahinter mögen. Das wird nicht automatisch durch generierten Content ersetzt. Das größere Problem liegt eher in den Brot-und-Butter-Jobs: Layouts, Routineaufträge, Dinge, die Miete zahlen. Wenn diese Tätigkeiten wegbrechen, entsteht eine Lücke, die viele erst noch auffangen müssen.

IM+io: Mit Blick auf Netzwerke, was würdet ihr heute anders machen?


LP: Mir fällt für Dock 11 nichts Konkretes ein, was wir grundlegend anders machen würden. Wir haben uns von Anfang an bewusst agil und unabhängig aufgestellt, damit wir jederzeit umsteuern können. Andere Förderinstitutionen in der Kreativwirtschaft haben größere Probleme, weil sie in Verwaltungsstrukturen eingebunden sind und weniger beweglich sind. Diese Unabhängigkeit war für uns ein Kernprinzip, und darauf haben wir immer geachtet.

IM+io: Und das Community-System, das ihr jetzt aufbaut: Wäre das früher besser gewesen?


LP: Das passt zum Timing. Den Raum haben wir erst jetzt, und vorher war die Ansprache eher breiter und oberflächlicher über Kommunikation. Jetzt, mit Raum und Ressourcen, braucht es direkte, sichere und organisierte Kommunikation mit Einzelnen. Deshalb ist das Community-System jetzt der richtige nächste Schritt.

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