KI, die Kreative Intelligenz jetzt in der neuesten Folge SMART&nerdy! Podcastfolge #23.

Mittelstand im Dialog: Vernetzte Familienunternehmen beschleunigen Wandel
Baum aus Holz, dessen Äste zu Symbolen von Menschen führen und damit ein Netzwerk aus miteinander verbundenen Personen darstellen
Business image of wooden tree with people icons, human resources and management concept

Mittelstand im Dialog:

Vernetzte Familienunternehmen beschleunigen Wandel

Tobias Rappers, Maschinenraum GmbH

(Titelbild: © Adobe Stock | 435551477 | tomertu)

Kurz und Bündig

88 Prozent der privaten Unternehmen in Deutschland sind familienkontrolliert und beschäftigen 18,3 Millionen Menschen. Gleichzeitig verschärfen Fachkräftemangel, Digitalisierung, KI und neue Regulatorik den Innovationsdruck, während Deutschland im BDI-Innovationsindikator nur Rang 12 belegt. Netzwerke wie der Maschinenraum machen systematische Kooperation zur strategischen Infrastruktur für Transformation. Das Ökosystem vernetzt rund 80 Familienunternehmen in 20 Fachbereichen und organisiert jährlich etwa 300 moderierte Austauschformate.

Ob Industrieunternehmen im Schwarzwald, Logistikbetriebe in Norddeutschland oder Chemieunternehmen in Hessen – sie alle stehen vor denselben Herausforderungen: Fachkräftemangel, Digitalisierung, neue Regulatorik und steigende Nachhaltigkeitsanforderungen. Viele suchen die Lösung noch innerhalb der eigenen Organisation. Doch die entscheidende Ressource liegt häufig außerhalb der eigenen Strukturen – im systematischen Austausch mit anderen, die ähnliche Transformationsaufgaben bewältigen. Wird Zusammenarbeit zur zentralen Innovationsstrategie der kommenden Jahre?

Deutschland verfügt über einen einzigartigen industriellen Schatz, tiefes technologisches Know-how und eine von Familienunternehmen geprägte Kultur des langfristigen Denkens. Doch die Herausforderungen, vor denen die Unternehmen stehen, drohen diesen Wettbewerbsvorteil zunichtezumachen. Dabei verschärfen sich zwei Entwicklungen gegenseitig: Einerseits wird der Fachkräftemangel immer drängender. Andererseits beschleunigt sich der Wandel: Digitalisierung und Künstliche Intelligenz verändern Geschäftsmodelle, neue Regulatorik schafft Compliance-Druck, Nachhaltigkeitsanforderungen erfordern Investitionen. Schon heute belegt Deutschland im Innovationsindikator des BDI im internationalen Vergleich nur Rang 12. [1]

Was Unternehmen sich dabei klar machen sollten: Sie alle stehen vor ähnlichen Aufgaben – von Maschinenbauenden im Schwarzwald über Logistikdienstleistende in Hamburg bis hin zum Chemiekonzern in Hessen. Und kein Unternehmen kann die Herausforderungen mehr im Alleingang bewältigen. Die Lösung liegt in einem grundlegend veränderten Ansatz: der systematischen Zusammenarbeit über Unternehmensgrenzen hinweg. Der Maschinenbauer kann von Digitalisierungsstrategien lernen, die im Logistiksektor bereits Standard sind, oder der Chemiekonzern agile Methoden übernehmen, die Tech-Unternehmen seit Jahren nutzen. Wenn Unternehmen Ressourcen gemeinsam nutzen und ihr Wissen systematisch austauschen, lassen sich komplexe Herausforderungen nicht nur schneller, sondern auch fundierter bewältigen.

Warum es bei Familienunternehmen besonders auf die Zusammenarbeit ankommt

In Deutschland haben Familienunternehmen eine besondere Stellung inne. 88 Prozent aller privaten Unternehmen in Deutschland sind familienkontrolliert; sie beschäftigen 18,3 Millionen Menschen. [2] Ihre Innovations- und Transformationsfähigkeit ist damit nicht nur eine betriebswirtschaftliche Frage, sondern volkswirtschaftlich entscheidend. In der Vergangenheit waren sie jedoch eher bekannt dafür, allein und zurückhaltend zu agieren. Deutschland ist das Land der Hidden Champions. Es braucht also einen Paradigmenwechsel von Geheimniskrämerei und Konkurrenzgedanken hin zu Innovationsnetzwerken. Hierfür haben die Familienunternehmen einen entscheidenden Vorteil: Weil sie über ein ähnliches Mindset verfügen, gelingt die Transformation durch Kooperation im Mittelstand besonders gut.

Das Ökosystem als Innovationsinfrastruktur

Unternehmen, die Transformation weiterhin isoliert angehen, riskieren den Anschluss in kritischen Zukunftsfeldern. Wie kann systematische Kooperation also konkret funktionieren? Erfolgreiche Netzwerkarbeit erfordert ein grundlegendes Umdenken. Sie funktioniert nicht als Einbahnstraße, in der Unternehmen lediglich Informationen abholen. Wer nachhaltig profitieren will, muss bereit sein, eigenes Wissen zu teilen, Erfahrungen offenzulegen und offen in den Austausch zu gehen. Zugleich braucht wirksame Zusammenarbeit professionelle Strukturen. Erst durch kuratierte Formate, klare Themenstellungen und kontinuierliche Begleitung entstehen die Verbindlichkeit und Tiefe, die echte Innovation ermöglichen.

Ein Beispiel für diese Form der Zusammenarbeit ist das Innovationsökosystem Maschinenraum. Es vernetzt rund 80 deutsche Familienunternehmen entlang von 20 funktionalen Fachbereichen – von Digitalisierung über Nachhaltigkeit bis Personal. Alle Mitarbeitenden aller Hierarchieebenen in den Mitgliedsunternehmen können auf Ressourcen des Maschinenraums zugreifen. Sie haben verschiedene Tools und Formate zur Verfügung, die helfen, Herausforderungen anzugehen und Lösungen zu finden. In rund 300 moderierten Austauschformaten pro Jahr diskutieren Mitglieder praktische Fragestellungen und treffen fundierte Entscheidungen. Darüber hinaus gibt es eine Online-Community und ein Navigator-Tool, über das alle Mitglieder ihre Fragen stellen und mit den richtigen Ansprechpartner:innen in anderen Unternehmen vernetzt werden. Drei Praxisbeispiele von Mitgliedsunternehmen veranschaulichen, wie diese den Netzwerkgedanken für ihre Weiterentwicklung nutzen.

1. Co-Creation zur gemeinsamen Entwicklung von Lösungen

Co-Creation-Programme sind ein Ansatz, über den Unternehmen bestimmte Innovationsvorhaben schneller und risikoärmer realisieren können. Sie arbeiten über mehrere Monate zusammen an konkreten Fragestellungen. So standen beispielsweise verschiedene Unternehmen vor dem Problem, dass ihre Personalentwicklung keine strukturierte Übersicht über die vorhandenen und benötigten Kompetenzen hatte. Das führte dazu, dass sowohl die Rekrutierung als auch die Weiterbildung der Mitarbeitenden nicht optimal auf den tatsächlichen Bedarf abgestimmt war.

Gemeinsam an Skill-Konzepten für ihre Unternehmen gearbeitet haben im Maschinenraum unter anderem schon Familienunternehmen wie ebm-papst oder Peri. Unternehmen mit Größenordnungen von 250 bis 20.000 Mitarbeitenden bringen unterschiedliche Anforderungen in das Programm ein. Gleichzeitig ermöglichen die verschiedenen Perspektiven eine steile und kollektive Lernkurve. Die Teilnehmenden testen Lösungen direkt im laufenden Betrieb, passen sie an, verwerfen Ansätze und probieren neue aus. Der Maschinenraum übernimmt sowohl die Aufgabe, passende Mitglieder zusammenzubringen, als auch das Co-Creation-Programm mit seinen Expert:innen gezielt zu unterstützen und die Zusammenarbeit zu moderieren.

2. Von der Idee zur Ausgründung

Auch Innovationsprojekte einzelner Unternehmen können durch Netzwerkstrukturen ermöglicht werden. Wie das gelingt, zeigt der Fall des Baustoffherstellers DAW. Im Unternehmen hatte sich durch einen internen Ideenwettbewerb das Konzept für einen elektrisch leitfähigen und magnetischen Wandaufbau entwickelt, mit dem Bildschirme, Lautsprecher, Leuchten oder Dekorationen flexibel an einer Wand befestigt und Räume nach Belieben umgestaltet werden können. Doch nachdem die Entscheidung gefallen war, das Projekt mit Budget und Ressourcen auszustatten, stockte es. Genau hier liegt das Problem: Meist fehlt es Familienunternehmen nicht an Ideen, sondern es scheitert an der Umsetzung.

Mangels passender Strukturen und eigener Erfahrungen mit Ausgründungen wandte sich DAW an den Maschinenraum. Dort entstand in Formaten zu Geschäftsmodell-, Gründungs- und Teamentwicklung ein tragfähiges Konzept. Prototypen wurden gemeinsam mit anderen Mitgliedsunternehmen entwickelt, getestet und validiert. So konnte DAW in einem frühen Entwicklungsstadium sehen, ob die Idee trägt. Zudem unterstützte der Austausch im Ökosystem dabei, das optimale Geschäftsmodell für die Realisierung zu finden: die erfolgreiche Ausgründung unter dem Namen flexfy. Dieses Praxisbeispiel verdeutlicht, wie die Überwindung interner Ressourcenengpässe durch externe Expertise gelingen kann. Ohne diese Netzwerkressourcen wäre die Idee möglicherweise im Ideenstadium verblieben.

3.Personalentwicklung als Netzwerkaufgabe

Netzwerke entfalten ihre Wirkung nicht nur bei Innovationsprojekten, sondern auch bei Themen wie der Personalentwicklung. Bis 2035 scheiden laut Institut für Arbeitsmarkt- und Berufsforschung (IAB) rund sieben Millionen Erwerbstätige aus dem Arbeitsmarkt aus. [3] Der demografische Wandel trifft Familienunternehmen mit ihrer langjährigen Mitarbeitendenbindung besonders hart, während gleichzeitig technologische Entwicklungen wie Künstliche Intelligenz neue Kompetenzen in immer kürzeren Zyklen erfordern. Für die gezielte Personalentwicklung fehlt jedoch oft die Struktur. Personalabteilungen sind unterbesetzt, das Tagesgeschäft frisst die Zeit für strategische Arbeit, während Budget und Kapazität für maßgeschneiderte Programme fehlen.

Auch Personalentwicklung sollte deshalb zur Netzwerkaufgabe werden. Externe Partner können die Personalabteilung erheblich entlasten – wenn Qualität, Passung und Haltung stimmen. In einem Netzwerk können Unternehmen die Ressourcen und das Know-how zur Personalentwicklung gemeinsam nutzen: durch die gemeinsame Entwicklung von Formaten, die allen offenstehen, sowie durch die Bündelung und gegenseitige Öffnung bereits existierender Trainingsangebote. So entstehen Lernsettings, in denen sich Mitarbeitende verschiedener Unternehmen gemeinsam weiterentwickeln und dabei von den unterschiedlichen Perspektiven und Herangehensweisen profitieren. Die Maschinenraum Academy beispielsweise bietet einen Trainingskatalog für alle Mitglieder sowie spezifische Formate, um Mitarbeitende für den Umgang mit aktuellen Herausforderungen zu befähigen – von Change Management über Leadership bis hin zu agilen Methoden und digitalen Kompetenzen.

Von der Option zum Imperativ

Die aufgeführten Handlungsfelder verdeutlichen, wie Netzwerke zur kritischen Infrastruktur für Transformation werden. Ökosysteme wie der Maschinenraum zeigen einen neuen Weg der Zusammenarbeit auf, bei dem Unternehmen Wettbewerber im Markt bleiben, aber zu Partnern bei der Bewältigung gemeinsamer Zukunftsfragen werden.
Die entscheidende Frage lautet nicht mehr, ob Netzwerkarbeit sinnvoll ist, sondern wie schnell Unternehmen den Schritt von gelegentlichem Austausch zu systematischer Zusammenarbeit vollziehen. Wer heute noch isoliert agiert, riskiert morgen den Anschluss. Die Stärke deutscher Familienunternehmen lag immer in ihrer Anpassungsfähigkeit. Jetzt gilt es, diese auf ein neues Level zu heben.

Quellen und Nachweise

  • [1] BDI/Roland Berger/Fraunhofer ISI/ZEW (2025): Innovationsindikator 2025. Zusammenfassung: Deutschland wird weniger innovativ. Berlin/München. Online verfügbar unter: https://www.innovationsindikator.de/2025/zusammenfassung (Abrufdatum: 05.02.2026).
  • [2] Gottschalk, Sandra; Holste, Lion (2025): Die volkswirtschaftliche Bedeutung der Familienunternehmen. 7. Auflage. Studie im Auftrag der Stiftung Familienunternehmen. Mannheim: ZEW – Leibniz-Zentrum für Europäische Wirtschaftsforschung.
  • [3] Fuchs, Johann; Söhnlein, Doris; Weber, Brigitte (2021): Projektion des Erwerbspersonenpotenzials bis 2060: Demografische Entwicklung lässt das Arbeitskräfteangebot stark schrumpfen. IAB-Kurzbericht 25/2021. Nürnberg.
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